CTS-MUM
TONIC (02/00)


Tonic - für die meisten von uns bisher vielleicht nur flüssig mit Gin zusammen ein Begriff, für die Amerikaner aber schon längst auch musikalisch bekannt, steht die gleichnamige Combo doch für bodenständigen, melodischen, eingängigen Rock. Hinter Tonic verbergen sich Emerson Hart (Gesang, Gitarre), Jeff Russo (Gitarre) und Dan Lavery (Bass) - wie jetzt, kein Drummer? Nein, nicht mehr, stieg der diese Position einnehmende Kevin doch vor einiger Zeit aus, und so richtig in die Band konnte sich bisher keiner trommeln. "Lemon Parade" hieß die 1997 erschienene Debütscheibe der drei Jungs aus Los Angeles, und nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten erreichte sie dann sogar Platinstatus. Mit der Single "If Only I Could See" landeten Tonic den laut Billboard meistgespieltesten Rock-Song des Jahres 1997. Klar, dass man auch live seine Qualitäten präsentieren wollte, und so gingen die Jungs erst einmal zweieinhalb Jahre auf Tour. Zwischendurch brachten Tonic 1998 in Eigenregie für Computernutzer die "Live And Enhanced"-CD heraus, die man nur über das Internet bestellen konnte. Mit "Sugar" haben die Jungs nun ein neues Album am Start, das wieder überzeugt. Produziert haben sie die Scheibe übrigens auch noch im Alleingang. Grund genug, ein paar Worte zu wechseln.


MUM: Dan, wo siehst du die Unterschiede zwischen "Sugar" und Eurem ersten Album?

D: Ich glaube, wir haben jetzt viel besser mit Klangräumen gearbeitet. Das erste Album hatte sehr kompakten Rocksound mit fetten Gitarren, aber jetzt haben wir mehr Luft, mehr Freiräume erreicht. Ich denke auch, dass die Songs besser geworden sind, sehr viel relaxter und nicht überproduziert. Wir haben sie so arrangiert, dass sie so natürlich wie möglich klingen.

MUM: Wie seid Ihr darauf gekommen, die Scheibe selbst zu produzieren?

D: Das war eigentlich gar nicht unser Vorhaben. Nachdem unser Drummer uns letztes Jahr verlassen hat, war uns irgendwann ziemlich klar, wie das neue Album klingen sollte. Eigentlich dachten wir auch daran, wieder mit Jack zu arbeiten, der das erstes Album produziert hat, aber sein Terminplan hat das nicht erlaubt. Wir haben dann noch ein paar Produzenten ausprobiert. Mit einem haben wir gearbeitet, mit mehreren telefoniert, aber letztendlich dachten wir, dass wir es am besten wissen müssten, was wir wollen.

MUM: Meinst du, Ihr werdet Euch weiter selbst produzieren?

D: Ich weiß nicht. Das war eine großartige Erfahrung und wir haben viel gelernt, man hat ja auch viel Verantwortung. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was wir getan haben, und wir sind stolz auf das Album, aber der ganze Prozess war auch sehr stressig. Ich bin da sehr offen. Wenn der richtige Produzent vorbei kommt, dann wäre ich froh, nur noch zu spielen und nicht mehr zu produzieren.

MUM: In den Staaten ist das Album schon veröffentlicht worden, oder?

D: Ja, im November kam es heraus.

MUM: Und wie macht es sich?

D: Sehr gut. Wir hatten eine sehr erfolgreiche Single mit "You Wanted More", welches auf dem "American Pie"-Soundtrack zu finden war, und jetzt ist das Stück auch auf dem Album, was geholfen hat. Das war ein Top Ten-Hit, ist bis auf Platz 2 der Rock-Charts geklettert. Die Folgesingle "Knock Down Walls" war auch in den Top Ten der Rock-Charts in Amerika.

MUM: Ich habe gelesen, dass der Song "Sugar" der erste war, wo Ihr alle zusammen gearbeitet habt, und dass Ihr dann so weitergemacht habt, stimmt das?

D: Ja, das war der erste Song, aber auch, weil ich beim Einspielen des ersten Albums "Lemon Parade" noch gar nicht dabei war. Ich bin erst dazugekommen, als das Album fertig war, und habe den anderen Dan ersetzt. Witzigerweise heißen wir beide Dan. Wir wollten uns auch mehr als Band fühlen bei diesem Album, nachdem Emerson die meisten Songs des Debüts alleine geschrieben hatte. Auf "Sugar" schreibt er zwar auch noch alle Texte, aber an den Songs haben Jeff und ich viel mitgearbeitet. "Sugar" haben Jeff und ich damals in einem Hotelzimmer in Houston zusammen begonnen, mit einigen Ideen, und Emerson hat dann seinen Teil und die Texte beigesteuert, so war das also schon die erste Kollaboration von uns dreien.

MUM: Wie war das für dich, in die Band zu kommen?

D: Großartig. Als ich dazustieß, da hatten wir nur dürftigen Erfolg. Wir hatten einen Song im Radio, aber nicht viele Platten verkauft, und daher spielten wir auch nur in kleinen Clubs. Mit unserer Single "If You Could Only See" im Jahr 1997 gab es dann so etwas wie eine Explosion, wir wurden richtig bekannt, das war sehr spannend und toll. Aber auch mit diesem Erfolg, über eine Million Platten verkauft zu haben, ist es für mich natürlich jetzt sehr viel schöner, eine Platte auf den Markt zu bringen, an der ich auch richtig mitgearbeitet habe.

MUM: Warum hat der andere Dan die Band denn verlassen, und warum der Drummer?

D: Er ist auch ein recht erfolgreicher Produzent, hatte mit einer Scheibe als solcher ein paar Millionen Kopien verkauft, außerdem ist er ein gefragter Session-Bassist. Damals waren Tonic eben noch nicht so erfolgreich, er hatte aber einige andere Sachen zu tun, so entschied er sich, sich darauf zu konzentrieren. Mit unserem Drummer Kevin war das so, dass er die Band Ende 1998 verlassen hat. Nachdem wir Erfolg mit dem ersten Album hatten, waren wir zweieinhalb Jahre auf Tour, mit nur wenigen Pausen. Er hatte Familie, mit zwei Kindern und einem, das unterwegs war. Wir alle waren unabhängig, so war das für ihn wirklich schwer, auch weil wir Pläne hatten, nach Europa zu gehen und dort auch präsenter zu sein. Ich denke, er ist viel glücklicher jetzt, zuhause mit seiner Familie.

MUM: Wer spielt denn die Drums jetzt?

D: Für die Platte haben wir den Drummer meiner alten Band angeheuert, den ich schon lange als Freund und Musiker kenne. Er war auch schon mit uns auf Tour, als Kevins Frau das Baby bekam. Wir haben dann jetzt viele Drummer angehört und uns für unseren früheren Drum-Techniker Jeremy entschieden.

MUM: Er ist aber kein volles Mitglied?

D: Momentan haben wir ihn nur als Drummer angestellt, nicht als festes Bandmitglied.

MUM: Welche Bands haben Euch beeinflusst?

D: Ich denke, das waren größtenteils frühe, songorientierte Rockbands wie Led Zeppelin, die alten Aerosmith, auch die Beatles oder der frühe Elton John. Ich habe früher auch Joe Jackson oder Elvis Costello viel gehört, die britischen Post-Punk-People. Jeff und Emerson standen auf The Cars oder die Pixies, solche Sachen. Wir haben viele verschiedene Einflüsse.

MUM: Mit wem würdest du gerne mal auf Tour gehen?

D: Müssen die lebendig sein? Ich würde gerne mit Robert Plant und Jimmy Page touren, bin ein großer Led Zeppelin-Fan. Mit denen würde ich gerne touren, einfach, um sie jede Nacht spielen sehen zu können.

MUM: Spielt Ihr bald mehr Gigs in Deutschland, neben dem Konzert mit Oleander am Montag?

D: Ja, ich glaube, am 26. Februar spielen wir für eine Fernsehshow. Einer unserer Songs soll wohl auch für die Formel 1-Übertragungen genutzt werden, wenn ich richtig informiert bin. Wir wollen auf jeden Fall mehr in Deutschland spielen, viele Leute hier sind meiner Meinung nach echte Rock-Fans, und hier wären wir auch gut aufgehoben, denke ich. Wir wollen das Album präsentieren, einfach Rock 'n' Roll spielen.

MUM: Werdet Ihr Festivals in Europa spielen?

D: Das hoffe ich. Im März und April touren wir in Amerika mit Third Eye Blind, dann wollen wir nach Deutschland kommen im Mai und Juni, und danach spielen wir vielleicht auch ein paar Festivals hier. Wir haben schon einmal auf dem Bizarre-Festival gespielt.

MUM: Wenn Ihr so lange auf Tour gewesen seid damals, gab es ein Konzert, das für Euch herausragte?

D: Wir haben mal in Atlanta gespielt, als Headliner auf einem dreitägigen Festival, als letzte Band, vor etwa 40000 Leuten, nachts, in strömendem Regen, und keiner ist gegangen. Das war eine großartige Show, jeder kannte die Songs, es hat riesigen Spaß gemacht.

MUM: Gab es auch ein schlechtestes Konzert?

D: Wir haben ein paar Shows gespielt, wo die Promotion sehr schlecht war. Da standen wir dann in einer Arena oder einem Amphitheater, und keiner war da, vielleicht 30 Leute, davon 20 von deiner Plattenfirma. Das war aber auch nicht wirklich schlecht, weil es auch hier viele Momente gab, an die man sich erinnert und die wirklich lustig waren. Du rockst ab, es ist laut, aber es ist leer. Anstatt zu der Menge zu reden fängst du dann an, die paar Leute persönlich kennen zu lernen, sie nach dem Namen zu fragen. "Wie fandest du diesen Song, John?" oder "Wir werden dich rocken, Jim!".

MUM: Ihr seid also nicht eine dieser Bands, die dann nach einer halben Stunde aufhören, wenn nur wenige Leute da sind.

D: Nein, wir lieben es, zu spielen, und wenn da nur zwei Leute sind, die kommen, um uns zu sehen, dann geben wir es ihnen. Wir sind auch stolz darauf, sehr gute Kritiken und Resonanzen für unsere Liveshows zu bekommen.

MUM: Kannst du etwas über die "Live And Enhanced"-CD erzählen?

D: Die heißt so, weil sie für Computer-User zwei Videos und einen Bildschirmschoner enthält, neben den drei Live-Tracks, die zu hören sind. Außerdem gibt es eine Akustikversion von "If You Could Only See". Wir haben die CD gemacht, weil es lange gedauert hat, eine neue Platte zu machen, und wir haben sie auch nur über das Internet vertrieben, weil dies der Ort ist, wo wir Kontakt zu unseren treusten Fans haben, die darauf warten, dass etwas Neues von uns erscheint. Das Label war damals gerade damit beschäftigt, zu fusionieren. Wir waren früher bei Polydor, jetzt sind wir bei Universal, und in dieser Phase war alles nicht so klar, wo wir enden würden. Das war also keine gute Phase, ein neues Album heraus zu bringen. Wir haben uns also die Erlaubnis des Labels eingeholt, diese CD selbst herauszubringen, was sie okay fanden, und so konnte man sie über unsere Webseite beziehen. Jetzt verkaufen wir sie auch noch auf unseren Konzerten.

MUM: Ihr habt also richtig Kontakte zu Fans über das Internet, ja?

D: Ja, haben wir. Auf unserer Webseite www.tonic-online.com kann man uns direkt E-Mails schicken, jedem von uns oder der Band gemeinsam, und wir beantworten sie alle. Natürlich ist das jetzt nicht mehr so einfach, wo wir bekannter sind, eine neue Platte draußen haben und auf Tour sind. Wir bekommen jetzt viel mehr E-Mails, so dass ich manchmal auch nur "Thank you for writing" antworte, aber wenn jemand einfach eine Frage stellt, dann beantworte ich die auch immer. Wir versuchen, unseren Fans zu zeigen, wie dankbar wir sind, dass es sie gibt. Ohne sie gäbe es uns nicht.

MUM: Wie findet Ihr es in Deutschland?

D: Wir haben das Bizarre gespielt, auch irgendwo in Köln und Frankfurt. Und wir haben im Hamburger Kaiserkeller gespielt, was für mich schon besonders war, wenn man weiß, dass die Beatles dort gespielt haben. Wir mögen Deutschland. Die Leute sind sehr nett zu uns, und auch unser Label hier ist toll.

MUM: Meine letzte Frage. Hast du einen Favoriten auf der Scheibe?

D: Das wechselt und hängt davon ab, wie die Songs live rüberkommen. Mein momentaner Favorit ist der Titeltrack "Sugar", ob auf der CD oder live.

MUM: Mucke & Mehr
D: Dan Lavery von TONIC

(Tobi)