CTS-MUM
MARTIN HALL (04/98)


Ende vergangenen Jahres veröffentlichten die Promojungs von Public Propaganda als erste Scheibe auf ihrem gleichnamigen Label "Random Hold" von Martin Hall. Hier nochmal zur Erinnerung mein damaliger Rezensionstext: "Martin Hall, eine der wichtigsten Persönlichkeiten in Dänemarks Musik- und Kunstszene, verbindet elektronische und klassische Sounds zu einer perfekten Untermalung seiner düsteren Gesänge, die einen sofort in ihren Bann ziehen. Das ganze klingt außerdem extrem ruhig und atmosphärisch, dabei aber nicht immer kuschelweich, sondern oft auch nachdenklich machend. Mal wirken die Songs als solche, mal experimentiert Martin Hall mit Stimme und Klängen. Verdammt entspannende und starke 43 Minuten, die uns Public Propaganda da ins Nest legen. Unbedingt reinhören!" Doch nicht nur das Album hatte überzeugt, auch die Lebensgeschichte des Mannes aus dem Norden ist interessant. Er studierte an der Royal Academy Of Fine Arts in Kopenhagen, er schrieb und produzierte diverse Theaterperformances, machte Filmmusiker und schrieb Bücher. Musikalisch blickt er auf nicht weniger als 31 Veröffentlichungen zurück. 1980 spielte er im Avantgarde-Projekt "Ballet Me?canique", 1982-85 bei "Under For", danach entschloß er sich, alleine zu arbeiten. Er erhielt bereits mehrere Preise für sein Schaffen. Klingt interessant, oder!?! Na dann ran an den Mann und Fragen rausgekramt, die Martin Hall ausführlich beantwortete.

MUM: Was hast Du studiert und wann warst Du damit fertig?

M: Ich studierte in der Richtung Bildnerische Kunst, nicht Malen als solches, sondern die Entdeckung grafischer Bilder, so etwas wie Kollagen, Bilder, die Fotos ebenso enthielten wie ihre Reproduktionen, außerdem Zeichnungen und Schrift. Im zweiten Jahr habe ich aufgrund persönlicher Probleme aufgehört, aber auch, weil die Akademie nicht meinen Vorstellungen entsprach.

MUM: Du machst ja noch viel mehr als Musik, nämlich Bücher und Theater. Wie wichtig ist Musik für Dich?

M: Musik ist mein wichtigestes Betätigungsfeld. Ich habe meine Aktivitäten auf Musik und Bücher reduziert, oder besser focussiert. Musik ohne besondere Idee oder Aussage interessiert mich nicht. Mir kam es immer auf Inhalte an, daß die sprechende Person wichtiger ist als die Musik. Daher sind Wörter und Texte für mich auch selbstverständlich, nicht fremd.

MUM: Worüber handelten Deine Bücher?

M: Die ersten enthielten eine unzensierte Mischung aus Prosa und Gedichten, sie waren extrem aggressiv, handelten von kultureller Entfremdung. Das letzte Buch war eher eine groteske Komödie, eine Farce, was viele Leute verwundert hat. Was ich momentan schreibe ist sehr viel persönlicher.

MUM: Was für Theater hast Du produziert?

M: Multimedia-Performances. In der Show "Parade" wurde es sehr extrem, körperliche Selbstverstümmelung und Gruppensex auf der Bühne uns so. Sehr brutal. Eine sehr interessante Phase für mich, aber keine Richtung, in die ich wieder gehen würde. Glaube ich jedenfalls.

MUM: Du hast auch einige Soundtracks für Filme gemacht. Welchen Musikstil hast Du verwendet? Klang er ähnlich wie "Random Hold"?

M: Ja und nein. Es gibt immer Elemente, die hier und da wieder auftauchen, aber für einen Film namens "Angel Of The Night" war die Musik mehr Ambient-orientiert, für einen Streifen namens "Totem" mehr Industrial. Wenn ich Filmmusik schreibe, dann soll sie die Bilder unterstützen, nicht meine Emotionen ausdrücken.

MUM: Wie würdest Du den Musikstil auf "Random Hold" beschreiben? Ich denke, er ist elektronisch, sphärisch, balladesk, mit etwas Düsterkeit, oder?

M: Wenn etwas introvertiert wird oder mehr Eindrücke reflektiert, dann wird es gerne als düster umrissen. Ich verstehe, wie Du das meinst, aber ich würde es nicht so nennen. Ich finde die Musik sehr hell, mit offenem Ende. Das Schlüsselwort einer Musikbeschreibung wäre für das Album wohl: organisch. Deine Beschreibung paßt aber auch. ich kann wahrscheinlich am schlechtesten meine Musik beschreiben.

MUM: Die Tracks sind alle sehr ruhig. Welche Stimmungen willst Du zum Hörer transportieren?

M: Eine nicht bedrohliche Klangwelt. Einen höheren Geisteszustand. Ein mentales und emotionales Asyl vom kranken, modernen Kulturleben.

MUM: Was willst Du mit Deiner Musik ausdrücken?

M: Was sie ausdrückt. Darum mache ich Musik. Sie drückt etwas aus, das Worte nicht sagen können.

MUM: Wir wissen nicht viel über Deine früheren Veröffentlichungen. Erzähl uns doch bitte etwas darüber.

M: Ich habe mit vielen Stilen, Leuten und Projekten gearbeitet, daher kann ich meine frühere Musik nicht einfach mit "Random Hold" vergleichen. Der größte Unterschied dieser Scheibe ist ihre Klarheit, ihr Weitblick. Ich fühle mich irgendwie, als hätte ich all die Jahre gebraucht, um zu diesem Album zu gelangen. Mein Debüt "'The Icecold Waters Of The Egocentric Calculation" mit Ballet Me?canique war ein sehr hysterisches Manifest von abweichenden emotionalen Zuständen, während "Random Hold" Ruhe ausstrahlt, einen eher singulären Gemütszustand. Das Album damals verkaufte sich gut, obwohl es als sehr extrem galt, sogar in Holland wurde es veröffentlicht. Spätere Solo-Alben wie "Relief" oder "Cutting Through" schienen den Niederländern aber doch kommerzieller zu sein, wurden auch in Deutschland veröffentlicht. In Dänemark hatte ich auch einige Radiohits, "Beat Of The Drum" vom "Presence"-Album und später in den 90ern "Strange Delight" und "Pleasurama".

MUM: Wie bekannt bist Du in Dänemark?

M: Man kennt meinen Namen, aber eher als elitär, eine Kultfigur, wie die Zeitungen schreiben würden. Dänemark ist ein kleines Land, und wenn du 1981 in einem Interview etwas gesagt hast, dann verfolgt es dich dein Leben lang. Da ich im Laufe der Jahre viel gesagt habe, kreisen diverse Mythen und Fantasien um meine Person. Es ist interessant, so etwas wachsen zu sehen.

MUM: Wo lebst Du?

M: In Kopenhagen, im Dachgeschoß einer Schokoladenfabrik.

MUM: Welches ist Dein Lieblingstrack auf "Random Hold"? Meine sind "Cradlemoon" und "Skinline".

M: "Performance" und "Skinline", aber auch "Cradlemoon", hauptsächlich durch den Text, er erzählt mein Leben in 16 Zeilen.

MUM: Ich finde es schade, daß das Album nur 43 Minuten dauert. Warum hast Du nicht noch ein paar Songs mehr aufgenommen?

M: Wir haben einige mehr aufgenommen, die wurden in Dänemark separat auf einer EP namens "Extended Play" veröffentlicht. Ich habe sie nicht mit auf das Album gepackt, weil sie die Verbindung zwischen den Tracks gebrochen hätten. Für mich zählt vor allem die Integrität der Scheibe, die Qualität, nicht die Quantität. Ich könnte ausrasten, wenn Leute eine CD nach ihrer Spieldauer beurteilen. Wie Leute, die nach einem Konzert sagen: "Das war zu kurz!". Wer sind sie, um sowas zu diktieren? Sollen sie sich doch einen Hund kaufen. Das ist absurd. Das war das gute an Vinyl-Platten, da hatte man nicht eine genaue Zeitanzeige vor der Nase, da hat man einfach auf die Gesamtheit der Musik reagiert. Viele tolle Platten dauern gerade mal eine halbe Stunde, aber heute steht ja schon in den Plattenverträgen drin, daß man für eine CD so und so viele Minuten bringen muß. Das ist lächerlich. Es ist, als wenn Du nur noch Sex mit Personen haben willst, die über 80 kg wiegen. Nun, ich verstehe Dich, Du willst von etwas, was Dir gefällt, gerne noch mehr haben, aber in diesem Fall dauert die Magie von "Random Hold" genau 42 Minuten und 47 Sekunden lang, nicht mehr, nicht weniger. Würde man einen weiteren Titel auf die CD pressen, um den Konsumenten zu befriedigen, dann würde dies die Gesamtheit des Albums zerstören. Wie auch immer, das gab mir die Gelegenheit, meine Irritation bezüglich der Produkt-Manie im Musikbusiness zu verdeutlichen. Danke.

MUM: Was ist in den nächsten Monaten von Dir zu erwarten?

M: Ich arbeite an neuem Material und Public Propaganda versucht, eine Tour in Deutschland auf die Beine zu stellen. In Dänemark wurde gerade ein Mitschnitt eines Konzertes von 1995 veröffentlicht, das ich mit einem Streicherquartett gespielt habe, was gut ankam. Ich habe viel neues Material, will aber nicht einfach ein "Random Hold 2" machen. Es ist enorm wichtig, sich weiter zu entwickeln, man muß der Versuchung widerstehen, sich zu wiederholen.

MUM: Wo warst Du in Deutschland und wie gefällt es Dir?

M: In Berlin und Hamburg einige Male, auf meiner letzten Interview-Tour auch in Hannover und Dortmund, dort aber nur kurz, tagsüber im Konferenzraum, nachts in namenlosen Restaurants. Ich mag die deutsche Mentalität, die Ordnung und die Effektivität. ich habe allerdings noch nicht den deutschen Sinn für Humor ausgemacht.

MUM: Wie kommt es, daß in Dänemark die Mädels so hübsch sind? Als ich in Kopenhagen war, sah ich massenweise blonde, hübsch gekleidete, schöne Mädels überall ... bist Du mit einer verheiratet? Gut, in Deutschland haben wir auch hübsche Frauen, aber...

M: Ich weiß nicht. Sind sie so hübsch? Wie auch immer. Wenn es um rohe Sexualität geht, dann würde ich lieber über Nietzsches "Anti-Christ" oder sowas diskutieren.

MUM: Ich liebe Dänemark nicht nur wegen seiner hübschen Mädels und der süchtig machenden Hot-Dogs, sondern vor allem auch wegen seiner Ruhe und Friedlichkeit. Denkst Du, daß diese Stimmung auf Deine Musik einwirkt? Ich finde, sie paß gut zur Stimmung des Landes.

M: Kann sein. Ich mag die Ruhe des Landes auch, und die Sauberkeit, aber ich verabscheue die oberfaule Mentalität, die dadurch entsteht. Der letzte Platz auf Erden, wo jemals ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte, ist Dänemark. War es nicht Henry Miller, der über die Dänen sagte, sie seinen die langweiligsten Menschen auf der Erde? Wie auch immer, einiges an Dänemark mag ich, anderes nicht.



(Tobi)