CTS-MUM
VELJANOV (04/98)


Musikalisch - rein instrumental betrachtet - ist er durch und durch ein Autodidakt. Rein gesangstechnisch beurteilt verfügt er über eine der wohl markantesten Stimmen der uns wohlvertrauten Musikszene. Alexander Veljanov, der sich nicht zuletzt durch seine Rolle als Sänger der Formation DEINE LAKAIEN einen Namen machte, wirkt über diese Position hinaus auch bei diversen weiteren Projekten und Unternehmungen mit, die da wären ESTAMPIE, QNTAL, DAS HOLZ, auch Hörspiele und Theaterstücke kommen zum Zuge. Von letzteren allerdings wissen nicht unbedingt viele seiner Anhänger. "Ich habe eigentlich immer Lust gehabt auch ganz verschiedene Sachen zu machen. Nur LAKAIEN ist auch wunderbar. Es ist sehr schön, daß die LAKAIEN so lange schon und noch immer erfolgreich sind und weiterexistieren. Aber um nicht in eine Art des Trottes hineinzugeraten, muß man sich auch immer mal wieder etwas ablenken - ausloten wohin man gehen kann und was man alles machen will." Das letzte Jahr war ein sehr Tournee-intensives für den mazedonischen Sänger. Zwei LAKAIEN-Tourneen, die ESTAMPIE-Tournee, diverse Festivals etc. "Als ich dann zum Jahreswechsel zu Hause saß und völlig leer war, festgestellt habe, daß ich gut 200 Tage des Jahres gar nicht zu Hause, sondern nur unterwegs und im Studio, auf Proben etc. war, fragte ich mich: Was machst Du jetzt eigentlich? Bei der Vorstellung wieder ein LAKAIEN-Album aufzunehmen und erneut auf Tour zu gehen dachte ich mir: Nein! Jetzt mußt du die ganzen Sachen und Experimente, das Material das du das ganze Jahr über zwischendurch gemacht hast mal auf einen Punkt bringen." Er begann die Songs zusammenzustellen, von denen er dachte, daß sie es wert seien. Dann trommelte er sowohl befreundete Musiker als auch den Produzenten David Young (ELEMENT OF CRIME-Spezialist) - mit dem er schon lange einmal arbeiten wollte - zusammen, erlöste alle sozusagen aus ihrer Winterdepression, und begab sich mit ihnen ins Studio. "Alles hat einfach wunderbar geklappt. Das Ganze war ohne jeglichen Druck - auch ohne Zeitdruck. Niemand außer den Musikern und dem Produzenten war involviert. Keine Plattenfirma, kein Verlag wußte etwas davon. Höchstens gerüchtehalber." Alexander Veljanov finanzierte diese Unternehmung selbst, stellte alles eigenhändig auf die Beine und führte es bis zur Fertigstellung. Dann kam die große Resonanz. "Auf die Demos hin meldeten sich ganz viele Firmen. Ich mußte mich erst einmal orientieren und entscheiden, fühlte mich regelrecht überrollt. Letztendlich habe ich mich für Motor Music entschieden - in Zusammenarbeit natürlich mit der kleinen Keimzelle in München: Chrom Records -, weil mich Motor einfach überzeugt haben und weil sie das Album total klasse fanden." Sein erstes Solo-Album "Secrets of the silver tongue" sei intimer als alle vorhergehenden Alben, bei denen er mitgewirkt hat, also mehr Alexander Veljanov als Sänger, als Mensch. "Bei den LAKAIEN ist doch mehr Theater und Schauspiel im Spiel. Auch die Inhalte sind dort aus literarischen Quellen, Filmen, aus der Geschichte." Die Texte des Solo-Werkes sind sicher "privater" - obwohl sie natürlich noch immer künstlerisch umgesetzt, also metaphorisch verwandelt wurden. Es gibt sehr viele persönliche Inhalte darin, und trotzdem bleibt alles recht geheimnisvoll. "Ich offenbare mich - was immer alle wollen. Die Fans wollen ja immer die Wahrheit um mich und von mir ... Zum einen bedeutet 'Silver tongue' im Englischen Silberzunge. Das Wort findet seinen Einsatz aber auch dann, wenn jemand besonders eloquent ist, Leute überzeugen kann. Es ist der absolut passende Titel. Interpretationsfreiheit ist gegeben und wichtig." Die Hörer sollen interpretieren, ihre Phantasie soll ruhig ein wenig gefordert sein, so der Sänger.
Gesungen habe er bereits bevor er auch nur ein Wort hat sprechen können, weiß er von seiner Familie. "Ich habe eigentlich immer gesungen. Bis zum Stimmbruch, denn dann war die Singstimme nicht mehr da. Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr habe ich eine Pause gemacht. Ab dann begann ich wieder mit dem Singen, nur so für mich." In seiner Familie gäbe es keinen einzigen wirklichen Musiker. Allein seine Mutter wollte eigentlich Opernsängerin werden. Sie habe eine sehr schöne Stimme. "Das habe ich sicher von ihr geerbt." Alexander wurde nicht fociert, nicht in etwas gepreßt was er vielleicht selbst gar nicht wollte. Wäre dies der Fall gewesen, hätte es möglicherweise auch passieren können, daß er sich des Zwanges wegen - aus Verlust des Spaßes an der Sache - gänzlich vom Singen oder der Musik generell abgewandt hätte. Gut, es wäre möglich gewesen, daß er sich dessen Jahre später aus eigenem Antrieb heraus wieder angenommen hätte, aber diese Spekulationen sind glücklicherweise nicht von Notwendigkeit. "Ich war eben im Chor. Mit achtzehn oder neunzehn Jahren überlegte ich mir eventuell auch klassischen Gesang zu machen. Damals fand ich übrigens die Post-Punk-Phase sehr aufregend. Ich habe dann auch an der Oper gearbeitet, war ein Einzelgänger. London hat mich gereizt und Berlin, die Underground-Szene und dann natürlich ebenfalls die Musik, die nach dem Punk kam. Bands wie NICK CAVE, BAUHAUS ... alles was jenseits des siebziger Jahre-Pop und -Rock war. Ich fand diese Musik sehr aufregend, genauso wie die Menschen, die sie gemacht haben. Deshalb bin ich dann sehr früh schon in genau diese Richtung gegangen. An diese Zeit habe ich sehr viele schöne Erinnerungen." Wenn er sich heute als jungen Sänger hört, die Unerfahren- und Schüchternheit in der Stimme zu Beginn der LAKAIEN ... der Rückblick verdeutlich die Entwicklung, die bis zum heutigen Tage erfolgte. "Natürlich spielen wir diese Songs auch noch heute, aber eben anders." Er, der sich wohl selbst am häufigsten hört, findet es nur legitim mit der Zeit auch Veränderungen und Abwandlungen in alte Stücke einzubringen. Ohne diese Variationen würde ihm alles sicher bald schon langweilig, erschiene ihm reizlos. "Ich würde einfach den Spaß an den Songs verlieren." Von seinem persönlichen "Instrument" - der Stimme - wenden wir uns nun zu seinem Lieblingsinstrument, dem Cello. Es verfügt über traumhafte Klänge - vorausgesetzt man kann es spielen. "Das Cello ist ein sehr schwieriges Instrument." Darüberhinaus kann sich Alexander für Streicher, Klavier, Oboe und vieles mehr begeistern. "Das ist einfach mal etwas Anderes. Synthies sind so gut wie der, der sie bedient. Computer auch - genauso wie Gitarre oder eben Cello. Wenn ich ein Stück habe, das mich berührt, dann ist es gut. Ganz gleich ob es nun elektronisch oder akkustisch ist. Die Produktionsmittel sind nicht ausschlaggebend. Mit einem Computer zu arbeiten ist natürlich viel steifer. Mit herkömmlichen Instrumenten ist es da schon einfacher, kommunikativer und vielleicht auch spontaner und nachvollziehbarer für jeden der Beteiligten." Im Rahmen der "Secrets of the silver tongue" kommen im Kern Gitarre, Baß und Schlagzeug zum Einsatz. In der Zeit von Februar bis Mai letzten Jahres fanden die Studioaufnahmen zum vorliegenden Album etappenweise statt. Das Mastering erfolgte dann im September in London bei und mit Dave Young. Alle Musiker arbeiteten innerhalb dieses Projektes gezielt auf ein Album hin, sodaß es kaum "Dropouts" gab. "Es gibt noch einige Versionen zu Songs. Songs, die im Laufe der Arbeit einfach nicht weitergekommen sind, obwohl die Platte nicht von heute auf morgen entstanden ist." Die Arbeit an einem einzigen Song kann sich über Monate hinweg ziehen, was den letztendlichen Feinschliff betrifft. "Von 'Lay down' gab es so viele verschiedene Versionen, bis es so wurde wie es ist. Eigentlich entwickelte es sich erst im Studio endgültig in die jetzige Richtung. Bei der Entwicklung muß man einfach das Tempo oder den ganzen Rhythmus verändern, die Instrumentierung, bis man irgendwann das Gefühl hat, daß es gut ist wie es ist. Dann muß man nichts mehr verändern. Mit viel Abstand, nach Jahren erst wieder, würde ich dann vielleicht doch etwas Anderes daraus machen. Das ist Intertpretationssache." Außer dem ersten Track strahlt das Album eine Atmosphäre und Stimmung aus, die auf gewisse Weise an einsame Cowboys im Sonnenuntergang erinnert. Vielleicht auch Lagerfeueratmosphäre. Das beurteilt ein jeder Hörer wohl anders. Gezielt entwickelt und geplant war dieses Phänomen laut Alexander allerdings nicht. "Natürlich ist es die Geschichte eines einsamen Menschen. Einsam aber nicht im negativen Sinne. Es geht um jemanden der alleine ist und reflektiert, sich in seinem Leben orientiert, der nachdenkt was war, ist und sein wird. Es geht hier weniger um mich, sondern um einen der eigentlich immer versucht hat etwas Besonderes zu sein, und jetzt ist es einfach zu spät. Aber das ist auch egal, denn er ist zufrieden. Er ist ein einfacher Typ. Für mich ist es die Geschichte von einem alltäglichen Menschen, den ich tagtäglich auf der Straße sehe, der einem Traum hinterherlebt. Das ist für viele vielleicht eher eine Art Idol. Man ist selbstverständlich nicht nur verbissen hinter einem Statussymbol her. Man muß auch ein Ziel, irgendetwas haben, das man nie erreichen kann, um irgendwo auch nach oben und weiter zu wollen. Das Absolute." Was Herrn VELJANOV am meisten schmeichelte war die Tatsache, daß viele der Leute, die sein Album - oder auch nur Teile davon - zum ersten Mal gehört haben sagten, es sei zeitlos, rieche nicht nach Trend und Hip, sondern sei einfach Alexander pur. Er hat sich weiterentwickelt, zeigt eine Facette, die er bisher nicht geäußert hat. "Das Album ist einfach wahnsinnig auf mich zugeschnitten. Ganz klar. Es soll ein Singer-Album sein, und die Stimme ist natürlich sehr zentral. Ganz im Gegensatz zu den LAKAIEN, wo es auch Stücke gibt, die von einer gewissen Sound-Ästhetik leben und die Stimme eine Farbe ist. Die LAKAIEN sind einfach kein Ur-Singer-Ding. Die Stimme ist zwar nicht nur Instrument, bei einigen Sachen kommt es einfach auf den Kontext an, auf den textlichen sowie auch auf den sound-ästhetischen Kontext. Stücke wie 'Testosteron' oder 'Resurrection machine' kann man wirklich nicht als Singerstücke bezeichnen. Es ist immer Kampf zwischen Musik und Stimme. Bei diesem Album nun, das wirklich als Singer-Album geplant war und ist, ein Solo-Album, da unterstützt die Musik meine Stimme wie ein Teppich. Es ist - wie schon erwähnt - ein ganz intimes Album, wirklich perönlicher als alles was ich vorher gemacht habe. Textlich wie musikalisch. Es orientiert sich einfach nicht an irgendwelchen Äußerlichkeiten, an den Sounds. Mit dieser Platte wurde ein Harmoniebedürfnis befriedigt. Sie strahlt eine gewisse Ruhe, Wärme und Harmonie aus, obwohl sie vielleicht auch traurig ist." Schilderungen zufolge wurde niemals herumgetüftelt oder -geschmiedet, es sei einfach alles aus einem Guß gekommen - völlig locker und frei von der Seele weg. "Man trägt es so lange mit sich umher ohne Bauchschmerzen zu haben, bis man irgendwann das Gefühl hat, es muß jetzt raus! Es ist wunderbar gewesen. Ich bin total ausgeglichen und habe den ganzen Streß der Monate davor in mir und um mich herum vergessen. Dieses Touren bringt einen irgendwann an psychische und physische Grenzen. Der Druck und überall die Leute, und immer mehr Leute. Ausverkaufte Hallen und noch größere ... Du weißt gar nicht genau was mit dir passiert und hast keine Ahnung was alles werden wird. Auf einmal erwachen Songs, die niemand Weiteren interessieren müssen, und dann ist die Platte fertig, und man findet sie so gut, daß man einfach keine Angst davor hat damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich habe einfach keine Angst vor einem Mißerfolg, vor Kritik. Ich bin so ausgeglichen mit diesem Album und mit meinen Leuten, daß mich gar nichts wirklich umhauen kann." Gänzlich fehlende Erwartungen oder Anforderungen an den Erfolg der Platte geben ihm diese Sicherheit und Ruhe. Logischerweise wäre es überaus angenehm, wenn "Secrets of the silver tongue" richtig einschlagen würde, aber das ist momentan eigentlich überhaupt nicht wichtig. Das Album als Ganzes ist was zählt. In diesem Kreis gibt es für den Interpreten auch keine ausgesprochenen Favoriten. "Das ist wie mit Kindern: Man liebt sie alle, ganz gleich welche guten und schlechten Eigenschaften, Schwächen oder Stärken sie haben. Vielleicht ist mal die Melodie oder der Refrain nicht so ergreifend. Man beschützt möglicherweise etwas schwächere Stücke, die kleinen Außenseiter, weiß aber auch daß sie schwächer sind. Was die Songreihenfolge betrifft habe ich auch lange überlegt. Aber es gehört zusammen. Das ist das Album so wie es ist. Höre es dir an, und wenn es dir nicht gefällt, ist das eben Pech für mich, stört mich aber nicht weiter, weil ich persönlich sehr zufrieden bin. Ich hasse Alben, die beim ersten Hören gut sind, und beim zweiten, naja und dann legt man sie nicht mehr auf! Die schönsten Alben sind die, die seit Jahren wie ein guter Wein im Regal liegen ...!" Auch "Secrets of the silver tongue" ist für diejenigen, die Alexanders Stimme bislang eher aus dem Umfeld der LAKAIEN kennen, sicher eher gewöhnungsbedürftig. Die Platte entfaltet sich mit jedem Anhören mehr. Doch nicht alles ist hier harmonisch, glatt und lieblich. Hier gibt es auch harschere Gitarren, die beispielsweise in "Summer night" ertönen. "Das Leben ist genau so! Sturm muß auch mal sein. Das Stück verkörpert eigentlich die erste Sommernacht eines Jahres, die wohl jeder irgendwie kennt. Der Vollmond strahlt, und alle sind schon ganz kirre. Man weiß: Es liegt was in der Luft! Das ist das Lied. Ich liebe dieses Stück. Es ist ein Sommeropus. Wirklich sehr, sehr schön." Zur Single-Auskopplung kam der Sommernachtstraum jedoch bisher nicht. Das Rennen machte der "Man with a silvergun" (veröffentlicht am 19. Januar 1998). Alexander Veljanov war schon klar welche seiner Songs single-tauglich wären und welche nicht, welche von den vorhandenen einfach eine bestimmte Kapazität in sich bergen. "Die Plattenfirma sagte: Wir hätten gerne das und das Stück. Was hälst Du davon? Alles erfolgt natürlich in Absprache. Es ist sehr wichtig, daß ich in künstlerischen Fragen Vetorecht habe. Ich mag das gewählte Lied auch sehr gerne als Single-Titel, als A-Titel. Früher gab es noch die Vinyl-Singles mit der B-Seite, die keiner angehört hat. Gute Bands hatten natürlich die B-Seiten, die besser als die A-Seite waren. Zum Beispiel ABBA, die STONES und so weiter. 'Man with a silvergun' befindet sich - außer als A-Titel auch in zwei weiteren Mixen (einer aus Köln und einer aus London) auf der Maxi. Es klingt interessant, wenn das Stück auch mal so modern eingebettet ist." Ob ihm das nun hundertprozentig gefällt oder nicht, ist für ihn kein Thema, wäre kein Grund für ihn den Remix eines eigenen Stückes aus fremder Hand nicht mit auf die Maxi zu nehmen. "Das ist heute eben so üblich. Warum sollte man sich dem Mixen versperren. Es ist ein eher spielerisches Umgehen mit der eigenen Musik." Zusätzlich befindet sich noch das Stück "Lay down" als vierter Track auf der Maxi. "Das ist ein Titel, den ich auch vielmehr für die LAKAIEN-Fans sehe. Sicher schlägt er die Brücke zwischen den LAKAIEN und VELJANOV. Dieser Song kann beispielsweise auch in Alternativ-Discotheken laufen. Diese Maxi-Stücke und Mixe sollen die Bandbreite zeigen, die das Album beinhaltet - obwohl diese Remixe nichts mit dem Album an sich zu tun haben. Hier gibt es aber keinen Avantgarde- oder Klassikanspruch wie das bei den LAKAIEN der Fall ist. Wir sind also nicht die absoluten superintellektuellen Künstler. Wir können ruhig auch Pop machen und haben keine Berührungsängste damit." Die Priorität seines Musikerdaseins auf die LAKAIEN zu legen empfände Alexander als Beleidigung gegenüber seinen Musikern, mit denen er gerade zusammenarbeitet. "Die LAKAIEN sind nicht wichtiger, sondern eher zeitintensiver und mit mehr Pflichten verbunden." Hier geht es auch um Pflichten, die aus Erwartungen heraus erwachsen - Erwartungen der Fans, der Band, des Labels usw. Ob man sich mit diesem Erwartungsdruck im Nacken auch immer so wohl fühlt steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Es gibt auch hier - wie überall im Leben - Höhen und Tiefen. Fühlt ein Alexander Veljanov sich im Rampenlicht immer wohl? "Jeder Sänger sagt immer: Ich nicht! Man muß aber irgendwo auch ganz eitel sein. Manchmal findet man es ganz toll, beobachtet sich auch selbst. Musik hat so viel Theater und Macht. Man kann sich hineinversetzen und völlig abschalten! Manchmal gelingt das aber auch einfach nicht und man ist nicht eins mit der Musik und sich, dann braucht es Arbeit. Es ist ein mitunter wirklich gefährlicher Beruf - gerade als Frontmann. Man muß aufpassen, daß man die Psyche nicht beschädigt oder völlig abdriftet. Das kennt man ja oft, daß gerade Sänger den nötigen Halt nicht finden, im privaten Umfeld oder überhaupt in ihrem Leben. Bestes Beispiel dafür ist doch gerade der inzwischen leider ehemalige Sänger von INXS, der sich umgebracht hat. Ich habe ihn im Sommer noch auf einem Festival gesehen. Man hat einen riesen Zirkus um ihn herum veranstaltet, mit Limousinen und allem möglichen pi-pa-po! Hat der mir leid getan. Da muß man sich ja vorkommen wie ein Gefangener, wenn man wirklich gar nicht mehr so normal sein kann, so abgeschirmt und ohne Spaß. Da wird ein echter Staatsakt draus gemacht. Und bei vielen führt das dann zum Absturz ... bei einigen. Da will - glaube ich - niemand hin. Das ist der Moment wo du einfach eine Marionette wirst, wo die Sache mit dir macht was sie will. Wenn du von einem Stadion zum anderen geflogen wirst und von einem Land zum anderen, Kontinente abklapperst. Ja, du kannst doch gar nichts mehr! Du bist nur noch ein Abziehbild deiner selbst oder irgendeiner presse- und fan-geschaffenen Person ... oder man heißt Gott. Wenn man wirklich die Kraft hat als Mensch noch all das kontrollieren zu können, Selbstdisziplin. Was mich oft erstaunt sind Leute wie MADONNA, die einen Ehrgeiz haben müssen, der unerschöpflich ist und eine Kraft. Menschen die alles durchziehen, die morgens um sieben mit Bodyguards joggen gehen und dies und das und Maloche. Sklaven ihres Ehrgeizes! Also das ist schon irgendwo auch bewundernswert. Für mich persönlich nicht erstrebenswert! Da bin ich wirklich eher so der faule Typ, muß ich sagen." beschließt Alexander mit einem Grinsen um die Mundwinkel. Doch perfektionistisch ist er schon und nie hundertprozentig zufrieden. "Es gibt kaum einen Musiker den ich kenne, der zufrieden mit seiner Platte ist. Es gibt immer Ecken über die man stolpert, bei denen man sich fragt, warum man das nicht schon früher, bei der Aufnahme gehört hat oder warum es sonst niemandem aufgefallen ist. Das sind oft Kleinigkeiten. Man merkt, daß man irgendeine Passage einfach hätte besser singen können oder anders. Live gibt es dann die Möglichkeit einiges zu verbessern, so wie bei den LAKAIEN. Da ist es im Zusammenspiel mit den anderen auch üblich, daß jeder auch 'mal vorübergehende Schwächen eines anderen auffängt. Wenn man merkt, daß einer heute nicht so gut beieinander ist, kann man den etwas stützen. Wenn ich vielleicht mal Luft holen oder räuspern muß, dann sind die anderen für mich da. Es ist ein Zusammenspiel bei dem jeder für jeden da ist. Natürlich gibt es auch mal ein bißchen Kleinkrieg, wenn Spannungen in der Luft liegen. Das ist aber menschlich, alles menschlich!" Eher außergewöhnlich ist hingegen des Sängers Haarpracht. Wie er auf diese Frisur gekommen ist, weiß er selbst nicht mehr so recht. Irgendwie entwickelte sich das alles vom Punk-Iro über ganz, ganz langes Haar bis zur Abnahme der Seiten hin. "Und jetzt darf ich es nicht mehr abschneiden! Das aber aus rein privaten Gründen. Ich gehe auch nicht gerne zum Friseur. Ich weiß auch, daß mir eine Frisuränderung eher schaden würde, was die Öffentlichkeit etc. betrifft. Aber was solls?! Ich bin so wie ich bin. Das ist kein Image. Man sollte den Haaren jetzt auch kein Gewicht beimessen, obwohl sie vielleicht auffällig aussehen. Aber mein Gott, ... jeder nach seinem Geschmack. Sicher ist es markant, aber es kann sich auch ändern. Ich denke nicht, daß meine Qualität an der Frisur liegt." Womit er wohl Recht behalten dürfte. Man stelle sich vor die Stimme würde dünner je kürzer das Haar ... wie müßten dann so einige Menschen klingen, und wie klingt Alexander in anderen Sprachen? Fast alles von und mit ihm Veröffentlichte ist von englischer Sprache. Bei einer Berliner Band sang er vor langer Zeit auch schon einmal mazedonisch. "Es gab mal Versuche in Deutsch mit den LAKAIEN, die - Gott sei Dank - dann doch nie veröffentlicht wurden!" Französiche Gesänge gab es bei Alexander Veljanov auch schon, und sie kommen sicher auch wieder, beteuert er. "Sagen wir es einfach mal so: Der Beginn dieser 'Solokarriere' gibt mir die Möglichkeit ganz offen zu arbeiten. Leute mit denen Du gerne mal zusammenarbeiten möchtest sind gar kein Problem. Zusammenarbeiten sind ganz leicht möglich, weil ich als Solokünstler die Platten veröffentlichen kann. Es ist wie ein Experimentierfeld. Hier bin ich - Veljanov, Alexander! Wer mit mir arbeiten will: Alles ist möglich! Ich bin mein eigener Herr. Bei DEINE LAKAIEN war es schon immer diese Komponistensache mit Ernst Horn und mir, und das funktioniert wie es funktioniert. Doch das ist eine Grenze, die ich hier nicht habe. Theoretisch kann ich morgen Volksmusik machen, wenn ich will. Theoretisch!" Von der Theorie abgewandt - wieder hin zur Praxis - werden (wie bei DEINE LAKAIEN-Veröffentlichungen auch) sämtliche Texte ins CD-Booklet aufgenommen werden, und nicht nur dorthin, denn das Soloalbum "Secrets of the silver tongue" ist seit Ende Februar ebenfalls in Vinyl erhältlich! Manch einem mag diese Tatsache fast schon einen Hauch weit nostalgisch vorkommen, aber nicht nur in diesem Punkt greift man auf "Urkräfte" zurück. Im Zentrum dieser Platte steht nunmal das ureigenste Instrumentarium - sodann man überhaupt so davon sprechen darf: Die Stimme! die Stimme Alexander Veljanovs. "Bei mir ist es so, daß ich als Sänger mit meiner Stimme arbeiten will und mich als Sänger sehe, als Interpret-Sänger, als Sänger im wahren Sinn und nicht als dieser typische Singer-Songwriter, der nicht groß an seiner Stimme arbeitet, der irgendeine markante Stimme hat - wie BOB DYLAN zum Beispiel - und dann seine Texte, die ihm wichtig sind, den Leuten nahe bringt. Das ist bei mir nicht der Fall. Ich sehe mich als klassischen Sänger, als mit der Stimme arbeitenden Schauspieler, den Gesang stets verbessernd und schöne Melodien singend - also mehr wie der Schauspieler und nicht der Songwriter. Ich möchte mit der Stimme Gefühle erzeugen und ausdrücken. Der Text ist dabei natürlich auch ein Transportmittel. Es ist ja nicht so, daß man einfach 'la-la-la' singt. Ich singe einfach gerne, singe auch privat oft vor mich hin." Kein Tag ohne Musik, könnte man jetzt denken. Dem ist aber nicht so. "Man muß auch mal eine Pause machen, die Stimme schonen. Manchmal kann man die eigene Stimme auch wirklich selbst nicht mehr ertragen! Doch es gibt schon Momente, wo die Leute dann auch im privaten Kreise darauf warten, daß ich singe! Bei einem schönen Essen, einen guten Wein getrunken ... dann kann es schon mal vorkommen, daß ich die ganze Meute zum Singen animiere. Das ist aber eher die Ausnahme. Solche Gelegenheiten gibt es leider auch viel zu selten, weil ich letztendlich doch einfach zu oft singen muß, und irgendwann kannst du dich - wie schon gesagt - einfach selbst nicht mehr hören. Ich weiß nicht, ob das für Außenstehende nachvollziehbar ist: Wenn man die eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter oder einem anderen Tonband hört, klingt sie für das eigene Ohr doch meist schrecklich. Als ich meine Stimme zum ersten Mal vom Band gehört habe, fand ich sie auch ganz schrecklich! Man möchte das auch nicht hören! Dann habe ich aber doch einen Weg gefunden auch das gut zu finden, ganz klar zu erkennen was nicht gut ist oder besser sein könnte, wann man Fehler macht usw. Daran zu arbeiten ist dann ganz einfach der Motor. Also weiter zu machen, besser zu werden, älter zu werden, reifer zu werden!" Trotz der angestrebten, und vielleicht in Teilgebieten bereits erreichten Reife erfüllt er sich immer wieder auch Wünsche und Träume. "Es hat mich beispielsweise gereizt mit ESTAMPIE zu arbeiten, diese mittelalterlichen Troubadourgesänge zu singen. Genauso hat es mich gereizt mit David Young zu arbeiten. Das wollte ich schon lange machen. Er auch. Schließlich hat sich die Zusammenarbeit dann ergeben. Es gibt natürlich viele Musiker, die man so als Vorbild hat und sehr schätzt. Viele davon sind auch bereits etwas älter. Ich habe immer ein bißchen Angst davor, daß man etwas zerstört, wenn man wagt es zu verwirklichen einmal mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten, mit Menschen und Musik, die einem sehr wichtig war und irgendwie noch immer ist. Musik, die einem auch diesen Weg erleichtert hat dahin zu kommen, wo man jetzt ist, wo ich jetzt bin, diesen Mut aufzubringen jenseits aller Unterstützung staatlicherseits oder irgendwie sonst. Von meiner Familie aus gab es da keinerlei Probleme. Wenn man aber als Jugendlicher sagt: Ich möchte Pop- oder Rockmusiker werden! Dann sagen die anderen doch alle, du hättest ne Klatsche! Das sei doch kein Beruf etc. Man hat natürlich Vorbilder, möchte auch schon in dieser Art irgendwie irgendwann mal irgendwo stehen können und zufrieden sein. Für mich persönlich ist das eher so wie ein Trieb, eine Besessenheit, glaube ich. Anders kann man das nicht erklären. Es ist wie ein Fluch, um es mal negativ auszudrücken. Ich habe aus Erfahrungen und von anderen Bekannten gehört, man solle nicht unbedingt den Kontakt zu diesen Lehrmeistern suchen. Das endet oft in einer Enttäuschung, weil man selbst gar nicht bemerkt wie erwachsen man geworden ist, daß man gar nicht mehr so weit von den Menschen entfernt ist, die man so überperfektioniert sieht und total perfekt stilisiert. Das ist natürlich eine Gefahr. Darum lerne ich lieber Musiker kennen, die ich vielleicht von dem was ich von ihrer Musik her kenne nicht so absolut favorisiere, die ich aber dann als Mensch kennen und schätzen lernen kann, mit denen ich dann den Wunsch habe auch mal zusammen zu arbeiten." Ihn beeindruckende Lehrmeister gibt es aber zweifelsohne. Er nennt beispielsweise SCOTT WALKER, den er als äußerst schwierig und unmöglich nachvollziehbaren Menschen bezeichnet, der der Öffentlichkeit nur ganz wenig Privates anvertraute. Ein sehr verschlossener Mensch. "Jetzt steht er da wie eine Ikone, und es ist fast unheimlich wie er von allen als der große SCOTT WALKER angebetet wird. Ich mag zwar nicht alle, aber durch viele seiner Songs habe ich eine Menge gelernt. Trotzdem würde ich niemals mit ihn zusammenarbeiten wollen!" Gerade zu Anfang der achtziger Jahre waren ihm DAVID SYLVIAN, PETER MURPHY oder auch MARC ALMOND sehr wichtig. "Die haben mir irgendwie Mut gemacht, obwohl ich damals eigentlich nie zu glauben gewagt habe auch nur annähernd so bekannt werden zu können. Wenn ich nur bedenke, daß wir im Mainzer KUZ im letzten Sommer ein Konzert hatten, zu dem die Karten ausverkauft waren und mir der Veranstalter beiläufig davon berichtete, daß bei ihm kürzlich auch MARC ALMOND vor 400 Leuten gespielt habe, da habe ich mich fast für mich geschämt, weil ich diesen Menschen irgendwie überrundet hatte. Und das obwohl er als Musiker doch viel mehr geleistet hat. Aber er hatte schließlich auch seine Glanzzeit, und da noch eins draufzusetzen klappt einfach nicht. Der Geschmack der Leute hat sich verändert. Junge Leute kennen ihn gar nicht mehr. Vorbei! ... David Young zum Beispiel ist seit fast dreißig Jahren im Musikgeschäft. Er hat mit MARK OWEN, DAVID BOWIE usw. gearbeitet, ist für mich ein wandelndes Musiklexikon. Er ist aber ganz natürlich geblieben, hebt nicht ab. Wir sitzen in der Küche, trinken Wein und erzählen und, ... das ist für mich der richtige Umgang damit: Nicht Idole kennenzulernen, sondern einfach Leute, die einen auch weiterbringen können. Lehrer im positiven Sinne. Leute, die einfach eine Lebenserfahrung haben, die man selbst noch nicht vorweisen kann und die einem auch helfen können weiter zu kommen. Also, ich hätte meine Platte ohne David Young nie so gemacht. Ich konnte mich einfach auf ihn verlassen. Man kann ohne Produzent nicht ins Studio gehen. Ich wußte einfach, daß dieser Mann es auch schon irgendwie regeln und lenken wird wenn ich den Überblick verliere, und das ist sehr wichtig gewesen. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, daß er im Sturm standgehalten hat." Beim Stichwort "beeindruckend" schwenken wir nun gleich noch zum Unterpunkt "Konzerte". Alexander, der nicht unbedingt oft Konzerte besucht, erinnert sich heute noch gerne an SIOUXSIE AND THE BANSHEES - "... das erste Mal in London, das war ungefähr 1983!" - und die VIRGIN PRUNES in selbiger Stadt, ALIEN SEX FIEND - "Das waren ganz wichtige Konzerte für mich. Kurz bevor sie sich auflösten habe ich auch noch JAPAN gesehen, DAVID SYLVIAN, TRICKY fand ich zum Beispiel auch das erste Mal sehr spannend. Man verliert aber auch so ein bißchen die Neutralität und den Abstand, wenn man die Leute auf der Bühne kennt. Man lacht sich eher mal eins, wenn man bemerkt, daß sie Fehler machen. Das ist eben so. Es ist eine andere Ebene. Man weiß was hinter den Kulissen passiert, und dann ist der Zauber weg. Natürlich kannst Du immernoch schätzen was einer jetzt besonders schön spielt oder singt, aber die Magie ist nicht da. Auch wenn man die betreffende Band nicht kennt, wenn ich in Berlin auf ein Konzert gehe, in einen Club oder eine Halle, in der ich selbst schon gespielt habe und ich sehe das auf der Bühne, dann kommen mir die Gedanken daran, wie schrecklich aber doch der Backstage-Raum ist und das Licht darin - das absolute Gegenteil! Nur schäbige Hintergründe. Da wird es dann nichts mit dem Zauber. Wenn man hingegen in der Philharmonie sitzt, ist das natürlich nicht so." Konzerterlebnisse mit den Augen eines Künstlers, mit den Augen dessen, der sich schon viele Male selbst auf und auch hinter der Bühne befand. Eine Welt, die Außen- oder vor der Bühne Stehenden so geheimnisvoll zu sein scheint, die so viele interessiert und zu sehen reizt, durch inzwischen ein Stück weit ernüchterte Augen. Abgeklärt durch Erfahrungen. Zu touren und Konzerte zu geben hat aber - dem Himmel sei Dank - nicht nur negative Seiten. Nein. Immer wieder berichten Musiker davon, daß das eine eigene Welt mit eigener Zeitrechnung sei, eine Erfahrung, die erinnerungsträchtig, überwiegend spaßig und erlebnisreich ist, nach der man sich in Zeiten der Enthaltsamkeit auch zu sehnen vermag! Ab März wird auch Alexander Veljanov samt Gefolge auf unseren Bühnen live zu erleben sein. Kleine Kostproben dessen gaben sie schon im Rahmen dreier sogenannter Showcases am zweiten Dezember in Köln, am dritten in Hamburg und am vierten in Berlin. Diese Vorabkostproben für geladene Gäste fanden in kleinem Kreise statt, um sich ein Bild der neuen Seite Alexander Veljanovs machen zu können. Sie spielten in der Kernbesetzung, die auch zugleich die bevorstehende Livebesetzung sein wird. "Vollzählig müßten wir eigentlich zu zehnt oder elf Musiker sein. Natürlich sind einige nur sporadisch vertreten. Selbstverständlich wäre es auch wunderschön mit einem Streichquartett zu arbeiten." beginnt der bei den Showcases für gewöhnlich im Mittelpunkt Stehende zu schwärmen. Diese drei Veranstaltungen waren mit Konzerten in selbiger Besetzung nicht vergleichbar. Allein vom Umfang her nicht, denn diese Kostprobe war im wahrsten Sinne des Wortes eine, denn präsentiert wurden nur einige wenige ausgewählte Stücke. Was die anstehende Tour betrifft, so schlug der Sänger selbst vorab einige Städte vor, die nach Möglichkeit berücksichtigt wurden. "Wir werden sehen was machbar ist. Ich möchte auch nicht zu lange unterwegs sein - zwei Wochen vielleicht (man behalte hierzu auch die Rubrik Tours & Dates im Auge). Ich will in die Clubs. Lieber klein und 500er bis 1000er Fassungsvermögen - maximal. Es kann ja sein, daß keiner kommt, und was will man dann in einer großen Halle? Ich mag Clubs sowieso lieber, und das vor allem wenn man mit einer neuen Platte anfängt. Ich kann natürlich nicht davon ausgehen, daß alle Leute die die LAKAIEN gut finden und kennen jetzt hurra schreien. Das kann man überhaupt nicht, aber ich denke schon, daß es sich lohnt - für beide Seiten! Und die LAKAIEN gibt es ja auch weiterhin." Wenn es auch oft so erschien, war doch keiner der LAKAIEN-Auftritte in irgendeiner Weise einstudiert. "Gewisse Abläufe spielen sich eben ein. Stimmungen, Textpassagen usw. Oft nach so manchem Konzert fragten mich Leute: Du, deine Augen! Also sag mal, hast du Kontaktlinsen getragen? Nein. Anscheinend sind meine Augen irgendwie ein bißchen hypnotisch oder leuchten ganz eingenartig. Aber das ist dann einfach das Feuer des Moments, glaube ich. Manche Leute fühlen sich wirklich angeschaut und fixiert. Das darf man aber nicht überbewerten, denn ich sehe die Leute nicht immer. Ich schaue oft einfach auf einen Punkt und nicht unbedingt in ein Gesicht. Irgendjemanden trifft es eben. Es gibt sicher Stücke die diabolisch sind, irgendwelche Stimmungen erwecken und geheimnisvoll-mysteriös sind. Ich meine, beim Akkustik-Set mit DEINE LAKAIEN bin ich auch ganz anders als bei Bandauftritten." Diese Akkustik-Tour fand zweimal statt. Alexander könnte sich vorstellen irgendwann wieder etwas in dieser Art zu machen. Einfach wiederholen wollen würde er sie aber nicht. Im Vordergrund steht aber nun erst einmal seine Tour als Solokünstler im März/April. "Irgendwann zwischendrin muß die neue LAKAIEN-Platte dann irgendwie fertig werden. Sie ist bereits in Arbeit. Die LAKAIEN arbeiten in eher unregelmäßigen Intervallen. Ein Veröffentlichungsdatum ist daher noch nicht zu nennen. Ob es noch in diesem oder erst im Jahr 1999 kommt, das kann ich noch nicht sagen. Fertig werden sollte es aber schon noch in diesem Jahr." Wenn eine Platte fertig ist, steht sie aber noch lange nicht im Laden. Das hat bei "Secrets of the silver tongue" auch so seine Zeit gedauert. "Monate zogen ins Land!" erklärt der, der Trotz all seiner bislang gesammelten Live-Erfahrungen noch immer Lampenfieber vor seinen Auftritten verspürt. "Abgestumpft zu sein wäre sehr schade. Lampenfieber gehört einfach dazu. Wenn jemand abgeklärt auf der Bühne steht und sein Programm nur so herrunterreißt, macht sich das doch auch bemerkbar. Die Routine kehrt mit der Häufigkeit der Auftritte zum Ende einer Tournee schon etwas ein - muß sie ja auch. Es kommt aber auch immer auf das jeweilige Publikum an. Es gab Konzerte, bei denen es mir einfach zu viele Leute waren. Wenn du in einer so großen Halle bist - so wie in Hamburg oder Köln - und dir wird fast schlecht, du hast keine Kraft und mußt aber doch raus, ... bei Musik geht es ja auch immer ein bißchen um Show! Es gibt auch Hallen, wo ich das Publikum überhaupt nicht sehe. Es gibt Abende, an denen ich mich einfach auf die Musik konzentriere weil zu viele Leute da sind. Wenn man nicht showmäßig drauf ist, sollte man es auch nicht mit Gewalt versuchen. Es geht nicht nur um Show oder Tanzschrittchen - wir sind ja nicht MADONNA. Hauptsache ist es, sich auf den musikalischen Part zu konzentrieren, den man zu liefern hat. Wenn der gut ist, dann sollte das auch ausreichen. Wenn mal mehr da ist, dann ist das ein Bonus, ein Schnäppchen für alle Anwesenden, ein Geschenk. Ich merke das ja selbst, daß es Konzerte gibt, die Leute wirklich glücklich machen können, weil sie etwas Wirkliches erleben, etwas Besonderes. Das spürt man auf der Bühne natürlich auch. Man hat dann selbst eine Gänsehaut und fragt sich: Was ist jetzt eigentlich mit uns allen passiert? Es gab natürlich auch Zeiten, wo man nachts im Hotelbett liegt, vier Stunden Zeit zum Schlafen hat und einfach nicht einschlafen kann, weil man zu aufgekratzt und überdreht ist. Mit allen Mitteln versucht man dann den Schlaf zu finden. Man trinkt dann vielleicht einmal zuviel oder verquatscht die ganze Nacht und ist am nächsten Morgen völlig tot! Da muß jeder selbst die Balance finden. Es gibt Tage, an denen man total neben der Kappe ist - hat ja wohl jeder! In dem Beruf ist es extrem. Eben anders!" Und damit soll es auch für heute mit den Einblicken in das Leben eines Musikers genug sein. Wir wollen ja nicht alles verraten, damit der Zauber solang als möglich erhalten bleibt, der Live-Erlebnisse so faszinierend macht. Der mit Alexander Veljanovs Schilderungen hier gewährte Einblick in die Welt der anderen Konzertseite war sowohl amüsant als auch aufschlußreich, sensibilisierte für vielleicht noch nie Bedachtes und Erlebtes, das letztendlich aber nie berechen- oder planbar sein wird. Vielleicht ist gerade das auch die Faszination und der Grund und Reiz dafür, daß wir den "Man with a silvergun" bald schon live genießen können. Wir wünschen viel Magie!

(Mo)