ICH WÜNSCHE DIR EIN SCHÖNES LEBEN
Darsteller:  Céline Sallette, Anne Benoît, Françoise Lebrun, Elyes Aguis
Regie:  Ounie Lecomte
Dauer:  100 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  www.filmkinotext.de/ich-wuensche-dir-ein-schoenes-leben.html
 

Es braucht halt manchmal seine Zeit, bis sich ein Verleih besinnt, dem Kinopublikum doch noch einen Film zu präsentieren, der anderenfalls fern jeder Beachtung in den Tiefen der Zweitverwertung verschwunden wäre. So auch bei Ounie Lecomtes schon 2015 auf dem Filmfestival von Busan uraufgeführtem Zweitwerk, mit dem sie sich wie schon in ihrem Erstling ("Ein ganz neues Leben", 2009) dem Thema Adoption annähert. Dabei betreibt sie, die selbst im Alter von 9 Jahren adoptiert wurde, sicherlich eine Art Vergangenheitsaufarbeitung und ist gleichzeitig wie kaum ein Anderer in der Lage, sich in die spezielle Problematik einzufühlen.

Und das merkt man dem Streifen von den ersten Sekunden an an, in denen er in ruhigen Einstellungen der inneren Unruhe von Elisa (Céline Sallette) auf den Grund zu gehen versucht. Die hat mit Mann und Kind eigentlich ein Leben, von dem viele träumen, scheint jedoch als Adoptivkind trotzdem eine gewaltige Unzufriedenheit mit sich herumzuschleppen. Nirgends wird das so deutlich wie bei ihren zahllosen Amtsbesuchen, bei denen sie kaum mehr herausbekommt, als ihren Geburtsort Dünkirchen. Von Céline Sallette wunderbar transportiert ist die zunehmende Verzweiflung, wenn jede zusätzliche Information des Einverständnisses ihrer leiblichen Mutter bedarf, das diese aber beharrlich verweigert. Wie also soll sie mehr über sich und vor allem die damaligen Beweggründe ihrer Mutter erfahren, wenn sie bei den Behörden jedes Mal auf Granit beißt?

Zurück zu den Ursprüngen ist ihre Lösung, als sie eine Stelle als Physiotherapeutin in Dünkirchen annimmt und sich persönlich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit macht. Als Zuschauer weiß man da schon längst mehr, hat einem Lecomte Elisas Mutter (Anne Benoît) parallel schon vorgestellt, die als Mädchen für alles in der Schule von Elisas Sohn Noé (Elyes Aguis) jobbt und unter chronischen Rückenschmerzen leidet. Vorgezeichnet ist also die erste Begegnung, als die von ihrem Arzt Physiotherapie verordnet bekommt, und doch alles andere als langweilig. Der Hautkontakt wird da zu einem Schlüsselmoment, sind die Vertrautheit und das Wohlbefinden geradezu mit Händen zu greifen und wird die Ahnung beider mit jedem Besuch in der Praxis konkreter.

Diese Annäherung ist absolut spannend inszeniert, treibt die beiden geschickt immer weiter aufeinander zu und erforscht gleichzeitig mit einfachsten Mitteln ihre Gefühlswelten. In langsamen Nahaufnahmen lassen uns dabei die wundervollen Céline Sallette und Anne Benoît teilhaben an den Gemütszuständen der beiden Protagonistinnen, deren Schwächen nur allzu nachvollziehbar sind. So wird Lecomtes Reise in Elisas - und bestimmt auch ein wenig in ihre eigene - Vergangenheit zur einfühlsamen Beobachtungsstudie von Mutter und Tochter.



Wertung: 8 von 10 Punkten

(Mick)