CTS-MUM
HARMFUL (05/00)


Früher wollten sie die krasseste Band der Welt sein, und so begannen Harmful im November 1992 dann auch im Noise-Rock, vor allem inspiriert durch ihre großen Vorbilder Prong. Der Kopf von Harmful ist Aren, Sänger, Songwriter und Gitarrist des Trios, das durch Chris (Bass) und Nico (Drums) komplettiert wird. Inzwischen klingt das Ganze etwas anders. Harmful lassen es trotz flächendeckend positiver Resonanz auf ihre damaligen Ergüsse auf ihrem dritten Album "Counterbalance" etwas vielschichtiger, vor allem aber melodischer angehen. Als Produzenten des neuen Albums haben Harmful keinen geringeren als Dave Sardy gewinnen können, der auch schon mit den Red Hot Chili Peppers, Helmet, Slayer und anderen zusammen gearbeitet hat. Über diese Zusammenarbeit und die neue Scheibe generell sprachen wir mit Aren.


MUM: Wenn du "Counterbalance" mit den beiden Vorgängern vergleichst, wo liegen Gemeinsamkeiten, wo die größten Unterschiede?

A: "Counterbalance" ist in meinen Augen eine konsequente Weiterentwicklung der ersten beiden Harmful-Scheiben. Wir sind um einiges melodiöser geworden, ohne dabei an Intensität und Energie zu verlieren. Außerdem sind die Songs rockiger und gesangsorientierter ausgefallen als auf den Vorgängern.

MUM: Wie siehst du die musikalische Entwicklung der Band seit 1995 und was meinst du, in welche Richtung mag es weiter gehen?

A: Harmful wird immer eine energische und anstrengende Band bleiben, jedoch wird sich die Intensität anders definieren. Ich könnte mir vorstellen, die nächste Platte noch dynamischer zu gestalten und der Melodie mehr Freiraum zu lassen.

MUM: Im Info heißt es, ihr wäret am Ende der Pubertät angekommen. Heißt das, ihr seid mit den Vorgängern selbst nicht hundertprizentig zufrieden gewesen und jetzt erwachsen?

A: Für mich ist jedes Album ein Zeitdokument. Natürlich kann man im Nachhinein das eine oder andere besser machen, jedoch liegt gerade in diesem Prozess der Sinn im Musizieren. Lerne aus der Vergangenheit, mach es besser,entwickle dich und nähere dich dem Ziel, ohne es jemals zu erreichen!

MUM: Worum geht es in deinen Texten, was hast du auf dem Album verarbeitet?

A: Ich beschäftige mich in meinen Texten meistens mit unvollkommenen zwischenmenschlichen Beziehungen jeder Art, teils imaginär, teils aus eigener Erfahrung. Die Liebe und ihre Folgen geben mir dabei viel Input. Es sind auch gesellschaftskritische Texte dabei, die den Massenkonformismus als grösste Gefahr für die individuelle Entwicklung des Menschen sehen. Mir ist es wichtig, dass jeder die Möglichkeit hat, zwischen den Zeilen zu lesen und seine eigene Interpretation zu erlangen. Deswegen auch mein Hang zum Abstrakten und Fragmentierten.

MUM: Von der gewollt krassesten Band der Welt zum melodischen Alternative Rock - wie kam dies?

A: Wir sind immer noch krass, Alder! Um deinen Horizont zu erweitern, musst du alle Extreme durchmachen. Unser musikalischer Selbsterhaltungstrieb hat uns dabei geholfen, nicht zu stagnieren. Ob du es jetzt Alternative-Rock nennst oder Krass-Metal-Rock, ist dir überlassen.

MUM: Pearl Jam hauen ja irgendwie keinen mehr vom Hocker, dafür klingt ihr plötzlich stellenweise sogar etwas nach deren guten alten Tagen - ist da ein Erbe anzutreten? Oder meint ihr, mit Pearl Jam soviel zu tun zu haben wie die Teletubbies mit Twin Peaks?

A: Pearl Jam sind okay. Vielleicht ist emotional eine Brücke zwischen uns, sonst sehe ich keine grossen Parallelen. Wir sind unkonventioneller, deswegen ist dies nicht unser Bahnhof. Wir werden unseren eigenen bauen.

MUM: Wie war die Zusammenarbeit mit Dave Sardy, was konntet ihr von ihm lernen?

A: Dave ist sehr talentiert. Er hat ein gutes Ohr für das Wesentliche und ist mir gesanglich eine grosse Hilfe gewesen. Sein Sound ist rough und lebt. Das Wichtigste, was ich aus dieser Zusammenarbeit mitgenommen habe, ist die Sardysche Formel "be relaxed and you'll make it happen!". Wenn es zeitlich möglich ist, werden wir die nächste Platte wieder mit ihm aufnehmen, auch wenn sein Charakter sehr schwer zu nehmen ist. Vielleicht sind wir gerade deswegen so gut miteinander klargekommen.

MUM: Welche Bands hörst du privat so am liebsten?

A: Singer & Songwriter-Geschichten wie Elvis Costello oder Bob Dylan haben in letzter Zeit viel zu meinem musikalischen Verständnis beigetragen, vor allem auf der emotionalen Ebene. Black Sabbath, Beatles, Prong! ... alle aufzuzählen würde langweilen.

MUM: Meinst du, dass es Bands gibt, die bewusst oder unbewusst euren Weg zum melodischen Noise-Rock beeinflusst haben? Welche könnten das sein?

A: Ein grosser Einfluss waren zweifelsohne Prong. Sie sind meiner Meinung nach eine der wichtigsten Bands für die harte Musik, da sie den Crossover als eine der ersten Bands vollzogen haben und damit viele Bands ,die noch viel erfolgreicher wurden als Prong selbst, geprägt haben. Helmets Noise-Eskapaden und Napalm Deaths kompromisslose Härte sagen mir auch sehr zu.

MUM: Welches sind deine drei Lieblingsalben aller Zeiten, und welche Platten haben dich in letzter Zeit begeistert?

A: Die drei besten Alben sind Black Sabbath mit "Black Sabbath", Prong mit "Beg To Differ" und die Beatles mit "Abbey Road". Aktuell beeindruckt mich die Musikszene weniger. Unser altes Label Blunoise Records hat ab und zu sehr interessante Veröffentlichungen. Mir fehlt zur Zeit eine Offenbarung a la Nirvana. Vielleicht haben wir ja die Möglichkeit, eine neue Welle loszutreten. Auf jeden Fall weiß ich, dass wir das Potential haben, vielen Menschen direkt ins Herz zu treffen.

MUM: Welches ist dein Lieblingsstück auf "Counterbalance", und warum?

A: Von Zeit zu Zeit verschieden. Mein momentaner Favorit ist "Vault!", da es auch live gerade mein Lieblingssong ist.

MUM: Meinst du, Deutschland hat bei der Fußball-EM eine Chance, etwas zu erreichen, oder interessierst du dich nicht für Sport bzw. Fußball?

A: Seitdem Ribbeck Teamchef ist, habe ich mein Interesse am Fußball verloren. Ich denke jedoch, dass die deutsche Nationalmannschaft eine Turniermannschaft und immer für Überraschungen gut ist.

MUM: Was ist in nächster Zeit von euch zu erwarten?

A: Wir werden im Sommer ein paar Festivals spielen, unter anderem "Rock am Ring", um im September dann mit Iggy Pop auf Tour zu gehen. Im Anschluss wollen wir dann europaweit die Clubs penetrieren. Danach werden wir wohl die nächste Platte in Angriff nehmen.

MUM: Meine typischer Abschluss: welche Frage wolltest du schon immer mal gestellt bekommen, und wie würde die Antwort lauten?

A: Die Frage sollte sein: "Aren du bist Armenier. Wieso bestreitet die türkische Regierung ihren Völkermord an den Armeniern, welcher Anfang des 20. Jahrhunderts zwei Millionen Menschen das Leben gekostet hat?" Die Frage ist Antwort genug!

MUM: Danke für das Interview.

MUM: Mucke & Mehr
A: Aren von Harmful

(Tobi)