CTS-MUM
TANGA (04/98)


Eine der herausragenden Veröffentlichungen momentan ist mit Sicherheit die CD "Panoptikum" des österreichischen Zwei-Mann-Projekts Tanga. Sphärische Musik bester Güte, mit tollen Sounds sehr relaxend gemacht, mit wunderschönen Frauenstimmen versehen. Tolle Melodien und erzeugte Stimmungen entführen den Hörer in eine eigene, voller positiver Energie strotzende Welt. Manfred Hermann Byte (26) und Jon Kaiser (28) verbergen sich hinter Tanga, und so bekam ich die Gelegenheit, den Kaiser zu befragen.

Die Geschichte von Tanga als Musikprojekt geht weit zurück. "Manfred und ich machen schon lange zusammen zwölf Jahre Musik. Mit 15 haben wir angefangen, als Schülerband. Das war immer schon elektronische Musik, wir beide kommen ja vom Keyboard. Manfred hat eigentlich Akkordeon und Klavier gelernt. Wir haben dann immer mehr zum Synthesizer gefunden, zunächst waren gewisse Teile für uns natürlich unerschwinglich, wir haben daher viel alte analoge Instrumente gekauft, wir haben jetzt irsinnig viele Geräte." Ihr damaligen musikalischen Vorbilder hört man heute nicht mehr unbedingt heraus. "Mit 15, 16 waren Depeche Mode für uns fast Ersatzreligion, da haben wir alles aufgesaugt und sogar geheult zu deren Musik. Wir waren damals schon sehr engstirnig, da haben wir nichts außer Depeche Mode toleriert, dann wurde der Horizont langsam breiter." Es begann also alles mit Synthiepop. "Eigentlich schon, das war schon Synthiepop. Erst später - man höre und staune - später - haben wir zu Kraftwerk gefunden, nachdem wir gelesen haben, daß sie Depeche Modes Vorbilder waren. Nach der Pubertät, mit 18 oder so, war die Euphorie aber auch kein Thema mehr. Für uns auf dem Land war auch nicht viel erreichbar, da gab es die Bravo, viel mehr hat man nicht mitbekommen."
Wenn wir schon beim Thema sind, dann verkneife ich mir die Frage nicht, ob denn die Heroen von damals immer noch verfolgt werden. "Also wenn ich ehrlich bin, die neuen Alben hole ich mir immer noch. Ich fand das neue Album absolut gut, jetzt die Zusammenarbeit mit Tim Simenon, die ist total gelungen. Ein großartiges Album."
Zurück zu Tanga, einem Teil des Künstlerkollektivs Core (Cosmic Orgone Engineering, nach Wilhelm Reich). "Das ist eine Vereinigung verschiedener Leute, Modedesigner, Grafiker, Bildhauer, Illustratoren, wir Musiker, DJs. Irgendwie macht man gemeinsame Sachen, wir haben auch schon Musik für Modenschauen gemacht. Man tauscht sich aus, jeder ist involviert in Projekte der anderen, und auch informiert, was sie tun". Einmal im Monat ist zudem Wandertag, da geht dann die ganze Core-Group auf einen Berg und holt sich so neue Kraft. "Berge, Frischluft, Sauerstoff, Wälder, Wiesen..."
Haben Manfred und Jon denn zur Zeit noch selbige für weitere Projekte? "Tanga nimmt momentan den Hauptpart ein, raubt auch viel Zeit. Nebenbei machen wir halt noch Nor-Ton, das ist instrumental und eher Ambient, mit wenig Beats. Da machen wir auch eher skurrile Auftritte. Im Januar hatten wir z.B. in einer Location namens Sargfabrik einen Auftritt in einem Nudistenclub, wo die Leute entspannt im Whirlpool oder auf Liegestühlen lagen. Wir haben da unser Equipment aufgebaut und versucht, die Stimmung ein wenig aufzufangen, das war sehr spannend. Wir waren die einzigen Bekleideten (lacht), nicht daß Du schreibst, wir wären auch nackt gewesen. Wir waren eher angespannt, weil das für uns ja auch ganz neu war."
Zur Umschreibung des musikalischen Stils Tangas haben die beiden stets einen Begriff parat. "Wir haben da ja das schöne Wort Electrip erschaffen, das trifft die Sache schon gut. Auf der einen Seite die Elektronik, die Maschinen, auf der anderen Seite der Trip, die Reise, das Wegdriften in Innen- und Außenwelten. Dieses Wort gefällt uns sehr gut." Ihre Zielgruppe sehen Tanga in Menschen, die mit Gefühlen jonglieren können, romantischen Menschen.
Vor dem Release des Debütalbums gab es bereits zwei EPs, "Electrip" und "The Angels' Share", wobei verwunderte, daß letzterer Song bereits mit zwei Versionen auf erstgenannter Scheibe vertraten war, bevor die vier neuen Mixe erschienen. "Das hatte so eine Eigendynamik. Wie so viele unserer Nummern gibt es den Song in total vielen Versionen, die Urversion war z.B. über 15 Minuten lang. Wir probieren viel herum, lassen uns freien lauf. Die meisten Versionen verlassen nie das Studio, wir ziehen uns da die Extrakte heraus." Textlich kann man die einzelnen Songs des Albums nicht voneinander trennen. "Das sind alles Erzählgeschichten. Auf "Panoptikum" sieht man ja gut, wie wir arbeiten. Die ersten beiden Nummern gehören z.B. zusammen. "Soulsister" erzählt eine Geschichte, "Soulcleansing" ist die poetische Aufarbeitung davon, daher gleiten auch viele Stücke ineinander. "Who Caresses The Stones" und "Made Of Jewels" gehören genauso zusammen." Die beiden Sängerinnen Küken und Ningee kommen aus dem engen Freundeskreis. "Das ist auch wichtig, da wir sehr emotionale Sachen machen, da können wir uns nicht einfach eine externe Sängerin nehmen, da muß man schon eine bestimmte Nähe aufbauen. Die beiden kommen auch aus dem Core-Umfeld." In jedem Fall überzeugt jede der über 74 Minuten des Albums, wobei Manfred und Jon gar nicht bewußt war, die CD so gut zu füllen. "Das ist uns gar nicht so aufgefallen. Das war noch länger, wir haben da nicht drauf geachtet und mußten es kürzen. Uns fehlt da etwas das Zeitgefühl, ich habe nicht einmal eine Uhr."
Aus dem Alpenland schwappt nicht viel Elektronik zu uns, da liegt die Frage nach der Szene in Österreich nahe. "Es gibt einiges, aber das ist schon im Verborgenen. Österreich ist zu klein, um eine Bandbreite zu zeigen. da wird immer nur ein Act herausgestellt, und da ist kein Platz für andere, zur Zeit sind es eben Kruder & Dorfmeister. Das macht es natürlich nicht einfach für andere Künstler wie uns, man bekommt im Ausland normalerweise keine Beachtung."
Nun aber sind Tanga bei Rough Trade gelandet und besuchten Deutschland bereits für einige Konzerte, u.a. mit Gus Gus. "Das sind ganz nette Menschen, voll sympathisch, genau auf unserer Wellenlänge, da konnte man keinen besseren finden." Die Frage nach dem Wunsch-Livepartner stelle ich dann mit dem Vermerk, Depeche Mode mal auszuschließen. Jon lacht laut: "Ja, Depeche Mode hätte ich jetzt wirklich gesagt. Ich weiß nicht, Gus Gus sind schon genau das gewesen, was wir wollten." Ich schlage Mouse On Mars vor, da ich mir einen Abend mit diesen beiden Bands prima vorstellen kann. "Ja, Mouse On Mars wären auch ganz toll, die würden auch super passen. Die haben wir ja bereits auf der Popkomm kennengelernt, als wir einen Backstageraum zusammen hatten. Die sind auch toll." Und was bekommt man live geboten, passieren da auch visuelle Sachen? "Eigentlich ist das rein Musik, aber wir sind da auch erst noch am Planen. unser Bildhauer hat da solche Rohrkonstruktionen entwickelt, die haben wir aber schon einige Zeit, da stehen einige Synthesizer drauf. Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, bei uns sind die Wasserdruckrohre blau, und gelb die für das Gas. Wir nehmen die blauen, von Baustellen oder so, das paßt ja auch ganz gut, der Transport, wir suchen ja auch den Dialog oder die Kommunikation mit den Hörern." Meine Anmerkung, daß die Baustellen also nun keine Wasserrohre mehr hätten, versetzt den Kaiser in Heiterkeit. "Das darfst Du jetzt nicht so sagen, das ist ja illegal. Die haben genug Rohre."
Natürlich darf die beliebte Frage nach der Namensherkunft bei einer Band, die Tanga heißt, nicht fehlen. "Eigentlich haben wir uns nach einem belgischen Model benannt, das ist eine wunderschöne Frau, die heißt Tanga. Die hat uns gefallen, die ist so wandlungsfähig, das paßt irgendwie auch zu uns. Auch die Anspielung auf das Kleidungsstück hat eine Rolle gespielt, aber wir meinen doch mehr die Frau. Vielleicht machen wir ja mal etwas mit ihr?" Ich schlage vor, sie zu Ihrer nächsten Nudistenparty einzuladen. "Das war nicht unsere Party.", stellt Jon lachend richtig. Vielleicht kann sie aber ja mal eine Rolle in einem Videoclip übernehmen. "Das Video zu 'The Angels' Share' ist weichgezeichnet von den Farben her. Das hat Andreas Bitesnich gemacht, ein bekannter Fotograf, der viel erotische Bilder macht, u.a. für den Playboy und Vogue. Da gibt es schöne Menschen, die zur Musik tanzen, sehr gefühlsbetont, sehr interessant von den Farben her, mit ganz leichten Sado/Maso-Sachen, aber ganz soft, wie bei Hamilton. Wir haben noch ein neues Video, zu 'Blue Days', das ist realistischer, mit kräftigen Farben. Das haben wir in einer Tennishalle in Wien gedreht, das ist auch romantisch, und wir kommen auch vor." Zu Core gehört Andreas doch bestimmt auch, oder? "Zum Umfeld, aber nicht direkt dazu, dafür hat er zu wenig Zeit. Aber er macht unsere Videos, ist total an der Musik interessiert, war zum Teil sogar bei den Aufnahmen dabei, kam oft vorbei."
Ein großes Kollektiv also, was in Österreich am Werk ist. Die beiden Musiker selbst operieren auch optimal zusammen. "Manfred ist der musikalischere von uns, ich bin mehr der Soundtüftler. Die Grundideen haben wir eigentlich gemeinsam, wir ergänzen uns total gut." Das, woran man momentan arbeitet, kann Jon selbst nicht so richtig einordnen. "Ich habe gerade an einer komischen Sache gewerkelt, die Manfred vorbereitet hat, eine ganz merkwürdige Geschichte, da weiß man gar nicht, wo das hinführt."

Das Album "Panoptikum" kann man jedem, der ruhige, entspannende elektronische Musik mag, nur wärmstens ans Herz legen, mich hat es in jedem Fall begeistert, so daß ich den beiden sympathischen Jungs nur alles Gute wünschen kann.

(Tobi)