CTS-MUM
THE SEER (08/98)


The Seer nennt sich ein Quintett aus Augsburg, und "Liquid" heißt ihre neue CD. Stilistisch bieten die Jungs eine Mischung aus Rock und Folk, mit Pop und einem Schuß Elektro. Klingt nicht nur interessant, ist es auch. Grund genug, mit dem Drummer der Band, Michael Nigg, der auch schon für andere Combos großen Namens aktiv war, einige Worte zu wechseln.

MUM: The Seer heißt ja soviel wie Der Seher. Warum dieser Name? (Es gab doch mal einen Asterix-Band, der so hieß, aber das wird es wohl nicht sein...)

N: Du hast Recht - übersetzt heißt es Der Seher. Das unsere Band so heißt hat aber nichts mit Asterix oder etwa übersinnlichen Fähigkeiten der Band-Mitglieder zu tun, sondern beruht einfach nur auf der Tatsache, daß die Gründungsmitglieder der Band damals (ca. 1989) sehr auf eine schottische Band namens Big Country standen, die im Jahre 1986 ein tolles Album mit diesem Titel veröffentlichte. Da der Name auch noch gut klingt und schon auch etwas geheimnisvolles, mystisches an sich hat entschloß man sich halt, die Band THE SEER zu nennen. So einfach ging das!!!

MUM: Ihr seid ein Quintett aus Augsburg. Wie habt Ihr Euch kennengelernt und wie seid Ihr zur Musik gekommen?

N: Angefangen haben Shook und Peter, damals noch mit einem anderen Drummer. Nach ca. 1 Jahr stieß ich zur Band, und wir spielten bis ca. 1992 im Trio - hatten jedoch schon zu dieser Zeit die gleiche musikalische Richtung wie Heute. Wir kommen übrigens alle drei aus der selben Gegend in der Nähe von Augsburg. Wir haben uns dann irgendwann doch dazu entschlossen, einen Bassisten "zu verpflichten" (Jürgen) und als wir Jo kennenlernten waren wir komplett. Die Augsburger Musiker-Szene ist sehr klein, da kennt man sich schon untereinander. Interessant ist, daß wir eigentlich aus verschiedenen Richtungen kommen. Jürgen hat lange Hard-Rock gespielt bevor er zu THE SEER stoß, und Jo war sogar in einer Rockabilly-Band tätig. Wir merkten jedoch schnell, daß wir uns musikalisch sehr gut verstehen und auch menschlich ganz gut zusammen passen - seit 1993/94 spielen wir deshalb in dieser Besetzung zusammen. Musikalisch sind wir alle vorbelastet - mein Bruder ist z. B. klassischer Trompeter und mein Vater war früher Jazz-Gitarrist in München.

MUM: Wie würdet Ihr Euren Stil beschreiben, nein, nicht den modischen, sondern den musikalischen welchen?

N: Schwierig, sich selber in eine Schublade zu stecken. Wir haben lange diesen Folk-Rock Stempel aufgesetzt bekommen, worüber wir nie so recht froh waren. Wir haben natürlich Folk-Elemente in unserer Musik, jedoch liegt der Schwerpunkt bei uns bestimmt auf anderen Stil-Mitteln. Wir sind primär eine ROCK-BAND, und versuchen, verschiedene Elemente aus unterschiedlichen Richtungen zu kombinieren, ohne dabei gesichtslos und stillos zu wirken (WOW!!!). Gerade auf LIQUID haben wir bewußt versucht, unserer Musik neue Impulse zu geben. Wir haben viel ausprobiert und experimentiert und wollten uns nicht unbedingt an die immer gleichen, vorgeschriebenen Regeln und Schubladen halten. Das Album wurde abwechslungsreich und facettenreicher als seine Vorgänger - dennoch passen die Songs denken wir zusammen und bilden eine interessante Fortsetzung unserer ersten beiden Alben, welche eher in die Kategorie Pop/Rock mit Folk-Elementen einzuordnen sind . Ich denke diesen Weg kann man noch viel weiter und extremer gehen.

MUM: Ihr integriert ja auch elektronische Elemente in Eure Musik, und das sogar sehr gut. Ich kenne Eure ersten beiden Alben nicht, aber war das dort genauso?

N: Beim ersten Album Across the border war das überhaupt nicht der Fall. Das ist eine eher straighte Rock-Geschichte. Auf Own World befinden sich bereits 2-3 Songs, wo wir damit angefangen haben. Da wir das auch live umgesetzt haben und uns dieser Weg sehr gut gefallen hat, hat sich diese Entwicklung einfach fortgesetzt und auf LIQUID noch mehr Platz eingenommen. Own World war ein eher akustisches, ruhigeres Album - LIQUID stellt sich dagegen moderner und eben vielschichtiger dar.

MUM: Bei Euch treffen verschiedenste Welten aufeinander - Pop, Folk, Rock, Wave, Songwriting, etwas Elektro wie gesagt - experimentiert Ihr viel herum? Und wohin geht Euer Stil, welche Seite wird in Zukunft am meisten betont, oder keine besondere?

N: Für LIQUID haben wir wie bereits gesagt viel experimentiert. Da kommt es natürlich oft vor, daß Du Dich in irgend eine Sache verkopfst und in eine Sackgasse gerätst. Es ist auch sehr zeitaufwendig. Man kann nicht von Heute auf Morgen einige Sachen verändern und erwarten, daß Alles funktioniert wie vorher. Ich glaube wir haben einen ersten guten Schritt gemacht, ohne unsere Fans vor den Kopf zu stoßen. Wer weiß, wie´s weitergeht. Im Moment würde ich sagen, daß man in diese Richtung auf jeden Fall weiter und wie gesagt noch extremer gehen kann. Gerade die Kombination von technischen Elementen wie Samples und Loops mit traditionellen, akustischen Instrumenten finde ich sehr reizvoll und inspirierend. Ich hoffe, wir können auf diesem Weg weitermachen.

MUM: Bei Euch stehen schöne Melodien im Vordergrund, die auch wirklich ins Ohr gehen. Feilt Ihr lange daran herum oder fallen sie Euch locker in den Schoß?

N: Wir haben schon immer sehr melodiöse Musik geschrieben. Das ist nichts "künstliches", sondern hat schon was mit unserem Stil zu komponieren zu tun. Wir hören auch viel andere Musik, die in diese Richtung geht, und solche Eindrücke fließen natürlich mit ein. Wir sind auch der Meinung, daß unsere Musik kommerziell ist, was denke ich nichts negatives bedeuten muß. Ich denke, man darf sich gerade bei der Komposition keinen Regeln oder Vorgaben von Außen unterwerfen, oder jedenfalls nur im bestimmten Maße. Man muß hinter seiner Musik stehen, denn man muß sie gerade live dem Hörer glaubhaft vermitteln und "verkaufen" können. Früher kamen fast alle Songs von Shook und Peter, und wir haben sie dann gemeinsam arrangiert und instrumentiert. Heute passiert viel im Dreier-Team mit mir oder sogar mit der ganzen Band. Das führte sicherlich auch dazu, daß das neue Album sehr abwechslungsreich wurde. Grundsätzlich kann bei uns jeder seine Ideen einbringen und testen - wir sind schließlich eine Band!!!

MUM: Ihr habt schon für ZZ Top oder The Who supportet, wie war es, mit solchen Heroen aufzutreten?

N: Das sind natürlich tolle Momente für jeden Musiker. Du kannst in großen Hallen vor vielen Leuten Deine Musik präsentieren und (in unserem Falle) verliefen alle Tourneen und Support-Gigs übermäßig positiv. Jedoch kann das auch ganz anders sein. Ist ein Publikum gegen Dich, oder hat die Crew des Haupt-Acts etwas gegen Dich, können solche Jobs die Hölle sein. Wir hatten anscheinend das Glück, daß es musikalisch wie auch persönlich immer gepasst hat, und so haben wir natürlich viel Positives aus diesen Engagements ziehen können - sei es bei Fish, den Hooters, ZZ-Top oder The Who. Auch der persönliche Kontakt zu den "Stars" ist natürlich aufregend, kann aber auch ernüchternd sein. Manchmal hast Du wirklich Gelegenheit, diese Leute kennenzulernen, und dann wird`s interessant!!!!

MUM: Habt Ihr die big Stars auch kennengelernt oder lief das eher anonym ab?

N: Unterschiedlich. Natürlich hat man sich immer begrüßt und vorgestellt, man sollte jedoch als Support-ACT nicht zu viel erwarten. Es gibt Bands, mit denen sind wir immer noch in Kontakt (Fish, Hooters, Simple Minds...), bei ZZ-Top lief es eher anonym. Außer etwas Small-Talk und einem gemeinsamen Foto war da nicht viel los. Pete Townshend hat`s wohl auch gut gefallen und es gab einen warmen Händedruck (COOOOL!!!!!)

MUM: Habt Ihr auch solche Rauschelbärte wie ZZ Top oder wie kam es zum Support?

N: Das lief über die Plattenfirma. Wir haben aber erst 2 Tage vor der Tour den Anruf bekommen. Mit Bärten können wir nicht dienen, die übrige Körperbehaarung von Jo Corda ist jedoch absolut sehenswert und einen Eintrag ins große Buch der Abnormitäten wert!!!

MUM: Wovon handeln Eure Texte, was wollt Ihr vermitteln?

N: Auf LIQUID stammen alle Texte von Shook, er könnte sicherlich genauer dazu Stellung nehmen. Ich denke, ein guter Song braucht einen guten Text. Andererseits wollen wir diese Komponente nicht überbewerten. Die Musik und die Instrumentierung ist bestimmt genauso wichtig. Wir wollen nicht auf Teufel komm raus große politische oder sozialkritische Statements und Einstellungen verkünden und transportieren . Es handelt sich eher um alltägliche Geschichten und persönliche Eindrücke des Autors.

MUM: Wann erscheint denn das Album nun, oder ist es schon raus?

N: Das Album wird am 29. 06. 98 erscheinen, die erste Single heißt "Please".

MUM: Was wird ausgekoppelt? Macht Ihr ein Video? Was passiert drin?

N: Wie gesagt wird Please die erste Single sein. Es ist noch kein Video gedreht - man will im Lager unserer Plattenfirma erst die Reaktionen der Medien auf den Song abwarten, und dann über weitere Maßnahmen wie z. B. einen Video-Dreh entscheiden.

MUM: Mir gefällt die Scheibe richtig gut, sie ist sehr interessant und läßt sich prima durchhören. Glaubt Ihr, daß Ihr den Durchbruch schaffen könnt damit?

N: Wir denken, daß wir unsere Ideen gut umsetzen konnten und sind (bis jetzt noch!!) wirklich happy mit der Scheibe. Wir wissen auch, daß wir mit diesem Album wirklich den nächsten Schritt nach vorne machen könnten. Wenn ich mir die deutschen Charts anschaue, brauchen wir uns denke ich nicht zu verstecken!!! Auf der anderen Seite sind wir schon etwas länger in diesem Business dabei, und sehen das ganze schon realistisch - und die Realität sagt, daß nur ein gutes Album einfach nicht reicht. Für uns wäre es wahnsinnig wichtig, daß wir eine Single in einigen großen Sendern plazieren könnten, um noch mehr Menschen auf uns aufmerksam zu machen. Da spielen aber noch so viele andere Faktoren eine Rolle, die man als Künstler gar nicht beeinflussen kann, daß man gar keine Prognose abgeben kann. Wir sind auf jeden Fall bereit.

MUM: Welche Bands haben Euch beeinflußt, man hört da so einige raus (U2 z.B.), oder?

N: Beeinflussen tut dich jede Band, die du gerne hörst. Da könnte ich viele aufzählen. Wir stehen alle sehr auf Bands und den Sound der 80er. U2, Big Country, Simple Minds, The Alarm usw. Wir sind auch große Fans von Peter Gabriel und seinem Label Real World. Da gibts viele Künstler, die versuchen neue Wege zu gehen und verschiedene Kulturen in ihrer Musik zu verbinden. Übrigens ist auch die Band von Ronan Browne, der auf LIQUID Pipes und Flutes spielte, hier gesignt. Sie heißt Afro Celt Sound System, und verbindet auch Traditionelles mit modernen Elementen.

MUM: Mit wem würdet Ihr gerne mal auftreten?

N: Da gibt es keinen speziellen Wunsch. Jedoch wären die Künstler, die ich gerade genannt habe schon klasse.

MUM: Habt Ihr einen Favoriten auf dem Album?

N: Ich persönlich habe keinen ausgesprochenen Favoriten, finde jedoch die etwas komplexeren Songs wie Meditating on Madness oder Prayer sehr gelungen.

MUM: Findet Ihr auch, daß Anna Kournikova die hübscheste Tennisspielerin aller Zeiten ist?

N: Ich gebe Dir Recht, sie ist die hübscheste Spielerin. Wenn ich mir die meisten ihrer Rivalinnen jedoch so anschaue ist das auch nicht unbedingt eine große Kunst!!

MUM: Gibt es bekannte Bands aus Augsburg, mir fällt da gerade keine ein?

N: Leider hat es noch nie eine Band aus A geschafft, mal richtig bekannt zu werden. Das liegt auch daran, daß es keine besonders gute und beständige Szene gibt. Wir leisten da mit 1-2 anderen Bands wirklich so etwas wie Pionier-Arbeit. Die meisten Bands schaffen es einfach nicht, mal aus A raus zu gehen, und sich über einen längeren Zeitraum ihr Publikum zu erspielen. Das ist auch sehr schwer, da es bei uns für Nachwuchs-Künstler kaum Auftritts-Möglichkeiten gibt. Ich hoffe das ändert sich wieder!!!

MUM: Michael, Du hast ja auch für Simple Minds an den Drums in die Felle gehauen, für ihr letztes Album. Wie war das, erzähl mal?!

N: Es ist mittlerweile 1H20 UHR, und Du stellst mir zu dieser Zeit eine solche Frage!!! Ich könnte jetzt seitenweise erzählen, da diese Geschichte für mich schon sehr beeindruckend war. Ich war ca. 3 Wochen in Schottland, und habe in dieser Zeit sehr viel gelernt, habe sehr sympathische Leute kennengelernt und bin mächtig stolz darauf, bei dieser Band gespielt zu haben. Sie haben mir sehr geholfen und mich absolut kollegial und freundschaftlich behandelt. Pete Walsh, der Produzent, hat mich vorgeschlagen, da zu dieser Zeit Mel Gaynor nicht bei den Simple Minds war. Die Band hörte sich Tapes von mir und von THE SEER an und lud mich ein. Mel kam kurz vor Ende der Aufnahmen wieder zurück und spielt jetzt wieder fest bei den Minds mit. Ich finde Neapolis ein sehr gehaltvolles Album und schätze Charly und Jim als außergewöhnliche Musiker und echt nette Kerle. Ich fange jetzt jedoch nicht mit Details an, sonst komme ich gar nicht mehr weg vom PC. Wenn Du interessiert bist, erzähle ich Dir aber gerne einmal mehr über diesen Trip - es gibt da einige Storys. . . .

MUM: Wie feiert Ihr die Jahrtausendwende?

N: Wow!!! Na, ich hoffe mal, mich gibt`s da noch und mir ist zum feiern zumute. Wie ich feiere??? Habe noch keine konkreten Vorstellungen. Es wird aber bestimmt entweder etwas ganz ausgeflipptes, oder etwas absolut einfaches sein - nichts normales dazwischen. We`ll see. . . . .

MUM: Ich habe gehört, Ihr habt damals auch die Titelmusik zu Derrick komponiert und in einer Traumschiff-Sendung das Captains-Dinner untermalt, mit brennenden Wunderkerzen auf dem Kopf. Ist ja toll. Wart Ihr auch sonst schon mal im Fernsehen zu sehen?

N: Neben den Auftritten in der "Knoff-Hoff-Show" als verkleidete Dixie-Band sind wir noch in Sendungen wie Bim Bam Bino (Kein Witz!!) oder Boulevard Deutschland aufgetreten. Es wurden auch auf Sendern wie BR3, HR oder MDR bereits einige Live-Konzerte mitgeschnitten und gesendet (Live aus dem Alabama, Live aus dem Schlachthof, Das Fest Karlsruhe u.a. )

MUM: Nennt mir mal Eure drei Lieblingsplatten, oder Du eben als Repräsentant der Band.

N: Schwierig, denn das wechselt immer wieder. Ich nenne einfach mal 3 Alben, die ich sehr gelungen finde: Rush-Counterparts , U2-Achtung Baby , Peter Gabriel-Live Kennst Du die Band Transglobal Underground?. Shook steht tierisch auf diese Band - geht stark in Richtung Massive Attack. Einer der Köpfe der Band war auch bei den Simple Minds beteiligt (Hamid), und arbeitet gerade an einem Remix von unserem Song "Welcome to the world". Könnte sehr interessant werden.

MUM: Was hältst Du davon, daß Jenny Elvers (das inzwischen nicht mehr so lecker aussehende Blondchen) Heiner Lauterbach verlassen hat und nun angeblich Thomas D. heiraten will?

N: Ich weiß über diese Frau nur, daß sie früher einmal Heidekönigin war und das der Auslöser für ihre tolle Karriere war-Jetzt ist sie Schauspielerin - Deutschland machts möglich!!! Ich weiß nicht einmal, ob ich sie hübsch finde oder nicht. Hat sie früher denn besser ausgesehen?? Sorry-hab ich wohl was versäumt.

MUM: Wo hast Du Deinen letzten Urlaub verbracht, und wie war's so?

N: Ich bin kein Urlaubs-Fan. Ich fahre eigentlich sehr selten weiter weg, da ich mit Touren und Spielen eh schon viel unterwegs bin. Meine Freundin setzt mich jedoch immer mehr unter Druck was das angeht, so daß ich wohl Ende des Jahres nachgeben muß - Frag am besten sie wohin es geht!!!

MUM: Vielen Dank für das ausführliche Interview.

(Tobi)