CTS-MUM
PAIN OF SALVATION (05/99)


Es begab sich zu der Zeit, daß 1984 ein schwedischer Bube namens Daniel Gildenlöw als Sänger und Gitarrist der Band Reality sein Musikerdasein begann, und dies im Alter von 11 Jahren. Im Laufe der Jahre gesellten sich Daniel Magdic und Drummer Johan Langwell an seine Seite, und als dann auch noch Bassist Gustaf Hielm das Kollektiv enternte, da wurde ab 1991 unter dem Bandnamen Pain Of Salvation weitermusiziert. Im Dezember 1994 wurde der Bass an Kristoffer Gildenlöw, Daniels kleinen Bruder, weitergereicht, und mit Keyboarder Fredrik Hermansson stieß ein weiteres Element zur Band. 1997 erschien das Debüt "Entropia", das vor allem in Asien große Erfolge verbuchen konnte. Im Herbst 1997 schrieb man das Material für das zweite Album "One Hour By The Concrete Lake", das aber erst im Frühjahr 1999 erschien. Hauptgrund für die Verzögerung war die Trennung von Daniel Daniel Magdic, zwei Wochen vor dem geplanten Studiogang. In Windeseile gesellte sich Johan Hallgren zur Band, so daß man die Arbeiten im Mai 1998 beenden konnte. Dann erschien die Scheibe wieder zuerst in Asien. Auf ihr hört man düsteren, sphärischen, progressiven Metal, mal hart, mal eher rockig, mal ruhig. Klanglich ist alles nicht unbedingt fett abgemischt, eher dicht und komprimiert, aber irgendwie klingt es gut so. Die Kompositionen überzeugen durch Tempiwechsel und Abwechslungsreichtum, auch durch gute Melodien. Für MUM stand Sänger und Gitarrist Daniel Gildenlöw Rede und Antwort.

MUM: Du hast schon 1984 mit Musik begonnen, 1991 dann wurden Pain Of Salvation ins Leben gerufen. Bis zum ersten Longplayer 1997 vergingen dann nochmal fünf Jahre. Wie schwer war es, einen Plattenvertrag zu bekommen?

POS: Also unser Debüt "Entropia" ist in Asien und Rumänien 1997 erschienen, in Europa kommt es sogar erst 1999 heraus. Wir hatten uns 1996 entschlossen, Demos zu verschicken, und wir erhielten positive Resonanz vom schwedischen Management und Studio Roasting House, aber auch vom japanischen Marquee / Belee Antique, unter anderem, innerhalb einer Woche. Diese beiden Firmen waren dann auch genau die, auf die wir am meisten gehofft hatten. Daher haben haben wir das Debüt auch zuerst in Asien veröffentlicht. Wir hatten auch ein paar Angebote aus Skandinavien oder Europa, aber keines davon war so, daß wir es annehmen wollten. Shrapnel zum Beispiel hätten uns die Möglichkeiten gegeben, auch auf dem US-Markt gut rauszukommen, aber sie hätten die Bedingung gehabt, daß wir uns etwas verändern, um besser ins Genre zu passen, eine unmögliche Vorstellung für uns. Wir machen keine Kompromisse.

MUM: Wie würdest Du Eure Musik beschreiben?

POS: Vielleicht als eine Balance zwischen Gegensätzen. Viele Leute haben unsere Musik in Rezensionen als einzigartig, grenzenlos und ihrer Zeit voraus beschrieben, und da wir genau dies sein wollen, will ich ihnen das mal glauben. Als Songschreiber habe ich nie Kompromisse gemacht, jedoch immer versucht, die ultimative, musikalische Sprache zu finden, um meine Intentionen auszudrücken. Da meine musikalischen Wurzeln auch nicht nur im progressiven Metal liegen, ist das Ergebnis sicher offenherziger. Momentan würde ich unsere Musik als progmetallische Kollision von Faith No More, Jesus Christ Superstar und den späten Beatles bezeichnen, mit einem gefährlichen Unterton. Unsere Einflüsse sind so verschieden, daß man sich schwer festlegen kann. Wir haben auch kaum mal zwei Beschreibungen unserer Musik gelesen, die identisch waren.

MUM: Welche Erfolge konntet Ihr mit Eurem Debüt feiern?

POS: Die Reaktionen waren fantastisch. Nie im Leben habe ich so viele schmeichelnde Kommentare und Vergleiche gehört. Das Internet war hierfür eine tolle Quelle. Zum Jahreswechsel hatten wir rund 150 Abonnenten unseres E-Mail-Newsletters, aus 18 verschiedenen Ländern rund um die Welt. Und das, obwohl die Alben nur in Japan veröffentlicht waren. Die meisten, die zu uns Kontakt aufnehmen, haben unsere Musik durch MP3-Files im Internet kennengelernt. Das Interessante an diesen MP3-Dateien ist, daß die Nutzer nach dem Anhören meist gleich beide Alben über Online-CD-Shops bestellt haben. Das sollte ein Signal sein für die Musikindustrie, das man durch Nutzung von MP3 viel Geld verdienen kann.

MUM: Was willst Du mit Deiner Musik und den Texten aussagen?

POS: Ich finde es am wichtigsten, daß meine Musik und Texte etwas Wichtiges ausdrücken. Ich würde nie einen Text schreiben, nur um etwas zu singen zu haben. Wenn man seine Stimme schon im Mediendschungel erhebt, dann sollte man diesen Raum auch nutzen, um etwas Gutes und Intelligentes zu sagen. Bewahrt die Gesellschaft vor einer Schwachsinns-Überdosis. Dies ist auch einer der Hauptgründe, mit Konzepten auf unseren Alben zu arbeiten. Auf dem Debüt ging es um Krieg, Beziehungen, Elternschaft, Kindheit und die Suche nach dem richtigen Lebensweg, wobei Verlust die zentrale Rolle spielte. Das aktuelle Album hat eine klarere Geschichte, da wir von Anfang an mit Konzept gearbeitet haben, dies ist der Vorteil dieser Scheibe. Man wußte, daß man ein Album aus dem macht, was man schreibt und komponiert. Das Konzept leitet sich aus meinen Uni-Studien über Frieden und physikalische Strahlungen ab, und es dreht sich um die Umwelt, die Kriegsindustrie, Wasserverschwendung, Nuklearwaffen, nuklearen Abfall und die Vertreibung von Einheimischen. Die zentrale Geschichte handelt von einem Mann, der als Arbeiter in der Kriegsindustrie anfängt und schließlich am Karachay-See im Ostural, Rußland, landet, völlig hoffnungslos. Dieser See wurde seit den 40er-Jahren mit nuklearem Abfall gefüllt. 1988 war die radioaktive Strahlung dort so hoch, daß eine Stunde in der Nähe des Sees einen innerhalb einer Woche getötet hätte. Der gesamte See mußte mit Beton (englisch: concrete) abgedeckt werden, und daher kommt auch der Titel des Albums "One Hour By The Concrete Lake". Eine der zentralen Botschaften ist, daß man als kleines Teilchen einer großen Machinerie trotzdem für das verantwortlich ist, das diese Machinerie anrichtet. Diese Zusammenhänge will ich beleuchten.

MUM: Wo siehst Du musikalische Unterschiede zum Debüt?

POS: Das neue Album ist reifer und besser auf den Punkt gebracht, auch etwas heavylastiger. Auf dem Erstling mochte ich die naive Frische, und einige funky klingende Elemente, die nun nicht ins Konzept gepasst haben. Aber letztendlich sind beide sehr pain-of-salvationisch, und wer eines von beiden mag, der wird auch das andere mögen.

MUM: Welches sind Deine Lieblingstracks auf der Scheibe?

POS: "New Year's Eve", "Home" und "Black Hills" sind es, in dieser Reihenfolge. Ich denke aber, daß man beim ersten Hören vielleicht am ehesten "Inside", "The Big Machine" und "Inside Out" mag.

MUM: Warum hat der andere Daniel die Band verlassen, zwei Wochen vor dem Studiotermin, und wie habt Ihr so schnell einen neuen Gitarristen gefunden?

POS: Es gab einige Meinungsverschiedenheiten mit Daniel, schon längere Zeit. Schon vor den Aufnahmen zu "Entropia" hatten wir ernsthafte Diskussionen über den vom Rest der Band verspürten Mangel an Ambitionen und Verantwortung bei ihm. Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt, als daniel mehr als einen Tag zu spät kam, als wir die Demoversionen für das zweite Album einspielen wollten, im Dezember 1997, und auch zum Abmischen erschien er nicht. ich habe gemerkt, wie die Situation die ganze Band belastete und eines jeden Motivation, Inspiration und Wohlbefinden beeinträchtigte. Jeder wirkte irgendwie deprimiert, und im januar 1998 rief ich den Rest der Band zu einer Krisensitzung zusammen, und alle waren wir der Meinung, handeln zu müssen. Daher, und trotz der bevorstehenden Aufnahmen, riefen wir am 19. Januar Daniel an und legten ihm nahe, die Band zu verlassen. Wir waren der Meinung, daß dies lieber vor den Aufnahmen geschehen sollte, als hinterher. Alles lief dann recht reibungslos ab, und wir sind immernoch gute Freunde mit Daniel. Dann dachten wir natürlich, daß es unmöglich sein würde, so schnell einen neuen Gitarristen zu finden. nach ein paar empfohlenen Gitarristen, die wir ausprobiert haben, fanden wir Johan Hallgren, und mit ihm klappte alles bestens, von Beginn an. Zwei Wochen vor dem gang ins Studio machten wir ihn zum festen Mitglied der Band. Er mußte sehr viel arbeiten, bis zum letzten. Er mußte zwei Alben einstudieren, mit Texten und Gesang noch dazu. Die Tour wird für ihn eine öffentliche Prüfung.

MUM: Was hörst Du zuhause so für Musik?

POS: Ich selbst höre keinen Progmetal, auf jeden Fall nicht den, den man normalerweise mit diesem Begriff meint. Einige Bands oder Werke, die ich höre, sind Faith No More, Tori Amos, The Beatles, Dive, "Chess", The Gathering, Simon & Garfunkel, Queensryche und so weiter. Ich verliebe mich meistens nur in bestimmte Songs, nicht in Bands generell. Genauso verliebe ich mich in Instrumente, nicht in Instrumentalisten. Es gibt so viele Bands, die einige großartige Songs machen, die man aber trotzdem niemals als Lieblingsband haben könnte. Gute Musik gibt es in jeder Stilart, ich habe daher meine Favoriten weitgefächert von Soul, Jazz und Klassik bis zu Pop, Musicals und Trash. Musik muß für mich immer eine gewisse Tiefe besitzen und eine gelungene Kombination von Herz und Kopf sein, außerdem muß sie ehrlich sein.

MUM: Was machen Daniel Gildenlöw und der Rest der Band, wenn sie mal nicht musizieren?

POS: Ich studiere Linguistik, Kristoffer studiert Klangdesign, Fredrik studiert Kammermusik und Geschichte, Johan Hallgren arbeitet als Kellner in einem Konferenzhotel und Johan Langell persönlicher Assistent an einer Schule. Ich persönlich fühle mich immer so, als wäre ich in einem Prozeß des Musikmachens, der mich sogar nachts schlaflos macht. Ansonsten lese ich gerne, denke gerne nach, diskutiere gerne, liege gerne in einer heißen Wanne und spiele gerne Computergames. Ein amerikanischer Hörer hat mich gerade auf Fallout gebracht, da er meinte, es gäbe Gemeinsamkeiten zwischen dem Spiel und unserem lezten Album in Botschaft und Atmosphäre.

MUM: Ihr habt das Material für Eure zweite Scheibe ja bereits 1997 geschrieben. Habt Ihr dann jetzt schon viel neue Songs für das dritte Album?

POS: Ja, haben wir. Ich arbeite gerade an 7 bis 8 Songs, von denen zwei oder drei auch schon fertig sind. Abgesehen davon habe ich viele lose Ideen, außerdem arbeiten Fredrik und ich gemeinsam an einem Track.

MUM: Was kommt in naher Zukunft?

POS: Im März gehen wir auf Tour mit Treshold und Eldritch, darauf freuen wir uns sehr. Danach fangen wir sicher an, das neue Material auszuarbeiten. Wir hoffen, das neue Album im Sommer aufnehmen zu können, im Moment aber sind wir noch mit Proben, Interviews und sonstiger Promo beschäftigt, was uns aber nicht entnervt, im Gegenteil, wir finden die Resonanz riesig.

MUM: Mal was anderes, Tennis. Warum hat Euer Landsmann Enquist Deiner Meinung nach die Australien Open nicht gewonnen, bis zum Finale hat er doch so großartig gespielt? Oder interessierst Du Dich nicht für Sport?

POS: (lacht) Das hätte lieber Fredrik beantworten sollen, er ist der sportbegeistertste von uns. Wir sagen ihm immer, daß das der Beweis dafür ist, daß er kein richtiger Musiker ist. Wie auch immer, wenn ich eine Äußerung dazu wagen würde, dann die, daß Enquist wohl seine Konzentration und seinen Glauben im Finale verloren hat. Ich habe ein paar Minuten davon gesehen, eine Wiederholung, als ich auf eine Probe gewartet habe, und da konnte man schon erwarten, daß er verliert. Er war eben einfach nicht gut genug.

MUM: Auch an Dich meine immer letzte Frage: welche Frage wolltest Du schon immer mal gestellt bekommen, und wie lautet die Antwort?

POS: Frage: "Wie kommt es, daß Du die beste Musik der Welt machst?" Ähm, ich glaube übrigens nicht, daß ich das tue, aber die Frage wäre doch toll. Antwort: "Mache ich nicht", weil ich natürlich bescheiden bin, "aber wenn das doch so sein sollte, dann deswegen, weil ich nur das schreibe, was ich auch hören will." Das stimmt dann auch. Ich schreibe nur Musik, die ich dann auch liebe, und ich will mich immer in der Musik wiederfinden, die ich spiele. Das ist für mich das Wichtigste, ich selbst zu sein. Wage es, einzigartig zu sein!

MUM = Mucke & Mehr
POS = Daniel Gildenlöw von Pain Of Salvation

(Tobi)