CTS-MUM
ICH-ZWERG (08/98)


Am Himmel der deutschsprachigen Rap-Szene ist ein neuer Stern dabei, kräftig los zu leuchten. Ich-Zwerg nennt sich der Solokünstler, und mit einer selbstbetitelten EP stellt er sich dem Publikum vor. Seine Musik ist locker, die Beats stimmen, Melodik ist wichtig, die Texte sind auch gut, was will man mehr. Da mir die Scheibe so richtig gut gefiel, nahm ich die Gelegenheit wahr, mich mit dem Ich-Zwerg zu unterhalten.

MUM: Erst mal Glückwunsch zu echt geiler Musik. Du bist seit Tagen Stammgast in meinem CD-Player, als Zwerg ja auch größenmäßig möglich (ha, ha!). Aber sag mal, heißt Du wirklich mit Vornamen "Ich" und mit Nachnamen "Zwerg"? Wenn das mal kein Künstlername ist ... und warum denn dieser ungewöhnliche Name?

IZ: Endlich stellt mal jemand diese Frage! Ich, im Englischen I, steht für Ich, also ego. In meinen Stücken erzähle ich oft aus der Ich-Perspektive meine Sicht der Dinge. Zwerg, dwarf, steht dem Ich gegenüber. Selbstironie, understatement anstatt overdrive. Aber eigentlich habe ich diesen Namen nur gewählt, um die Gesichter der Leute zu sehen, die fragen "wie, was???".

MUM: Wie ging das los mit dem Ich-Gnom und der Musik? Lebensgeschichte bitte.

IZ: Geburt - Schule - Krach und Trotz, dann Musik, seitdem ich 13 bin, und weil's so langweilig war, mach ich's heute noch.

MUM: Wie jung bist Du eigentlich?

IZ: 24.

MUM: Deutsch-Rap also. Weil es im Trend liegt oder weil Du die Liebe dazu entdeckt hast?

IZ: Liebe! Aber ich bin kein Purist. Ich singe auch und verstehe mich als Musiker, da ich ja die ganzen Stücke komponiere und auch meistens - oder fast immer - die ganzen Instrumente spiele. Ach ja, die Frage, der Trend kommt einem mit Sicherheit zugute, darf aber nicht die Motivation sein, Musik zu machen.

MUM: Aus welchem Ghetto kommst Du denn ... bzw. welcher Stadt?

IZ: Neustadt am Rübenberge. Jetzt aus Hannover.

MUM: Ist die Ich-Zwerg EP Dein erster Release?

IZ: Yes!

MUM: Warum ist denn da so eine fette Pause, und wie heißt der Hidden Track? "Spring durch das Bild"???

IZ: Damit Massenkonsumenten, die mindestens acht Sachen gleichzeitig machen, sich bitterböse erschrecken, wenn aus dem Nichts ein Lied ertönt und dann ganz viel nachdenken müssen und zur Ruhe kommen. Ein Geschenk von mir. "Spring" heißt das Stück.

MUM: Du plauderst ja nun eigentlich mehr von Dir selbst, nicht so von der Welt, schon gar nicht von Ghetto-Romantik. Deine Texte kann man trotzdem locker auf sich selbst als hörenden welchen übertragen. Ist Dir dieser Effekt wichtig?

IZ: Das ist, worum es mir geht. Ich möchte den Hörer natürlich erreichen, das kann ich nur schaffen, wenn ich etwas von mir preisgebe. Das ist wie mit 'nem guten Gespräch. Wenn ich Musik höre, und der Künstler hat mir nichts zu sagen, dann bin ich schnell gelangweilt oder frage mich, was seine Motivation ist, Musik zu machen. Wenn mir das passiert, mache ich hoffentlich ganz schnell was anderes.

MUM: Was willst Du denn so mit den Texten ausdrücken?

IZ: Mich ... zisch. Anregung zur Reflektion. Aber nicht nur - einfach ein Lebensgefühl in kompletter Bandbreite von Spaß bis Trauer.

MUM: Zur musikalischen Seite. Dein HipHop ist absolut relaxt und locker gemacht, mit geilen Sounds, gut produziert. Arbeitest Du alleine an den Klängen?

IZ: Zu 95 Prozent ja. Ich mache Demos und Vorproduktion alleine, spiele die Instrumente, texte, komponiere und arrangiere. Bei der Endproduktion hatte ich Unterstützung von Mr. Hawkeye (Walkin' Endustries) für die Beatprogrammierung. Mittlerweile mache ich auch meine eigenen Beats. Für Overdubs und Gesangsaufnahmen waren wir im NHB-Studio mit einem Engineer. Dort haben wir auch gemischt. Grundsätzlich ist es immer hilfreich, wenn es um Aufnahmen geht, die offiziell werden, einen Gegenpol mitzunehmen, um sich vor der eigenen Kreativität zu schützen, sonst steht man am Ende mit einem Produkt da, was man nur selbst versteht, aber sonst keiner.

MUM: Die Strukturen der Tracks sind auch sehr geil, sie haben eben alle das gewisse Etwas, das bei vielen anderen Combos fehlt. Melodie, Ideen, Rhythmen - sehr geil! Nein, brauchst nicht rot werden, ich bin einerseits ja männlich und somit groupieungeeignet, andererseits folgt auch noch eine Frage zum Lobberg, und zwar ungefähr die gleiche wie zuvor: kommt das alles aus Deinem Ich-Zwergenhirn?

IZ: Das ist natürlich überrissen dargestellt. Die Arrangements- und eigentlich alles - stammt von mir, es geht dann nur noch um die Feinheiten an ein paar Stellen, die man bei einer Produktion gegencheckt. Im allgemeinen bin ich aber immer am Austausch mit anderen produktiven, kreativen Menschen interessiert, um dazu zu lernen und neue Einflüsse zu bekommen.

MUM: In welchen Situationen kommst Du auf die Texte, die Musik? Entsteht denn zuerst ein Text und dann der Track dazu, oder andersherum?

IZ: Es kann mit was auch immer anfangen, Beat, Text oder Melodie. Ich lasse mich einfach treiben. manchmal sitze ich von morgens bis abends an einer Textidee, von der aus das Stück entsteht, manchmal schreibe ich den Text auf dem Mischpult, wenn eigentlich schon alles fertig ist. Eins befruchtet das andere.

MUM: Welche Bands haben Deinen musikalischen Zwergenwachstum beeinflußt? Ich höre neben Rapgeschichten auch gewisse Doors-Töne raus, bin ich paranoid?

IZ: Ja! Ich habe vieles gehört und weiß eigentlich nicht, was mich am meisten beeinflußt hat. Okay, ich geb's zu, ich habe auch Doors gehört, Led Zeppelin oder Craan, aber genauso sehr viel anderes. Alles Neue ist meist eine neuartige Zusammenstellung alter Dinge. Das tut man nicht bewußt, das passiert automatisch, daher werden immer die wildesten Assoziationen hervorgerufen, wenn es um neue Themen geht, aber Doors habe ich noch nicht gehört. Cool!

MUM: Welche der deutschen Rapacts magst Du (nicht nur persönlich, sondern musikalisch). Bei mir sind das vor allem Fanta 4, Fishmob, Fettes Brot, Die Coolen Säue und natürlich der Ich-Zwerg (ich schleim mal etwas rum, da das Interview schon so lang ist und ich Dich bei Laune halten will ... nee, ist schon ehrlich!).

IZ: Ich mag viele. Freundeskreis, F.A.B. find ich cool, 5 Sterne, Fanta 4, aus Hannover Maze & Bene und Walkin' Endustries.

MUM: Was machst Du so im Leben? Stets Musik? Wovon lebst Du? Und die Freizeit abseits Musik? Hängst Du in Clubs rum oder vor der Glotze, um Dir die Simpsons reinzuziehen?

IZ: Ja, ja, ja, die Simpsons, das ist richtig, Clubs auch, obwohl das in Hannover momentan eher schwierig ist. Ich kümmere mich viel um die Musik, und die freie Zeit, die mir bleibt, nutze ich, um mich einfach treiben zu lassen. Ich lebe von der Musik und Nebenjobs, zum Beispiel in der Gastronomie.

MUM: Wie groß bist Du eigentlich?

IZ: 170 cm

MUM: Du tourst ja mit der Jazzkantine, prima, da sehe ich Dich dann live! Wirst Du sie an die Wand spielen oder denkst Du, daß das Publikum der Kantine doch andere Ansprüche hat, jazzigere welche eben?

IZ: Das wird sich zeigen. Was ich mir wünsche, ist, daß die Leute einfach die Eigenständigkeit des Ich-Zwergs begreifen. Wenn sie das getan haben, werden sie merken, daß ein Vergleich mit der Jazzkantine hinkt. Ich rechne mir ganz gute Chancen aus, da das Publikum der Jazzkantine - glaube ich - relativ offen ist und jeder irgendwas im Ich-Zwerg finden kann, was er mag.

MUM: Was bietest Du denn live so? Stripshow? Wildes Gehüfe? Oder Zwergencharme???

IZ: Eine 3-Mann-Performance, Gitarre, Schlagzeug et moi. Das Ganze läuft auf jeden Fall unter der Kategorie Zwergencharme ab.

MUM: Ich komme dann mal langsam zum Schluß! Was ist in naher Zukunft von Dir zu erwarten, woran arbeitest Du, was wird erscheinen?

IZ: Ich arbeite an neuen Tracks, natürlich. Habe immer mehr Ideen, als mir recht ist. Es wird auf jeden Fall einen Longplayer mit Single und weitere Audtritte geben.

MUM: Nenn doch noch Deine drei Lieblingsplatten aller Zeiten.

IZ: Digable Planets "Blowout Comb", Zappa "Joe's Garage" und das "Hair" Musical.

MUM: Vielen Dank für das Interview.

(Tobi)