CTS-MUM
MARILYN MANSON (02/99)


In Amerika wurde Marilyn Manson mit allen möglichen und unmöglichen Vorwürfen konfrontiert und mit zahllosen Attacken überschüttet. Angefangen von Rechtsstreits, in denen ihn Eltern beschuldigten, für den Selbstmord von Teenagern verantwortlich zu sein, bis zu jeder Verfehlung von Fans, Marilyn, geborener Brian Warner, war an allem schuld, nichts schien zu aberwitzig zu sein, es gingen Gerüchte um, daß er Kinder schlachten und opfern, schwarze Messen feiern und den Untergang des zivilisierten Abendlandes herbeiführen würde.

Marilyn Manson sieht die Vorwürfe recht gelassen und grinst: "Was mich wirklich verwundert ist, daß mich noch niemand beschuldigt hat, für El Nino, das Waldsterben und das Verschwinden der Ozonschicht verantwortlich zu sein. Irgenwie würde das doch zu den ganzen anderen Vorwürfen passen!"
Es ist geradezu erstaunlich, daß er neben seinen ganzen - ihm angedichteten - satanischen Pflichten noch die Zeit fand, das überragende Album "Mechanical Animals" aufzunehmen, seine Autobiographie zu schreiben, auf Tour zu gehen und einen neuen Gitarristen zu finden. "Alles nur eine Frage der Organisation", lacht Manson, dessen Name sich aus dem Sex Symbol Marilyn Monroe und dem Massenmörder Charles Manson zusammensetzt. Eine recht provokative Kombination, die sich Marilyn Manson auch gleich beeilt zu erklären: "Im Leben ist nichts schwarz oder weiß, es sind zahllose Kombinationen und Zwischenschatierungen, Mischungen. Wenn alles schwarz ist, dann wirkt es nicht wirklich schwarz, das gilt auch für weiß, deshalb nimmst du etwas dunkles um etwas helles noch heller wirken zu lassen, oder benutzt Helligkeit um die Dunkelheit darzustellen. Ich glaube ohne den Tod gäbe es auch kein Leben, alles ist in Verbindung und Kontraste bringen mehr Deutlichkeit! Schönheit wirkt schöner neben etwas, das häßlich ist, und Häßliches wirkt noch bedrohlicher neben Schönheit."

Der bevorzugte Prügelknabe der Konservativen und von religiösen Gruppen zum Erzfeind erklärte Manson weigert sich strikt, sich von Drohungen und Protesten einschüchtern oder aufhalten zu lassen. Im Gegensatz zu vielen seiner Gegner überrascht er mit Aufgeschlossenheit, Intelligenz und Humor.
"Es überrascht sogar mich, zu hören, was mir alles angedichtet wird, auf manche Sachen würde ich nicht mal im Traum kommen, nicht in meinen schlimmsten Alpträumen. Wenn ich dann daran denke, daß es die 'anständigen Bürger' sind, die mir das andichten, dann muß ich mich wirklich wundern. Und die nennen MICH pervers! Auf der anderen Seite hat das natürlich auch einen gewissen Humor. Ich glaube nicht, daß die religösen Fanatiker für unseren Erfolg verantwortlich sind, wir hätten es mit Sicherheit auch ohne sie geschafft, aber vielleicht nicht so schnell. Gerade durch ihre Proteste sind doch die Medien auf uns aufmerksam geworden. Ich frage mich manchmal, ob sie realisieren, daß sie uns damit in Wirklichkeit einen Gefallen getan haben! Weißt du, ich glaube, die, die so massiv gegen uns protestieren, sind in Wirklichkeit die, die sich für gute Bürger halten, die von sich behaupten, Amerikas Verfassung hochzuhalten. Gelegentlich frage ich mich dann wirklich, ob sie diese Verfassung jemals gelesen oder gar verstanden haben. In der Verfassung steht jedem Bürger das Recht zu, sich selbst zu verwirklichen, 'The pursuit of happiness'. Denken sie daran wenn sie versuchen, mein Recht, mich selbst zu verwirklichen, mit den Füßen zu treten? Ich glaube, die ganze Aufruhr, die wir verursachen, zeigt doch nur, daß wir die Leute zum Denken anregen, und daran kann ich beileibe nichts schlechtes sehen! In Europa seht Ihr die Sache doch wesentlich gelassener, wenn wir Leuten da nicht passen, dann kommen sie erst nicht, aus. Ich glaube es ist fast eine amerikanische Tradition, alles zu übertreiben!

Manson weigert sich auch strikt, Vorwürfe anzuerkennen, die ihn als pervertiert und abartig bezeichnen und ihm jegliche Daseinsberechtigung als Künstler absprechen.
"Was wir tun ist Kunst, wo steht denn geschrieben, daß Kunst immer gefällig sein muß? Wenn das so wäre, dann würde die ganze Malerei aus netten kleinen Blumenbildchen bestehen. Wer entscheidet, was Kunst ist und was nicht? Das sind doch wirklich faschistoide Züge, ich dachte, wir wären über das hinaus, die Welt hätte aus Hitler gelernt. Weißt du, Amerika, das gelobte Land der Freiheit, ist nicht wirklich frei, wir sind in unseren eigenen Zwängen gefangen. Ich lebe inzwischen in Hollywood und ich dachte eigentlich immer, da ginge die Action ab - weit gefehlt. Jeder tut so übertrieben sauber, keiner würde zugeben, daß er mal 'nen Joint raucht, du bist schon fast ein Aussätziger wenn du überhaupt rauchst. Irgendwie ist alles wieder wie in der McCarthy-Ära. Damals waren auch die Sittenwächter am Werk, in den Filmen gab es keine Toiletten, keine Doppelbetten, nichts. Ich schaue mir gern die alten Filme an, du mußt mal genau aufpassen, die Betten sind immer 2 Einzelbetten und ein Nachttisch steht dazwischen, das ist die heile Welt! Nein, das ist es eben nicht, aber das ist, was sie uns verkaufen wollen, gemeinsam mit ihren falschen Idealen. Schau dir an, was man den Kindern vorsetzt, 'Du mußt schön sein oder keiner liebt Dich', und jeder versucht auszusehen wie ein Model oder ein Schauspieler aus einer Soap-Opera. Ich habe immer betont, daß Individualität wichtig ist. Ich kann nichts schönes an den Gesichtern finden, die von einem Chirurgen gestylt wurden. Es gibt zahllose Teenager die magersüchtig sind, weil sie falschen Schönheitsidealen nacheifern, aber das ist clean, dagegen sagt keiner etwas, nur wenn man zur Individualität ermutigt, geht ein Aufschrei durchs Land!"

In Amerika erschoß sich ein Teenager nach dem Hören einer Marilyn Manson CD, worauf die Eltern die Band verklagten, am Tod ihres Sohnes schuld zu sein und einen schlechten Einfluß auf die Jugend auszuüben. Kaum verwunderlich, daß sie sich weigern, sich diesen Schuh anziehen zu lassen. "Das ist so typisch! Warum fragen sich die Eltern nicht einfach 'Woher hat unser Sohn die Waffe? Wieso haben wir Waffen im Haus, an die ein Kind kommen kann?' Es ist bedauerlich, keine Frage, aber ich weigere mich, die Verantwortung dafür zu tragen. Meiner Meinung nach liegt die Verantwortung bei den Eltern. Soweit ich mich erinnere, war es die Waffe des Vaters, aber es ist leichter, die Schuld jemand in die Schuhe zu schieben, statt zuzugeben, daß man selbst Schuld trägt. Wenn der Junge Vertrauen zu seinen Eltern gehabt hätte, dann hätte er über seine Probleme und Depressionen gesprochen und sich nicht umgebracht. Warum haben die Eltern nicht erkannt, daß er Probleme hatte und haben Waffen herumliegen lassen? Ich glaube nicht, daß ich ein schlechtes Beispiel bin. Schau dir doch an, fast jeder Musiker, der nicht im Mainstream geschwommen ist, wurde beschuldigt, ein schlechtes Beispiel zu sein. Bei Elvis war es der unanständige Hüftschwung, der Mädchen angeblich auf dumme Gedanken brächte, bei den Beatles und den Rolling Stones waren es die Haare - manches ist wirklich an den Haaren herbeigezogen. Wenn man unbedingt einen Sündenbock finden will, dann findet man auch einen, und ich muß sagen, ich fühle mich in dieser Rolle eigenlich ganz wohl. Ich glaube, keine Reaktion würde mich mehr beunruhigen! Wenigstens vergessen mich die Leute nicht sofort wieder!"

(Gaby)