CTS-MUM
HOBOTALK (05/00)


Wer denkt, britische Bands klingen doch alle irgendwie gleich, der wird von Hobotalk aus Schottland eines besseren belehrt. Marc Pilley (Songs, Gesang, Gitarre, Keyboard), Al Denholm (Bass), Ross Edmond (Gitarre, Keyboards) und Ian Bruce (Drums) klingen amerikanisch, was nicht verwundert, waren es doch immer die Songwriter jenseits des Altantiks, die Marc Pilley inspirierten. "Beauty In Madness" heißt das Debütalbum, das schon fast eine Werkschau des Herrn Pilley ist, musiziert dieser doch schon seit geraumer Zeit vor sich hin. Als Drummer startete er einst, und so traf er auch Al, der aber bald eigene Wege gehen wollte. Marc begann, die Dumsticks beiseite zu legen und eigene Songs zu schreiben. 1989 traf er Ross, mit dem er fortan zusammen Musik machte und harte Zeiten durchlebte, ob er nun in einer Strandhütte in Dunbar dem kalten Winter trotzte oder in einer Abrissbude in Edinburgh vor sich hin an der Gitarre zupfte. Irgendwann kreuzten sich die Wege von Marc und Al wieder, und zusammen mit dem jungen Ian gründete man Hobotalk. In Als Studio nahm man drei Songs auf, die überall gut ankamen, und so nahm Marc den Zug nach London, um sein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Bewaffnet mit seiner Gitarre und einer Unmenge an Songs stiefelte er in das Büro von Hut Records und spielte David Boyd ein Stück nach dem anderen vor, ohne dass dieser ihn bat, aufzuhören. Drei Monate später war der Vertrag unter Dach und Fach, und im November 1999 erschien die 5-Track-EP "Pictures Of Romance". Die Resonanzen waren sehr positiv und auch die Auftritte der eigenen Schottland-Tour sowie als Support von Gomez liefen gut. So kommt nun also das erste Album auf den Markt, mit schönen, ruhigen Songs aus dem Leben des Marc Pilley. Mit eben diesem sprachen wir.


MUM: Erzähl mir doch mal etwas über den Beginn deiner Musikerlaufbahn. Ich habe gelesen, du hast als Drummer angefangen.

MP: Ja, das stimmt, ich war viele Jahre lang Drummer, sechs oder so. Weißt du, das ist gar nicht so schlecht. Du hast den besten Platz im ganzen Saal, kannst immer die Band und das Publikum gleichzeitig sehen. Nach einer Weile habe ich aber angefangen, selbst Songs zu schreiben und wollte dann eine eigene Band haben, so war es ein logischer Schritt von den Drums zum Frontmann.

MUM: Du hast also schon alle möglichen Instrumente vorher gespielt?

MP: Ja, die meisten, als Musiker wollte ich mich und meine Technik an diversen Instrumenten immer verbessern.

MUM: Wann hast du überhaupt angefangen, Instrumente zu spielen?

MP: Da war ich vielleicht 14.

MUM: Gab es denn Bands, die dich zur Musik gebracht haben?

MP: Auf jeden Fall. Für mich sind das vor allem die Leute jenseits des Atlantik, die amerikanischen Sänger und Songwriter, von Leuten wie Joni Mitchell bis zu Tim Hardin oder Tim Buckley.

MUM: Das hört man ja in deiner Musik auch, sie klingt nicht schottisch.

MP: Ja, klar, das haben schon viele gesagt.

MUM: Dann hast du Al getroffen, ihr habt euch aber wieder aus den Augen verloren?

MP: Das stimmt. Al und ich haben uns getroffen, da waren wir jung, gerade am Ende unserer Schulzeit. Ich habe mein Elternhaus mit 16 verlassen, Al hat das selbe getan. Wir spielten in einer Band, aber er wollte dann seine eigene Musik machen, und ich meine, so trennten sich unsere Wege. Vor ein paar Jahren aber kamen wir wieder in Kontakt und nahmen einige Songs zusammen auf, so kamen wir wieder zueinander.

MUM: Er war zu dieser Zeit aber noch mit einer anderen Band aktiv?

MP: Er war in mehreren Bands mit einigem Erfolg in Schottland und spielte in vielen Bars. Er hatte mehr Erfolg als ich, aber wurde nicht recht glücklich damit. Als wir dann wieder zusammen arbeiteten, da war er zufrieden.

MUM: Du hast ein armes Leben geführt, aber niemals aufgehört, Musik zu machen?

MP: Nein, Liebe und Musik waren immer das, wonach ich in meinem Leben gesucht habe. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich meinen ersten Song geschrieben habe, aber seither ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht Musik gemacht habe.

MUM: Sind die Songs auf dem Album neu oder aus all den Jahren?

MP: Die stammen aus all den Jahren. Diese Platte, auf die wir alle sehr stolz sind, klingt für mich wie eine "Greatest Hits", weil sie ein Lebenswerk ist.

MUM: Wirst du für das zweite Album nur neue Songs nehmen oder dann vielleicht auch noch welche verwenden, die schon älter sind?

MP: Ich weiß nicht. Als Songwriter muss man immer einen Fuß vor den anderen setzen und sich weiter entwickeln, man muss neue Erfahrungen machen, seine Augen und Ohren geöffnet halten, neue Einflüsse aufnehmen. Es ist mir wichtig, dies zu tun. Ich habe viele alte Songs, die mir gut gefallen, es ist mir aber wichtig, immer neue Songs zu schrieben.

MUM: Für den Plattenvertrag bist du nach London gefahren und hast vor David Boyd gespielt?

MP: Ja, das stimmt. Ich habe ihm bestimmt 15 Songs vorgespielt. Das war wahrscheinlich das nervendste, was ich je getan habe, aber das war es im Endeffekt wert.

MUM: Wie sind denn so die ersten Reaktionen der Presse?

MP: Wundervoll, wirklich. Ich muss auch sagen, dass wir es kaum erwarten können, auf das europäische Festland zu kommen und dort zu spielen. Von euch Deutschen, von den Franzosen und Spaniern bekomme ich solch positive Resonanzen, ich möchte dort so schnell wie möglich singen.

MUM: Ist denn eine Tour geplant?

MP: Auf jeden Fall. In den nächsten Monaten konzentrieren wir uns noch auf Schottland und Irland, aber im August oder September kommen wir dann bestimmt zu euch und spielen unsere Songs. Darum geht es bei Hobotalk doch vor allem, das ist Musik für die Straße, für Männer und Frauen, für Leute in Cafes und Bars, ehrliche Musik. Vor ein paar Jahren war ich in Frankreich und Italien, wo ich in U-Bahnhöfen gespielt habe, meine eigenen Sachen und Songs von Bob Dylan oder so. Ich bin acht oder neun Wochen dort geblieben und habe für ein warmes Essen gespielt, so wird es schön sein, wieder dorthin zu kommen und diesmal in einem Hotel schlafen zu können.

MUM: Die Texte sind dir anscheinend sehr wichtig.

MP: Absolut.

MUM: Sind das alles persönliche Erfahrungen von dir?

MP: Ja, das sind ehrliche Reflektionen von Orten und Momenten in meinem Leben.

MUM: Gibt es denn ein Stück, das dir am wichtigsten ist?

MP: Ja, ich denke, das ist "Beauty In Madness", der Titeltrack.

MUM: Wovon handelt er?

MP: Davon, sein Leben insgesamt zu betrachten, die Dinge, die gekommen und gegangen sind, und sich dann zu sagen, dass das Leben weiter geht. Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit noch nicht mit mir.

MUM: Wie reagieren denn die Schotten auf diese Musik, die eher amerikanisch klingt?

MP: Sehr positiv. Die Reaktionen auf unsere erste EP "Pictures Of Romance" waren fantastisch und sie hat sich hier auch gut verkauft. Weißt du, die Schotten und Iren haben eine Vergangenheit mit wirklich guter Folkmusik, verstehen die Tradition besser. Dadurch haben sie viel mehr Bezug zu der Musik als die Engländer, die lieber Popstars haben wollen, und das werden wir vielleicht nie sein.

MUM: Auf der EP, waren da Songs vom Album?

MP: Nein, da hörte man fünf schöne Songs, die die Band dem Publikum vorstellen sollten. Die guten Neuigkeiten über die EP sind, dass einer der Songs, "Lately More Than Ever", für einen neuen britischen Kinofilm, der gedreht wird, ausgewählt wurde, das ist toll.

MUM: Ihr wart mit Gomez auf Tour, wie war es?

MP: Absolut fantastisch. Das sind wirklich großartige Jungs ohne Ego-Probleme, die sind auf dem Boden geblieben. Sie lieben es Musik zu machen, ihre Gitarren zu spielen. Sie sind Fans unserer Musik und wir von ihrer.

MUM: Wart ihr in Schottland mit ihnen auf Tour?

MP: Ja, und in England.

MUM: Wenn du dir eine Band aussuchen könntest, die ihr durch Europa begleitet, wer wäre das?

MP: R.E.M.

MUM: Du magst sie sehr?

MP: Ich habe sie am Anfang geliebt, die ersten drei oder vier Platten. In Deutschland gibt es doch diesen Ort, der Rockplaza heißt, oder?

MUM: Ja, Rockpalast.

MP: Ich habe eine Videoaufnahme von R.E.M., wie sie dort spielen. Das war 1983 und die Menge und die Atmosphäre sind toll. Gibt es diesen Ort noch?

MUM: Ja, für den Rockpalast werden immer noch Konzerte aufgenommen für das Fernsehen.

MP: Da würde ich sehr gerne mal spielen.

MUM: Vielen Dank für das Gespräch.

MUM: Mucke & Mehr
MP: Marc Pilley von Hobotalk

(Tobi)