DIE VERFÜHRTEN
Darsteller:  Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Colin Farrell, Elle Fanning
Regie:  Sofia Coppola
Dauer:  93 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  upig.de/micro/die-verfuehrten
Facebook:  facebook.com/Die.Verfuehrten.DE
 

Beim gerade erst zu Ende gegangenen, renommierten Filmfestival von Cannes hat Sofia Coppola ("Lost in Translation", "Somewhere") mit dem Gewinn der Auszeichnung für die beste Regie mal wieder mächtig aufhorchen lassen. Denn dass ihr dieser Preis für ein Remake von Don Siegels "Betrogen" aus dem Jahr 1971 verliehen wurde, kann man vorsichtig formuliert als überraschend bezeichnen, was deswegen umso mehr von größter Wertschätzung ihres neuen Werks zeugt.

Sie setzt diesmal mit der Neuverfilmung von Thomas P. Cullinans Roman "A Painted Devil" ganz auf einen historischen Stoff und nimmt uns mit ins Jahr 1864, in dem rund um das von Martha Farnsworth (Nicole Kidman) geleitete Mädchenpensionat in Virginia wild der Sezessionskrieg tobt. Weit hinter den Linien der Nordstaatler findet die kleine Amy (Oona Laurence) da im Wald den verwundeten Unionssoldaten John McBurney (Colin Farrell) und hilft ihm zur Behandlung nach Hause in ihre Schule. Im Wissen um die Grausamkeiten des Krieges beschließen die dort auf sich allein gestellten Frauen und Mädchen, ihn nicht an die eigenen Truppen zu verraten, sondern fürs Erste bis zu seiner Genesung bei sich aufzunehmen.

Das Szenario spielt der auf einfühlsamen Stimmungsaufbau spezialisierten Sofia Coppola geradezu ideal in die Karten, sorgt doch die Anwesenheit des smarten Soldaten als Fremdkörper im reinen Mädelshaus für einiges an Aufregung. Der entspricht mit seinem Charme nämlich so gar nicht dem gepflegten Feindbild des Yankees, sondern bildet vielmehr gerade wegen seiner anfänglichen Hilflosigkeit eine ideale Projektionsfläche für die weiblichen Begehrlichkeiten seiner neuen Mitbewohnerinnen. Coppola, die auch wieder das Drehbuch beigesteuert hat, gelingt es dabei einmal mehr, die Entbehrungen und Sehnsüchte der Frauen während des Krieges einzufangen, denen im alltäglichen Miteinander neben der eingeforderten Disziplin kein Millimeter Platz eingeräumt wird.

Das erinnert stark an Coppolas Religionsdrama "The Virgin Suicides", in dem fünf heranwachsende Schwestern von ihren Eltern so weit es geht von der Außenwelt ferngehalten und erste sexuelle Erfahrungen rigoros unterdrückt werden. Auch hier bringt erst das Auftauchen des Soldaten ihre kleine, abgeschottete Welt ins Wanken und erweckt Gefühle, mit denen besonders die 18-jährige Alicia (Elle Fanning) und die kaum ältere Edwina (Kirsten Dunst) erstmal umgehen lernen müssen. So kommt es neben nett anzuschauenden, schüchternen Annäherungsversuchen mit zunehmender Gesundung zu immer mehr Eifersüchteleien unter den Mädchen, die eine schwer zu beschreibende subtile Spannung aufbauen. Genau deshalb funktioniert das Südstaaten-Drama nicht nur als eindrücklicher Coming-of-Age-Film, sondern gerade zum Ende hin als handfester Thriller ganz hervorragend.



Wertung: 8 von 10 Punkten

(Mick)