CTS-MUM
PLASTIC NOISE EXPERIENCE (04/98)


Seit der Bandgründung im Jahre 1989 in Minden (NRW) bereits bestehen PLASTIC NOISE EXPERIENCE unverändert aus Claus Kruse (Programmierung, Gesang) und Your Schizophrenic Pal (Programmierung, Texte) - der diesen seinen Künstlernamen in der Szene lieber genannt sehen will als seinen eigentlich bürgerlichen. Bis zum heutigen Tage können sie - neben vielfachen Compilationbeiträgen - auf ein stolzes Veröffentlichungspaket von vier hoffnungslos vergriffenen Tapes und nunmehr elf CDs zurückblicken, vorausgesetzt man wirft sämtliche Formen und Arten dieser Tonträgervariante in einen Topf (CDs, MCDs, DCDs, EPCDs, US-CDs ...). Ihr aktuelles Album "Rauschen" ist hierzulande das dritte offizielle Album (Debut: "Transmission" 1992, Zweitwerk: "String of ice" 1993, darüberhinaus wurde "Transmission" 1995 in Begleitung diverser Bonustracks und Form einer DCD unter dem Namen "Transmitted memory" wiederveröffentlicht). Faszinierenderweise - und wohl auch zur Freude aller begeisterten Anhänger - haben PNE ihren Charme und Klangcharakter irgendwie konserviert, beibehalten und verfeinert, sind dem Minimalismus und der puren, klaren Elektronik treu geblieben. Konformität mit neusten Trends ist undenkbar, wird abgelehnt und ausgeschlossen. Zu komponieren was gefällt ist hier die oberste Devise, und PNE scheinen ihren Sound gefunden zu haben. Vier Jahre zogen seit "String of ice" ins Land, bis "Rauschen" im November Einzug in unsere Plattenläden hielt. Natürlich gab es zwischendurch auch 1993 noch die EP-CD "Visage de plastique", aber trotzdem verging eine lange Zeit, die sicher auch bewirkte, daß man vielerorts an die Auflösung PNEs glaubte. Doch dem war - unschwer erkennbar - nicht so! Der beste Beweis dafür sind die drei letzten Veröffentlichungen. Die MCD "Digital Noise" war im September der Vorbote für den im November erschienenen Longplayer "Rauschen", dem dann noch die "Cyber remix"-MCD folgte. Eine fette Rückmeldung, die jeden Zweifel am Weiterbestehen der Formation im Keim erstickt! Die Ursache für die lang erscheinende Wartezeit und Entwicklungsdauer des neusten Albums liegt hauptsächlich im privaten Bereich des Duos. Sie leben nunmal nicht von der Musik, also muß dieses 'Hobby' in überlebens- und lebenstechnischen Fällen und Fragen einfach hinten anstehen. Das soll jetzt aber nicht unsere Sorge sein, denn der PNE-Entzug hat nach einer - komprimiert betrachteten - "Rauschen"-Entwicklungszeit von ca. sechs Monaten täglicher Arbeit nun endlich ein Ende gefunden. Die gesamte Produktion erfolgte in Eigenregie von Claus und YSP (alles selbst erarbeitete Fertigkeiten). Sie interessieren sich eben für Technik und Elektronik - speziell im musikalischen Bereich - und bereiteten "Rauschen" sowohl klanglich als auch graphisch preßwerkfertig in ihren eigenen, privaten Studios vor. Sie wohnen ziemlich weit voneinander entfernt, was für elektronische Musik jedoch nicht nachteilig ist. Unabhängig vom anderen entwickelt jeder der beiden neue Stücke, Melodien und Sounds, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich wieder einmal zusammensetzen. Das bedeutet, daß YSP mit seinem für die Unternehmung erforderlichen Equipment für einige Tage zu Claus in den hohen Norden kommt, wo beide dann gemeinsam an der Ausarbeitung der persönlichen Ideensammlungen arbeiten und Songs ihren letzten Schliff geben. Inzwischen spielt die Tanzbarkeit bei diesem Unterfangen keine so große Rolle mehr, wie dies in früheren Tagen der Fall war. Das Experimentieren mit Sounds rückte eher in den Vordergrund. Was andere zu vermeiden versuchen - Knistern, Rauschen, Kratzen ... - avancierte zum unverkennbaren Markenzeichen PNEs. Kontraste sind es, die auch immer wieder angestrebt werden. Sie beschehren Unerwartetes und Abwechslungsreichtum, überraschen und fügen dem PNE-Sound Ecken und Kanten hinzu, die ihn markant und einprägsam werden lassen. Das mag jetzt zwar ziemlich ernst klingen, spiegelt aber nicht das generelle Wesen der beiden Musiker wider. Sie sind auch jederzeit für Humor zu haben. Ein guter Beweis hierfür sind sicher die eigentlich aus Spaß an der Freude und den Songs entstandenen Coverversionen vergangener Tage ("Smalltownboy" oder "Why" von JIMMY SUMMERVILLE ... oder die aktuelle Coverversion des PARACONT-Songs "D-ranged" auf "Rauschen", die inzwischen zwei Jahre alt ist und einst als Maxi-B-Seiten-Auskopplung zur Debatte stand - was aber nie realisiert wurde!). Die "D-ranged"-Coverversion und "City of lies" sind übrigens Stefans ausgesprochen favorisierte Tracks des augenblicklichen Albums, wohingegen Claus eher zu "No return" tendiert. Nebenbei erwähnt handelt es sich bei dem zweiteilig vohandenen "I want you" nicht um den ersten und einen Fortsetzungsteil des Stückes. "Es sind zwei abgeschlossene Tracks." erklärt Claus. Wortspielereien, Rätsel ... ein letzteres wurde der Hörerschaft auch im Bezug auf den Zusammenhang zwischen "City of lies", dem Opener, und "Stadt im Schlaf", Abschlußtrack des neuen Longplayers, mit auf den Weg gegeben. Wiederholtes Anhören und große Rätselei vermochten jedoch bislang noch niemanden weiterzubringen! Andeutungsweise soll es aber dergestalt sein, daß die Version "... im Schlaf" einfach langsamer ist, gleich dem menschlichen Organismus im Ruhezustand. Eigenartigerweise lassen Rätsel jedoch immer Größeres hinter der Auflösung vermuten als es hier der Fall ist - nun gut! Solange sich all das nicht auf den Hörgenuß auswirkt ...! So führte das Gespräch zur Thematik: Pro oder Contra Crossover und Gitarreneinsatz. (Wäre dies im Falle der herrlich puren Elektronik PNEs überhaupt denkbar?) "Ich kann mit richtigem Crossover nichts anfangen. Persönlich würde ich's auch nicht machen. Warum?" Noch frevelhafter scheint die Gitarre aus der Absicht heraus einen Song dadurch härter klingen zu lassen: "Wenn ein Song nunmal nichts ist, dann macht es die Gitarre dazu auch nicht mehr! Das Wichtigste an einer Gitarre ist doch das elektronische Effektgerät dahinter. Ohne diesen Gerätepark dahinter kommt da auch nichts, also sollen mir diese Leute nicht erzählen, sie fänden Elektronik kacke!" empört sich YSP, für den ein zukünftiger Gitarreneinsatz bei PNE genausowenig Thema ist wie für Claus. Der hat zwar bezüglich einer eventuellen Equipmenterweiterung momentan keine Wunschträume ... oder doch? "Höchstens die Walldorf-Wave!" gibt er mit strahlendem Gesicht nach einem kurzen Denkanstoß seitens YSP zu. "Die ist aber wirklich superteuer. Die kleine Microwave die ich habe kann das aber auch, und Du kaufst für eine Preisdifferenz von gut 12.000,00 DM eigentlich ein großes Bedienteil. Ein direktes Traumgerät gibt es für mich nicht. Meine Maschinen habe ich mit Sicherheit noch längst nicht völlig ausgereizt, und außerdem gibt es vieles, das man auch noch mit Hilfe des Computers erreichen kann." In der Anfängen elektronischer Musik benutzte man Werksounds, "... heute muß sich auf Teufel komm 'raus einfach jeder Ton verändern und bewegen!". Die Handhabung ist einfacher geworden. Die Kombination von Sounds - möglichst selbstbearbeitete welche - ist es heute, die das gewisse Etwas ausmacht, die Individualität unterstreicht. Übrigens betrachteten und behandelten PNE den Gesang zu ihren Songs in erster Zeit eher als zusätzliches Instrument, legten keinen großen Wert auf Textinhalte. "Die aggressive Distorsion-Stimme mußte einfach drauf!" Mittlerweile sind die Lyrics inhaltlich eher ausgewogen - authentisch oder aber rein fiktiv. Da gab es auch die ein oder andere Aufnahme mit unverzerrtem Gesang! "Wir haben ohne Ende Material auf Band! ... Dabei sind auch Stücke ohne distorsion. Im Nachhinein - mit einigem Abstand dazu - klingen sie aber einfach immer wieder zu banal. Distorsion auf dem Gesang hat sich einfach bewährt. Das sind mit Abstand einfach die Stücke, die am besten ankommen!" Davon kann man sich übrigens auch live überzeugen! PNE, die eigener Aussage nach in Belgien und Frankreich wohl am bekanntesten sind und live die größte Resonanz erfuhren, wollen nämlich auch "Rauschen" im Rahmen einer Tour präsentieren und promoten. Die ersten Schritte dazu unternahm man bereits mit Einzelkonzerten im November. Unterwegs präsentiert sich das Duo allerdings zu viert auf der Bühne, was die Möglichkeit bietet viel mehr wirklich live zu bringen als es zu zweit erreichbar wäre. Über die genauen Daten wird jeder sicher bald genau im Tours & Dates-Teil erkundigen können. Augen aufhalten (oder ins Internet gehen - http://members.aol.com/pne1) ist ab sofort angesagt! Das gilt ebenfalls für die Solounternehmungen seitens Claus, der dabei den Bandnamen SONIC UNIT trägt. "Es ist ein rein instrumentales Projekt." erklärt er, der sich hierzu aber noch auf der Suche nach einer geeigneten Veröffentlichungsplattform befindet. Industrialangehauchter Elektro wäre die wohl treffendste Stilbeschreibung für SONIC UNIT. Viel Erfolg damit!

(Mo)