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Sziget Festival, Budapest, Ungarn, 9.-16.08.2006
 
Faszination Sziget - Echtes Festivalgefühl zum kleinen Preis

Viele Musikfestivals gibt es nicht, auf denen eine Hare Krishna Punkrockband mit Größen wie Radiohead, Franz Ferdinand oder Placebo ernsthaft konkurrieren kann. Jedenfalls was den Spaß- und Feier-Faktor anbelangt. Möglich macht so etwas immer wieder auf verblüffende Art und Weise das Sziget Festival in Budapest.

Gut halbstündige, aus kaum mehr als drei Akkorden gebastelte episch breite Songs, deren Lyrics einzig aus "Hare Krishna Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama Hare Rama" bestehen, erscheinen dem gemeinen Festivalbesucher zunächst eher suspekt. Dennoch ist das ein wenig abseits gelegene Krishna-Zelt stets brechend voll mit tanzenden, pogenden und zugegebenermaßen meist ein wenig betrunkenen Leuten.

Sonderbare Geschichten wie diese und dazu das internationale Flair mit Feiernden aus aller Herren Länder machen aus dem Sziget ein so besonderes Festival. "Hier findest du deutsche Rocker, serbische Punks, holländische Studenten und französische Automechaniker", sagt Norbert (28) aus Ungarn, "und alle nehmen Rücksicht aufeinander und feiern friedlich miteinander." Er selbst verdient sich den freien Eintritt zum Festival auf besondere Weise: Im Chakra Garten praktiziert er gemeinsam mit anderen das Prananadi, eine alte tibetanische Heilmethode, die lehrt, wie man sich und anderen durch Energieübertragung hilft.

Das Sziget Festival fand in diesem Jahr zum 14. Mal statt, wie immer in idyllisch-entspannter Atmosphäre auf der Donauinsel Obuda im nördlichen Teil Budapests. Und wie immer war auch diesmal für jeden Geschmack etwas dabei: von Weltmusik über Rock und Pop bis hin zu Reggae und Dance. Den besonderen Touch erhält das Sziget aber durch außergewöhnliche Events, die man sonst auf Festivals nicht findet: so haben die Organisatoren dieses Jahr beispielsweise allabendlich eine Silent Disco veranstaltet. Jeder Gast erhält beim Betreten der Location Kopfhörer und kann damit zwischen den verschiedenen DJs, die auflegen, auswählen. So ergibt sich eine bunte Mischung von Tanzstilen, was bei den Besuchern mitunter Extrem-Lachanfälle auslöst und für teilweise groteske Bilder auf der Tanzfläche sorgt.

Ein weiteres Highlight ist das Cinetrip Zelt. Bis in den frühen Morgen werden zu schnellen Trance-, House- und Techno-Beats wechselnder DJs Laserstrahlen durchs offene Dach gejagt und extravagante Bilder und Videos im 360-Grad-Modus an die Wände projeziert.

Für Patricia (26) aus Ingolstadt ist das Sziget "eh das beste Festival der Saison", und das obwohl ihr und ihren Freunden hier letztes Jahr das Auto gestohlen worden ist. Deshalb sei sie dieses Mal mit dem Nachtzug angereist. Patricia ist bereits zum dritten Mal beim Sziget dabei und hat schon so etwas wie einen Stammplatz für ihr Zelt. Zentral gelegen, aber dennoch relativ ruhig und fern der einfallenden Menschenmassen. Sie freut sich, dass Sie gerade ganz zufällig Freunde aus Pfaffenhofen getroffen hat, die mit zweitägiger Verspätung eintreffen und noch einen Platz zum Campen suchen.

Tom (34) aus München ist in erster Linie wegen Placebo nach Budapest gekommen. Sein Ziel ist es, dieses Jahr so viele Konzerte seiner Lieblingsband wie möglich zu besuchen. "Bin fast schon so was wie ein Groupie", lacht er, "und das in meinem Alter." Er freut sich jedoch ebenso auf die Auftritte anderer Bands und Künstler. Die Pausen zwischen den Acts genießt er meist bei einem Chai Tea im Cökxpôn Ambient Zeltgarten. Dort läuft rund um die Uhr stimmungsvolle, meditative elektronische Musik. Man kann sich dazu auf eigens ausgelegtem Teppichboden niederlassen und seine Sinne auf die eher sanften, lang gezogenen Akkorde sowie auf die räumlichen und visuellen Effekte richten. Ambient-Musikstücke sind meist sehr lang und haben einen ganz gemächlichen Aufbau, ohne der klassischen Songstruktur zu folgen. "Das hilft mir, dem hektischen Treiben auf der Insel ein wenig zu entfliehen und ein bisschen zu mir zu kommen", erklärt Tom.

Manche Besucher – oder eher Nicht-Besucher – stören sich möglicherweise daran, dass nicht so viele bekannte Namen beim Sziget Festival auftreten, sondern nur eine Handvoll. Doch selbst dies hat seine positiven Seiten: das Festival bleibt weniger kommerziell und die Sicherheit eher gewährleistet. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass durch die stetig steigende Besucherzahl und die zunehmende Popularität des Festivals auch die ganz Großen aufmerksam werden. Das diesjährige Line-up jedenfalls bestätigt diesen Trend: Neben Radiohead, Franz Ferdinand und Placebo sind Iggy Pop, The Prodigy und The Scissor Sisters mit von der Partie. Das Ganze zu einem bemerkenswert geringen Preis. Ein Wochenticket inklusive Camping kostet gerade mal 120 Euro, ein Tagesticket 24 Euro. Angesichts der Tatsache, dass Robbie Williams für ein Konzert in Budapest kürzlich 60 Euro verlangt hat, geradezu ein Schnäppchen.

Auch mit der tollen Lage des Sziget kann kaum ein anderes Festival konkurrieren. Die Obuda Insel liegt mitten in der Donau und gerade mal sieben Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Shuttlebusse verkehren regelmäßig hin und zurück, und sogar ein Fährservice über den Fluss ist eingerichtet. Sarah macht sich nach drei Campingtagen die Nähe zur Stadt zu Nutze. Wenngleich die Hygieneeinrichtungen auf dem Festivalgelände überdurchschnittlich gut sind, hat die 28jährige Biologin aus Hannover das Bedürfnis, einmal ein ausgiebiges Bad zu nehmen und in Ruhe zu duschen. Und wo könnte sie dies besser tun als in einem der vielen historischen Thermalbäder Budapests. Sie entscheidet sich für das bekannte Gellért Bad am Fuße des Zitadellen-Berges, wo sie neben dem belebenden Sprudel- auch ein Sonnenbad nimmt und ein bisschen Schlaf nachholt.

An allen anderen notwendigen Einrichtungen fehlt es auf der Festivalinsel nicht: Es gibt zwei Supermärkte, Bankfilialen und eine Apotheke. Ärzte und einen Rettungsdienst sowieso. Dolmetscher, 100 Internet-PCs und ein Fundbüro ergänzen den Service. Sogar ein betreuter Kindergarten mit qualifizierten Mitarbeitern steht zur Verfügung.

Nur das Essen ist etwas gewöhnungsbedürftig: die äußerst Fleisch lastige und pikante ungarische Küche schlägt manchen nicht nur auf den Magen, sondern nach einer Woche auch mit einigen zusätzlichen Pfunden zu Buche. Da hilft nur eines: vom Sziget direkt aufs Frequency Festival in die Salzburger Berge.

Links:
Website des Sziget Festivals

(Tom)