CTS-MUM
UNBELIEVABLE TRUTH (08/98)


Bei der Familie Yorke scheint den Kindern die Musikalität mit der Depression in die Wiege gelegt worden zu sein. Wie Thom Yorke mit Radiohead, so sind auch beim jüngere Bruder, Andy Yorke, mit seiner Band "Unbelivable Truth" keine fröhlichen Britpop-Melodien zu erwarten. Während bei Radiohead die treibenden Kräfte die Neurosen des Thom Yorke sind, der sie musikalisch und lyrisch auslebt und von den Furien seiner Zweifeln und Frustrationen gepeinigt zu sein scheint, sind Unbelievable Truth melancholisch, doch ohne dabei sich selbst oder die Hörer in abgrundtiefe Depression zu verfallen zu lassen. Bei ihnen herrschen zarte Balladen vor, die subtil aber unweigerlich Erinnerungen an Rendezvous und Abschiede heraufbeschwören und eine leise Melancholie hervorrufen, die aber nie in Selbstmitleid und Verzweiflung umschlägt. Auch wenn sie das Album "Almost There" nannten, sie sind schon längst da, an der Spitze der englischen Charts, die sie ohne großen Hype, eher durch die Hintertür erobert haben.
Andy Yorke, der für Gesang, Gitarre,Texte und ein Drittel des Songwritings zuständig ist, hat dafür auch eine ganz logische Erklärung:
"Wir sehen die Melancholie als einen Bestandteil des Lebens, Melancholie bedeutet nicht unbedingt Trauer, sondern eher eine ruhige und reflektierende Phase, in der man sich Gedanken über sein Leben und seine Gefühle macht. Ich glaube wir machen sehr gefühlvolle Musik und dazu passen leise, akustische Töne einfach besser! Außerdem glaube ich, daß Melancholie etwas ist das jeder Mensch schon mal erlebt hat, damit kann sich jeder identifizieren, es berührt jeden, jede Altersstufe. Wenn Du traurig bist, dann setzt Du dich mit Dir selbst auseinander. Es ist intim, gerade deshalb werden wir auch immer nur in kleinen Clubs spielen. Massenveranstaltungen und Festivals sind nicht für unseren Sound geeignet. Wir wirken nur in einer bestimmten Umgebung, unseren Sound kannst Du nicht durch riesige Verstärkertürme blasen, dann spricht er keinen mehr an."

Um den Vergleich zu Radiohead machen sich weder er, noch seine beiden Mitstreiter, Jason Moulster (bass) und Nigel Powell (drums) große Gedanken. "Warum sollten wir wie Radiohead klingen? Zufällig ist einer von uns der Bruder des Radioheadsängers, aber wir sind 3 Musiker die zusammen Songs schreiben und nichts mit Radiohead zu tun haben! Radiohead ist eine sehr gute Band, aber wir haben nicht vor wie Radiohead zu klingen, wir sind Unbeliebable Truth!"
Das Thema Radiohead ist ein klein wenig ein Reizthema, nicht weil da eine Rivalität zwischen Brüdern herrscht, laut Andy haben sie ein recht gutes Verhältnis, auch wenn sie sich nicht sehr häufig sehen, sondern eher deshalb, weil die Band durch die ständigen Vergleiche etwas genervt ist. Nigel bringt das auf den Punkt "Beide Bands machen Musik die man eher als melancholisch denn als fröhlich bezeichnen kann. Wir werden mit keiner anderen Band verglichen, nur mit Radiohead, dabei klingen wir doch wirklich nicht so. Wenn Andy jetzt nicht zufällig Thoms' Bruder wäre, dann würde der Name Radiohead doch nie fallen, also was soll das? Wenn das immer wieder kommt, dann wird das nervig. Wir gehen nicht damit hausieren und sagen 'Hey, unser Sänger ist mit Thom verwandt!'' Jason und ich tun uns eigenlich recht leicht damit, wir schütteln das einfach ab und kümmern uns nicht darum, aber Andy wird ständig damit konfrontiert. Es ist absoluter Blödsinn. Wir klingen definitiv anders und dann fragen uns manche Journalisten warum wir anders klingen. Toll, sollen wir lieber wie ein Abklatsch klingen? Nein danke, wir sind das Original, the real thing, genauso wie Radiohead." Andy, den das eigentlich haupsächlich betrifft meldet sich ganz scheu mit seinen Gedanken zu diesem Thema: "Wenn 2 Brüder den gleichen Beruf ergreifen, dann ist das meistens kein Problem. Keiner macht sich Gedanken darüber wenn sie Slosser, Maurer, Mechaniker oder Lehrer werden, nur wenn es um die Musik geht oder einen anderen künstlerischen Bereich, dann werden sofort Vergleiche gezogen und ihnen eine Rivialität nachgesagt. Das kann sehr belastend sein!"

Im Bereich Musik sehen sie auch ihre Zukunft, nur nicht unbedingt als Band, da sie da eine ganz eigene Theorie aufgestellt haben was die Kreativität und das Alter angeht.
Nigel ist, wie immer, der Wortführer der von Andy unterstützt wird, während Jason sich auf gelegentliches ein gelegentliches Nicken und zustimmendes Brummen beschränkt.
"Ich glaube die besten Songs kannst Du schreiben wenn Du jung bist, wenn es in Dir brodelt und die Songs einfach raus müssen. Ich habe mich wirklich intensiv mit der Musikgeschichte beschäftigt, die ganzen großen Songwriter haben die besten Sachen geschrieben bevor sie 30 waren, danach flackerte zwar gelegentlich noch mal ein kreativer Schub auf, aber irgendwie waren sie schon zu gesetzt. Haben sich arrangiert und hatten einfach nicht mehr diese Kraft, den Drang... Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll. Der Schwung fehlte und teilweise haben sie wirklich Peinlichkeiten verbrochen. Das wollen wir irgendwie nicht, deshalb werden wir eher in den Bereich der Produktion gehen."
Andy macht zumindest einige Zugeständisse an Neil Young und Dylan. "Die haben teilweise schon Peinlichkeiten abgeliefert, gelegentlich tauchen sie dann wieder mit einem großartigen Album auf, aber gemessen zu dem was sie in ihrer Jugend machten ist das dann doch nicht so großartig. Das wollen wir uns einfach ersparen."

Schon bevor die Band ihr Debut-Album "Almost Here" veröffentlichte, wurden sie von der britischen Presse hochgelobt, die in Superlativen schwelgte und mit "kostbar" und "überwältigend" nur so um sich warf. Der Größenwahn der britische Bands so gerne befällt ging trotzdem spurlos an ihnen vorüber. "Wir haben die Presse nicht gesucht und nie einen Hype veranstaltet, ich glaube die Menschen die diese Art von Musik mögen haben zu uns gefunden, wir wurden ihnen nicht durch die Presse aufgezwungen. Eigentlich sind wir selbst ein wenig überrascht, daß wir soviel Anklang finden. Wir wollen keine großen Stars werden, unsere Musik paßt besser in kleine Clubs mit Atmosphäre."
Ganz leise setzt Andy Yorke noch hinzu "Wir freuen uns über die gute Presse, aber wir hüten uns sie zu ernst zu nehmen. Die englische Presse ist dafür bekannt, daß sie Dich heute loben und morgen schlachten. Wenn wir sie jetzt zu ernst nehmen, dann müssen wir das auch wenn sie sich gegen uns wendet!"
Ganz leise schwingt der charakteristisch pesimistische Unterton der Familie Yorke mit durch, die Yorkes rechnen eben immer mit dem Schlimmsten, auch wenn sie das musikalisch ganz anders ausdrücken....

(Gaby)