CTS-MUM
T.V. SMITH (08/98)


Als Punk über die Musikwelt hereinbrach, da standen einige Combos in erster Reihe, so die Sex Pistols, The Clash, die Buzzcocks oder aber die Adverts. Letztere feierten Ende der 70er-Jahre große Erfolge mit ihrem Album "Crossing The Red Sea With The Adverts" und Songs wie "Gary Gilmore's Eyes" oder "Bored Teenagers". Nachdem sich die Band aufgelöst hatte, gründete ihr Mastermin T.V. Smith eine neue Formation, The Explorers. Mit ihnen brachte er zwei vielbeachtete Platten heraus, spielte dann bei Cheap, bevor er sich dazu entschloß, fortan als Solokünstler durch die Lande zu ziehen. Punk wurde gegen akustische Gitarre eingetauscht, T.V. zum Songwriter, der auch auf diese Weise noch zynische und aufrüttelnde Texte verarbeitete. Ob "March Of The Giants" oder "The Immortal Rich", seine Alben feierten weiter Erfolge. Nun erscheint sein neuester Streich "Generation Y" auf dem Label der Toten Hosen, JKP, Grund genug, T.V. Smith ein paar Fragen zu stellen.

MUM: Zuerst mal eine doofe Frage. Wofür steht T.V.?

TV: Das T steht für Tim. Ich hasse es, Dich enttäuschen zu müssen, aber das V habe ich einfach nebenangestellt, weil es mit dem T so gut paßt.

MUM: Glückwunsch, das Album gefällt mir richtig gut. Wo siehst Du Unterschiede zu vorigen Scheiben?

TV: Danke, es freut mich, daß Dir die Platte gefällt. Meine Einstellung zu diesem Album ist eigentlich die gleiche wie bei denen zuvor. Ich beginne mit Texten und Melodien und versuche, damit etwas zu sagen, nicht nur Tapete für die Ohren zu machen. Natürlich ist der Stil ein anderer als 1977.

MUM: Welche Bands haben Dich beeinflußt, solche Musik zu machen, wie man sie heute von Dir hört?

TV: Schwer zu sagen, ich versuche immer, micht nicht beeinflussen zu lassen, lieber etwas Neues zu machen. Du beendest einen Song und hast das spannende Gefühl, etwas Unvorhandenes in die Welt zu setzen, was es vorher nicht gab.

MUM: Warum hast Du mit der Musik angefangen?

TV: Es war vor allem der Wunsch, zu schreiben. In der Schule habe ich Gedichte geschrieben, aber schon bald begann ich, mir Melodien dazu auszudenken. Ich habe Radio gehört und gedacht: "das könnte ich auch". Leider konnte ich keine Instrumente spielen, also nahm ich mir eine akustische Gitarre und begann, darauf herumzuklampfen. ich hörte dann auch auf, Gedichte zu schreiben, weil Songs viel kraftvoller sind und direkter mit Gefühlen umgehen. Ich mochte, wie die meisten Kinder, Bands und Rock 'n' Roll, daher gründete ich mit 15 meine erste Combo, und von diesem Augenblick an war ich in eine andere Welt versetzt, ich konnte da nicht mehr raus und wollte es auch nicht.

MUM: Wovon handeln Deine Texte?

TV: Viele behandeln soziale Ansichten, in Tradition der Protestsongs, aber ich vermische sie mit persönlichen Geschichten. Ich mag es nicht, daß viele Texter so einseitig sind, entweder politisch oder persönlich. Wenn man schreibt, dann kommt das aus dem Herzen, aber es muß auch etwas mit der realen Welt zu tun haben. Ich versuche immer, aus den Themen besondere Aspekte herauszuarbeiten, obwohl sie alltäglich erscheinen mögen. Ich hoffe, daß einige Hörer denken: "Aus dieser Sicht habe ich das noch nie betrachtet.".

MUM: Du hast mal mit Punk angefangen, Deine Songs sind inzwischen aber recht ruhig und sehr melodisch. Was waren die Gründe für diesen Umbruch?

TV: Ich spielte Punk mit den Adverts, The Explorers waren schon eher Post-Punk. Dann kamen fünf Jahre mit einer Band namens Cheap, einer recht lauten Rockband. Die Leute haben zum Schluß allerdings immer wieder gefragt, ob ich nicht mal solo spielen wolle. Zuerst lehnte ich ab, alleine auf die Bühne zu treten, dann versuchte ich es aber einfach mal, und es Unglaubliches geschah: obwohl keinerlei elektronisch verstärkte Instrumente erklangen erschienen mir die Gigs noch kraftvoller als zuvor. Ich mochte es auch, jeden Song spielen zu können, auf den ich gerade Lust hatte, je nachdem, in welcher Stimmung ich war. So wurde jedes Konzert anders, und als es ins Studio ging, da konnte ich machen, was ich wollte, alle Instrumente einsetzen, auf die ich Lust hatte, alles so arrangieren, wie ich dachte. Ich spürte eine grenzenlose Freiheit, und diese ist wichtig, wenn man kreativ sein will.

MUM: Macht es Dir also mehr Spaß, alleine mit deiner Gitarre auf der Bühne zu stehen, anstatt mit einer Punkband?

TV: Ja. Das Tolle an einer Punkband war das Gefühl, zu einer Bewegung zu gehören, die das Gesicht der Musik verändert hat. Inzwischen bin ich eher an einer Art Kommunikation mit dem Publikum interessiert, Punk war mehr über Konfrontation.

MUM: Meinst Du also nicht, daß Du eines Tages noch einmal Punk spielen wirst?

TV: In meinem Herzen bin ich immernoch Punk, ich will aber nicht mehr in einer künstichen Combo spielen. Das Wichtige ist der Inhalt, nicht die Verpackung.

MUM: Was hältst Du denn von der heutigen Punkmusik? Entwickelt sie sich noch weiter?

TV: Es gibt einige anständige Combos, die gut dafür sind, sie sich live anzuschauen und etwas hochenergetischen Spaß zu haben. Mir erscheinen sie allerdings ziemlich leer. Als Punk startete, da gab es keinerlei Regeln, denen man gehorchen mußte, und das Spannende war, daß man nie wußte, wie eine neue Punkband klingen würde oder worüber ihre Texte handeln. Heute sind die meisten Punkbands sehr vorhersagbar, und das ist eine Schande.

MUM: Wirst Du bald auf Tour kommen?

TV: In Deutschland werde ich vom 9. bis 19. September zu sehen sein. ich komme zusammen mit meinem alten Freund Attila The Stockbroker, der einer der ersten war, die mich überredet haben, solo zu spielen. Wir spielen beide Solosets, und vielleicht auch ein paar Songs zusammen.

MUM: Was für Musik hörst Du zuhause so?

TV: Oh, wirklich alle Sorten. Ich höre immer wieder Radio in der Hoffnung, etwas zu entdecken, was ich mag, aber das passiert nicht oft. Es gibt nur eine handvoll Bands, die ich so beständig gut finde, daß es sich lohnt, sich ihre Platten zu holen: Nick Cave, The Verve, Mike Scott. Ich höre auch gerne Bands, die gar nichts mit der Musik, die ich mache, zu tun haben: Sonic Youth, Reggae, ab und zu einige Dancesachen, es kommt immer auf meine Stimmung an.

MUM: Du hast ja gute Bezieheungen zu Deutschlands bekanntester Punkband, den Toten Hosen. Wo habt Ihr Euch kennengelernt?

TV: Sie haben mich angerufen, als sie in London waren, um ihr "Learning English"-Album aufzunehmen, weil sie eine Version von "Gary Gilmore's Eyes" aufnehmen wollten. Ich war sehr skeptisch, ob sie nicht nur Geld scheffeln wollten, aber als ich sie traf, da merkte ich, daß sie eine gute Einstellung zum Punk haben und ihre Wurzeln ehren wollten, indem sie Lieder ihrer Heroen einsangen, die sie am Anfang inspiriert hatten.

MUM: Du hast Ihnen ja auch schon mit englischsprachigen Texten geholfen bei ihren Ausflügen in die internationale Musikszene. Womit haben sie Dich bezahlt, Bier, Groupies oder Hosen-CDs?

TV: Scheinbar arbeiten sie augenblicklich daran, daß ich der nächste Kanzler werde.

MUM: Erzähl uns mal was über den Menschen T.V. Smith.

TV: Ich lebe in London, weil ich inzwischen abhängig bin von Überbevölkerung und hohen Preisen. Ich bin 42 Jahre alt, was soll man machen. Wenn ich mal nicht Musik mache, dann schlafe ich oder bin Einkaufen. Ich mag kein TV, weil es meinen Namen geklaut hat und das Gehirn vermodert.

MUM: Erinnerst Du Dich noch, welches Album das erste war, das Du je gekauft hast?

TV: Smash Hits '68.

MUM: Und welches sind Deine drei lieblingsalben?

TV: "Raw Power" von Iggy And The Stooges, "Bone Machine" von Tom Waits und "Nevermind" von Nirvana.

MUM: Wenn Du irgend etwas in der Welt ändern könntest, was wäre es?

TV: Ich hätte gerne eine schickere Antwort auf die Frage "Für was steht das T.V.?".

MUM: Vielen Dank für das Interview.

(Tobi)