CTS-MUM
Irish Folk Festival 2000, Berlin, Hochschule der Künste, 25.10.2000
 
Wie jedes Jahr gab es auch im Jahr 2000 wieder eine Irish Folk Festival-Tournee, um unsere pop- und rockverquollenen Ohren mit etwas folkloritischer Abwechslung aus dem gälschen Bereich zu erfreuen. Im Vorfeld gab es einige Stimmen, die Besetzung des Jahres 2000 könnte im Vergleich zu vergangenen Veranstaltungen etwas weniger rezivoll sein, der Abend sollte aber zeigen, dass diese Befürchtungen sich nicht bewahrheiten sollten.

Der komplett bestuhlte Saal der HdK war nicht nur voll, sondern auch erwartungsvoll, als Joe Burke und Anne Conroy das Festival eröffneten. Während Joe seine Fähigkeiten am Akkordeon unter Beweis stellte, spielte Anne anfangs lediglich einige nicht unbedingt komplizierte Gitarrenakkorde zur Begleitung, so dass man sich schon fragte, wo denn ihre Stärken liegen würden. Etwas später dann griff aber auch Anne zum Akkordeon und von nun an wurde um die Wette gespielt, mal unisono, mal im Wechsel, mal ergänzend - und immer flotter, immer eindrucksvoller. Ein gelungener Einstieg in den Abend, der im Publikum Stimmung aufkommen ließ, und hinten rechts erhob sich sogar ein Männeken und tanzte...

Es folgte ein absoluter Höhepunkt des Abends, die Sängerin Karan Casey, die nach ihren sechs Jahren in Amerika, wo sie als Frontfrau der Band Solas bekannt wurde, letztes Jahr wieder in ihre Heimat Irland zurückkehrte. Nun arbeitet sie an ihrer Solokarriere, zusammen mit dem Gitarristen Robbie Overson, der sie natürlich auf die Bühne begleitete. Karan überzeugte mit einfühlsamen, ruhigeren Songs und einer großartigen, kristallklaren Stimme.

Als dritter Act zogen Kennedy's Gathering Storms das Tempo wieder gewaltig an, mit beschwingtem, flotten Folk, den sie gekonnt vortrugen. Gleich zu Beginn verwiesen sie darauf, als Schotten im Irish Folk Festival ja eher Exoten zu sein, erklärten dann aber die musikalischen Parallelen der Länder und ihre Liebe zur Musik. Sänger und Gitarrist Ross Kennedy machte gut Stimmung und brachte auch den einen oder anderen lockeren Spruch, um das Publikum aufzuheitern. Unterstützt wurde er von starken Angus Lyon, der mal am Keyboard im Hintergrund stand, mal aber auch am Akkordeon zeigte, warum er gleich fünfmal hintereinander "United Kingdom Champion" auf diesem Instrument war, außerdem von Chris Stout an der Fiddle und Rod Paul an der Bouzouki, Mandoline und am Banjo. Inmitten der das Männeken wieder zum Tanzen animierenden Stücke streute Ross eine ruhige, gefühlvolle Ballade ein, die für einen kurzen Moment Besinnlichkeit aufkommen ließ.

Nach einer Pause, in der man sich mit irischem Whisky oder Bier beglücken, an einer Irlandreisenverlosung teilnehmen oder auch das Magazin "Folker" abonnieren konnte, kam man zur letzten Band des Abends, Nomos, die 2000 ihr zehnjähriges Bestehen zelebrieren. Das Quintett aus der südirischen Hafenstadt Cork bot die größte Stilvielfalt der anwesenden Gruppierungen. Von stimmungsvollem, meist instrumentalem Irish Folk über von Folk beeinflusste, vokale Gitarrenpopstücke bis hin zu ruhigen Balladen bekam man ein abwechslungsreiches Programm geboten. Der in gebrochenem Englisch anfangs als "... und er ist unsere Kinder" (wir hoffen, doch mal, dass es gebrochenes Deutsch und nicht korrektes Kannibalendeutsch mit einem s mehr war) angekündigte Bassist Eoin Caughlan entpuppte sich als vielleicht wichtigstes Bandmitglied, wechselte er doch häufig zur Akustikgitarre und trug dann viele selbst komponierte, überzeugende Songs, mal mit Unterstützung seiner Kollegen, mal solo, vor. Sowieso war das Klangbild von Nomos viel offener als das der anderen, doch eher traditionellen Formationen, hier wurde mit elektronischem Bass und mit mehr Keyboardklängen gearbeitet, ohne aber die Wurzeln des Folk zu verleugnen, schließlich hatten die meisten Instrumente und Melodien hier ihren Ursprung.

Das Highlight des zuende gehenden Abends boten dann alle teilnehmenden Künstler gemeinsam, indem sie zu einer großen Familie fusionierten und zusammen noch einige extrem stimmungsvolle Songs darboten, die das Publikum dann endlich auch von den Stühlen rissen. Wurde vorher nur ab und an mitgeklatscht, so kochte nun der Saal. Ein wieder mal gelungenes Irish Folk Festival, was man wohl wirklich als festes Muss auch für die kommenden Jahre im Kalender anstreichen kann.

(Tobi)