CTS-MUM
HOCICO (04/98)


Mexiko ... Sombreros? Siesta?! Nein! Derart seichte Lebensart scheint im Falle HOCICO unbekannt oder lange verbannt zu sein. Wenn das Erstlingswerk dieser Formation grob übersetzt haßerfüllte Seele tituliert wird, kann sich wohl ein jeder denken, daß es hier alles andere als kuschelig zugeht! Eine sechsbeinige (!) Spinne - ein großes H auf ihrem Rücken tragend - ziert das Booklet des Debuts. Sie ist sozusagen das Symbol HOCICOs und verkörpert "das Gift, daß in unseren Seelen fließt". Doch das war nicht immer so. Racso Agroyam und Erk Aicrag sind Cousins, die von Kindheit an ihre gemeinsamen musikalischen Interessen und Erfahrungen teilten. Racso begann als 15jähriger mit einem Yamaha portasound-Keyboard zu experimentieren, während Erk sich zur gleichen Zeit eher mit seiner Stimme und dem Texten auseinandersetzte. "Stück für Stück begannen wir damit, unsere Kräfte zu vereinen." Nach diesen ersten Gehversuchen konzentrierte sich Racso für seinen Teil darauf, sich selbst in Sachen Musik zu schulen. Damals hatte er noch keinerlei Misch- oder Aufnahmemöglichkeiten, was ihm bildungstechnisch jedoch zu seinem heutigen Wissen verhalf. "Irgendwann haben wir beschlossen, unsere Gefühle auf musikalischem Wege auszudrücken." erklärt Racso. Demnach besteht HOCICO (zu Deutsch: Maul) seit zartem Kindesalter - ab 1993 allerdings erst in offiziell musikalischer Form. Vor dem inzwischen realisierten Debutalbum veröffentlichte das mexikanische Duo bereits drei Tapes, die leider nur noch schwer bis gar nicht erhältlich sind. HOCICOS deutsches Label (Out Of Line) wird jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach eine Spezial-Edition in Form einer CD veröffentlichen, die einige Songs der ersten Bänder enthält. Sollte "Odio bajo el alma" die Begierde nach düsterem, adrenalingeladenem und phasenweise erzürnt anmutendem oder Soundtrack-ähnlichem Elektro aus Mexiko erst richtig entfacht haben, so darf man auf diese Dreingabe höchst gespannt sein! "Mit unserer Musik versuchen wir den Dämon im Innern eines jeden unserer Hörer zu erwecken. Sie sollen ihre eigene dunkle Seite erkennen und entdecken, ihre eigene Kritik an unserer Arbeit entwickeln ... Ihr eigenes Böses, ihren Hass wollen wir nicht zur Selbstzerstörung, sondern zu einer intelligenten Art der Kreativität führen." So singen sie vom Tod, von Lügen, vom Verletzen, von sexuellem Mißbrauch, eben allem was sie sehen und fühlen. "Wir benutzen HOCICO als Medium dazu unsere inneren Gefühle ehrlich und ohne Vorurteile zu zeigen. HOCICO ist unser Weg zu leben, repräsentiert das Chaos vom Existieren mit Lügen, Gewalt, Mißbrauch und Fragen dazu zu haben. Wir sind keine Pessimisten!" Die mitunter diabolische Ausstrahlung der mexikanischen Werke führt unumgänglich zur Frage nach der Religiösität. "Religion ist in meinem Leben nicht wichtig." so Erk. "Ich glaube nicht an Gott, doch ich respektiere Menschen, die das tun. Jeder hat die Wahl zu folgen wem immer er will. Böses und Hass sind ein großer Teil meines Seins, doch ich bin nicht satanistisch, denn das ist auch eine Religion. Ich glaubte mal an Gott, aber heute verstehe ich was die Leute mit diesem religiösen Image meinen." Racso hat zu dieser Thematik ebenfalls seine eigene Theorie: "Ich glaube an einen Gott, er ist aber religionsunabhängig, Gott ist das Universum für mich. Das Leben gibt dir alles. Ich gehörte mal der katholischen Kirche an, machte einige Erfahrungen und wurde mir irgendwann der Limitierung dieses Glaubens bewußt. Ich beschloß aus der Kirche auszutreten und fortan weder dieser noch irgendeiner anderen Religion anzugehören." Konzentrieren wir uns doch wieder auf die Musik, auf den Weg der Entstehung HOCICOs. Beleuchten wir Vorlieben und Einflüsse ... YELWORC ist für Racso und Erk beispielsweise keine unbekannte Formation. Sie erklären sogar maßgeblich von diesen wohlbekannten, deutschen Elektronikern beeinflußt zu sein (man achte auf ähnlich anmutende oder erinnernde Parallelen im hiesigen Gesang und auch der Heftigkeit und Brachialität, dem Ausdruck der einzelnen Kompositionen - was nicht heißen soll, daß wir bei einer Kopie oder gar einem Abklatsch YELWORCs angelangt sind! Vielmehr ergänzen sich diese Einflüsse mit der eigenen Kreativität, der Kraft und den Fähigkeiten der Cousins zu einem neuen Phänomen: HOCICO!). WILL allerdings, die gut und gerne auch einen weiteren Einflußaspekt dargestellt haben könnten, sind den Mexikanern kein Begriff - noch nicht. Die zuvor bereits erwähnte Tendenz zu soundtrackartigen Arrangements wird nicht verleugnet. Racso ist es, der erklärt: "Wir sind wahre Gore-Film-Fans! Innerhalb HOCICOs beabsichtigen wir Filmstimmungen auszudrücken und umzusetzen. Liebend gern würde ich mal Musik zu einem Horrorfilm machen!" Die musikalischen Wurzeln sehen beide eher in SKINNY PUPPY, LEATHER STRIP, YELWORC, EDWARD ARTEMIEV und einigen Soundtracks. Sie verfolgen seit langem all deren musikalische Arbeiten. Zu vergangenen Banderfahrungen ist an dieser Stelle die Formation NIERA DEGENERADA zu erwähnen, der Erk und Racso 1989 vor HOCICO angehörten (die Besetzung bestand neben ihnen übrigens aus weiteren gemeinsamen Cousins). Als HOCICO sind die beiden in ihrer Heimatstadt und deren näherer Umgebung inzwischen sehr populär. Sie sind jederzeit für Liveauftritte zu haben. Anfänglich war es gar nicht so leicht überhaupt an die Gelegenheiten dazu zu kommen. Mittlerweile treten sie jedoch des öfteren im eigenen Land auf. Sie würden unbändig gerne irgendwann durch Deutschland touren. "Es wäre wie ein großer Sieg, die Erfüllung eines Traums in unserem Leben, weil wir dieses großartige Land schon immer besuchen wollten, und momentan sieht es so aus, als würde genau das geschehen! Wartet auf das Gift, daß dort fließen wird ...!" Bei ihren Auftritten befinden sie sich allein, ohne großartige optische Unterstützung, mit ihren Maschinen auf der Bühne. Sie versprühen ihren Hass und peitschen den Adrenalinspiegel ihres Publikums rücksichtslos in die Höhe (was bis zum heutigen Tag - eigenen Aussagen zufolge - stets erfolgreich realisiert werden konnte). Zu ihrem Equipment zählen die Musiker einen Yamaha SY85, einen Quadraverb plus Effectprozessor und Ibanez most-fet distorsion. Damit entwickelten sie in ungefähr sieben Monaten die Songs zu "Odio bajo el alma". Hinzu kamen noch drei Tracks früherer Demotapes ("Sexo bajo testosterona", "Slow death" von "Autoagresion persistente" und "Sad scorn" von "Triste desprecio"). Innerhalb eines Monats war die Debut-CD eingespielt. Erk ist der Sänger und derjenige, der schwerpunktmäßig für alle Texte verantwortlich ist. Racso ist für die instrumentale Songentwicklung zuständig. Beide tauschen sich jedoch permanent aus, was die Komposition neuer Stücke betrifft. Es gibt keinen Routineweg zum Erarbeiten neuer Songs. HOCICO verstehen es ihren instrumentalen wie auch vocalen Stücken stets eine stimmungsvolle Atmosphäre einzuhauchen, die ihnen überaus wichtig ist. Alle Stücke sind von gleicher Wichtigkeit, egal ob instrumental oder besungen. Daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. "Odio bajo el alma" ist erst der Anfang. Neben Instrumentaltracks sind auch englisch- und spanischsprachige Stücke auf diesem Album vertreten. Aufgrund dieser Tatsache öffnen sich Ihnen schon jetzt europaweit viele Möglichkeiten. Es bleibt nun noch gespannt abzuwarten, wie sich die Beliebtheit HOCICOs in unseren Regionen entwickelt. Schließlich hängt die Erfüllung eines Traumes von Erk und Racso davon ab ...!

(Mo)