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Drei Jahre hat es seit "Know Your Enemy" gedauert, bis nun endlich wieder ein neues Studioalbum der Manic Street Preachers vorliegt. Verwunderlich war die Zeitspanne allerdings nicht wirklich, brauchten die Iren doch vorher nach "This Is My Truth Tell Me Yours" schon ebenso lange. Mit dem "Best Of"-Album "Forever Delayed" (2002) und der B-Seiten-Sammlung "Lipstick Traces" (2003) wurden die Fans warm gehalten, nun können sie wieder heiß laufen. Auf den 46 Minuten von "Lifeblood" bringen James Dean Bradfield (Gesang, Gitarre), Nicky Wire (Bass) und Sean Moore (Drums) wieder einmal tolle Songs nach Hause, diesmal zwölf an der Zahl. Auch wenn die Scheibe die bislang poppigste der Jungs ist, so wird doch auch hier noch stellenweise gut abgerockt. Der Opener "1985" bietet Rock im Midtempo, mit eingängigem Refrain, wie ihn fast alle Stücke besitzen. Tolle Melodien machen das Album aus, und Abwechslungsreichtum. Die Single "The Love Of Richard Nixon" kommt poppig daher, "Empty Souls" klingt bandtypisch, "A Song For Departure" ist ein tolles, eher ruhigeres Stück, ebenso wie "I Live To Fall Asleep". Mit "The Repel Ghost" legen die Manic Street Preachers einen tollen, rockigen Wave-Song vor, "Always/Never" groovt beinahe und "Cardiff Afterlife" ist ein schöner Abschluss mit zusätzlichen Streicherklängen. Dies nur als Auszug. Lange Zeit redete man über das mysteriöse und nie aufgeklärte Verschwinden des einstigen Texters und Gitarristen Richey Edwards 1995 am Vorabend einer US-Tour - heute redet man nur noch über die Manic Street Preachers als eine der besten britischen Bands unserer Zeit. Starkes Album!


Hier ein Interview, welches mit Nicky Wire und James Dean am 27. September in Berlin geführt wurde:

Frage: Wie kam es zum Albumtitel "Lifeblood"?

N: Die Idee kam auf, als ich im November letzten Jahres in New York war. Der Name symbolisiert unsere Freude über die wiedergewonnene Einigkeit als Band. Er steht für das, was uns die Band bedeutet. Sie ist unser Lebensnerv. Ein passender Begriff, der sich schließlich als Albumtitel durchsetzte.

Frage: Was ist gemeint mit "wiedergewonnene Einigkeit der Band"?

N: Ich weiß auch nicht. Plötzlich fühlten wir uns wieder wohl zusammen. Wir hatten das Gefühl, das diese Sammlung von Songs unsere gegenwärtige Verfassung widerspiegelt: wie wir denken, wo wir stehen, unser Alter und was wir erlebt haben. Alles verlief sehr ungezwungen. Nach dem "Greatest Hits"-Album hatten wir die Möglichkeit, etwas Neues anzufangen. Das ist damit gemeint.

Frage: Habt Ihr Euch ausgebrannt gefühlt?

N: Ein wenig schon. Vor allem aber hatten wir das Gefühl, dass es inzwischen eine Menge junger Bands gibt, die laute Gitarrenmusik spielen und gut aussehen. Gegen die wollten wir nicht mehr antreten. Dieses Album ist von der ruhigeren Art. Normalerweise erwartet man ja von den Manics tief greifende Statements. Das hier ist eines der Alben, in die man sich allmählich verliebt. Das war unser Ziel. Natürlich lieben wir noch immer die großen Statements. Aber diesmal ging es uns eher um Melodien und die Schönheit der Songs.

Frage: Welche Rolle spielte der Erwartungsdruck nach Euren letzten beiden erfolgreichen Alben?

N: Ja, es gab Druck. Ich würde lügen, würde ich behaupten, es hätte keinen Druck gegeben. Wir haben uns selbst unter Druck gesetzt und andere Faktoren kamen hinzu. Davon mussten wir uns lösen und uns frei machen für einen neuen Anfang, die Plattenfirma und die Fans vergessen, um ein Album machen zu können, das jedem, unabhängig vom Alter, gefallen könnte. Es ist unsere poppigste Platte, die wir je gemacht haben. Wobei ich Pop nicht im billigen Sinne meine, sondern als experimentellen Ansatz.

Frage: Wie lange habt Ihr an "Lifeblood" gearbeitet?

N: Der erste Song entstand vor 18 Monaten. Das war "Fragments". Dann kam "Solitude Sometimes Is". Alles in allem haben wir ungefähr achtzehn Monate am Album gearbeitet. Nach dem "Greatest Hits"-Album nahmen wir erst einmal eine Auszeit, um uns über alles klar zu werden.

Frage: Dennoch gibt es Songs, die man als politisch deuten kann, etwa die erste Single "The Love Of Richard Nixon". Welche Idee stand hinter diesem Song?

N: Der Song ist eine Metapher darauf, wie Ruhm und Glanz befleckt werden. Man bleibt meist wegen bestimmter Dinge in Erinnerung. Nixon wird immer in Erinnerung bleiben wegen Watergate, nicht wegen seiner guten Taten, wie der Tatsache, dass er als erster amerikanischer Präsident Beziehungen zu China aufnahm, das Wettrüsten eindämmte, sein Kampf als erster Präsident gegen den Krebs. Er wird immer wegen Watergate in Erinnerung bleiben. Das gilt wohl für jeden Menschen. Vielleicht werden wir als Band nur wegen Richies Verschwinden in Erinnerung bleiben, und nicht so sehr wegen unserer Songs. Dieser Song ist eine Art Liebeslied oder ein Klagelied darüber, wie die Manics missverstanden wurden. Ich würde es nicht direkt politisch nennen. Es richtet sich nicht gegen Nixon oder gegen Amerika. Es geht um darum, wie es ist, wenn man wegen der falschen Dinge in Erinnerung bleibt.

Frage: "Death without assassination" bezieht sich diese Textzeile aus "The Love Of Richard Nixon" auf die Tatsache, dass er als erster amerikanischer Präsident zurücktrat?

N: Ja, und auf die Überlegung, dass wenn er ermordet worden wäre, er wahrscheinlich ganz anders in Erinnerung geblieben wäre. Kennedy beispielsweise war ziemlich schlechter Präsident. Er war der erste, der Truppen nach Vietnam schickte, die Aktion in der Schweinebucht absegnete und jede Menge Affären hatte. Aber er ist in guter Erinnerung geblieben, nicht wahr? Das ist der Widerspruch, auf den der Song hinweist.

Frage: Warum habt Ihr keinen Song über den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten George W. Bush gemacht?

N: Nein, das war uns kein Bedürfnis. Das mag seltsam klingen, weil wir immer sehr politisch waren. Aber ich glaube, dass wir auf "Know Your Enemy" alles wichtige gesagt haben. Der Song "Freedom Of Speech Won't Feed My Child" sagt eigentlich alles über amerikanische Außenpolitik. Als wir ihn schrieben, lag das offen gestanden nicht im Trend. Wir mussten uns dafür so einiges anhören. Jetzt, nach dem Irak Krieg will natürlich jeder einen Anti-Bush Song schreiben. Wir haben das, denke ich, schon hinter uns. Unsere gesamte Kritik an amerikanischer Aussenpolitik steckt in dieser Platte ["Know Your Enemy", 2001].

Frage: Ist der Song "Emily", Eure Homage an die britische Frauenrechtlerin Emily Pankhurst, nicht aber ein politischer Song?

N: Ja, wenn es einen wirklich politischen Song auf dem Album gibt, dann diesen. Dahinter steht die Idee, nicht zu vergessen, wie es zum Wahlrecht für Frauen kam, für das die Suffragetten kämpften, über die man sich heute lustig macht. Dabei liegt das erst 80 bis 90 Jahre zurück. Uns faszinieren solche Menschen. Dazu wollten wir ein wirklich schönes Lied schreiben. Eine Art Tribute an jemand, die nicht vergessen ist. Heute wird jemand wie Prinzessin Diana eher als Feministin gesehen, als Emily Pankhurst. Was sehr, sehr traurig ist. Nur, weil sie ein paar Hände geschüttelt hat.

Frage: "Replaced By Charity" was genau ist mit dieser Textzeile aus "Emily" gemeint?

N: Genau darauf ist inzwischen alles reduziert. Wohltätigkeit ist an die Stelle echter, politischer Ideen getreten, wie etwa die Patronin von UNICEF zu sein. Das ist sicher eine wichtige Aufgabe, nicht dass man mich falsch versteht. Aber es ist etwas anderes als echte Ideen. Die Idee hinter diesem Song war, zu zeigen, wie heute Menschen auf einen Sockel gestellt werden, die das nicht wirklich verdienen.

Frage: Bei "Glasnost" vermutet man einen politischen Song. Ist er es?

N: Für uns ist das eine reine Metapher. Glasnost war die wirtschaftliche Öffnung Russlands. Bei uns bedeutet es, dass wir uns als Band geöffnet haben. Es gibt da eine Zeile, die lautet: "Wenn wir uns noch immer verlieben können, dann kommt mit uns macht euer eigenes Glasnost". Auf diesem Album gibt es erstmals mehr Liebe als Hass. Normalerweise sind unsere Alben voller Hass. Im Moment jedoch ist das anders, wir haben uns geändert. Was nicht bedeutet, dass wir überglücklich sind. Wir sind jetzt einfach alle auf demselben Level und denken gleich. Darum geht es in "Glasnost": wenn wir uns ändern können, können andere das hoffentlich auch. Denn manche unsere Fans mag dieses Album verwirren. Wer "The Holy Bible" mag, versteht diese Platte vielleicht nicht ganz. Sie ist völlig anders. Ich versuche das zu erklären.


Frage: Sind die Manic Street Preachers denn noch die zornigen jungen Männer, die wir kannten?

N: Etwas davon ist noch da. Aber zugleich wollen wir nicht länger die zornigen jungen Männer sein. Das passt jetzt einfach nicht mehr. Mein Kopf ist noch wütend, aber wir versuchen, das in andere Bahnen zu lenken. Dieses Album ist durch mehr Klarheit und Gradlinigkeit gekennzeichnet, musikalisch und textlich. Das eröffnet James neue Möglichkeiten beim Singen. Er hat so viel zu sagen. Ich wollte ihm einfach die Möglichkeit geben, zu singen.

Frage: James, was genau meint Nick damit?

J: Ich denke, Nick hatte schon einiges Politisches zu sagen, nur fand er diesmal nicht die richtigen Worte dafür. So etwas kann man nicht erzwingen. Deshalb hat er diesmal eher über menschliche Themen geschrieben. Themen, die auch nicht so verurteilend sind. Das ist auch eine Frage des Alters. Jung zu sein bedeutet nicht nur, gesündere Knochen und mehr Haare zu haben. Du fühlst dich vor allem unverwundbar. Das geht mir heute nicht mehr so. Wenn du jung bist, fühlst du dich nie im Irrtum, du glaubst, deine Meinung sei richtig. Du fühlst dich unantastbar. Das ist wie eine kugelsichere Weste, im übertragenen Sinne. Wenn ich heute zurückblicke auf einige unserer frühen Texte, finde ich sie zwar nicht falsch, aber oft ein wenig überzogen. Stellt man aber erst einmal fest, dass man nicht unverwundbar ist, dann macht einen das auch menschlicher in der Hinsicht, wie man über Dinge spricht. Aber ehrlich gesagt, trifft das wohl auf jede Band zu, die mehr als sieben Alben gemacht hat. Da bleiben Widersprüche innerhalb dessen, was man in dieser Zeit gesagt hat, nicht aus. Das geht jeder Band so. Da stellt man fest, dass man nicht immer ganz die Wahrheit gesagt, sondern Fehler gemacht hat. Deshalb zeigt dieses Album, denke ich, etwas mehr Offenheit und Menschlichkeit. Und weniger Arroganz.

Frage: Sind die Manic Street Preachers noch die "zornigen Prediger", James?

J: Ich denke, live sind wir das schon noch. Und ich bin es auf jeden Fall noch, vor allem im Studio. Da könnte ich die Ingenieure und Produzenten, mit denen wir arbeiten manchmal umbringen. Da zuckt es immer noch in mir. Vielleicht sind wir jetzt er die Lauernden Street Preachers.

Frage: Mit Greg Haver habt Ihr für "Lifeblood" erstmals einen Produzenten für fast das gesamte Album gewählt. Wieso?

J: Ich hätte Greg zwar fast viermal umgebracht, aber im Grunde mag ich ihn. Er ist brillant. Wir arbeiten mit ihm seit 1996. Er hat viele unserer Demos gemacht und war mit uns auf Tour, wo er Perkussion spielte. Und er hat viele unserer B-Seiten produziert. Vor zwei Jahren begann er, auch noch andere Sachen zu produzieren, viele Indie-Sachen. Plötzlich stellten wir fest, wie gut er inzwischen geworden war. Das war uns zuvor nicht so aufgefallen. Auf einmal wäre es fast eine Beleidigung gewesen, ihn um die Produktion einer B-Seite zu bitten. Und es war ein guter Gegenpart zur Arbeit mit Tony Visconti, mit dem wir vier Stücke gemacht haben. Drei davon haben es aufs Album geschafft. Das Beste an der Arbeit mit Tony war, dass er uns zeigte, dass die besten Dinge nicht unbedingt die Kompliziertesten sein müssen. Er brachte uns dazu, ein paar Schritte zurück und damit lockerer an alles heran zu gehen. Weniger über die Produktion als über die Musik nachzudenken. So wie wir das früher getan hatten. Alles wir aus New York zurück kehrten ins Studio zu Greg, konnten wir das von Tony Gelernte gleich umsetzen. In Greg hatten wir jemanden, der uns kennt und dem wir vertrauen. Tony hat gute Arbeit geleistet, indem er uns klar machte, dass es auf die einfachen Dinge ankommt, die wir fast schon vergessen hatten. Nach den vier Stücken mit ihm, stellten wir fest, dass wir ihn nicht weiter brauchten. Aber es war eine gute Erfahrung, dass er uns ermunterte, sich wieder auf uns zu verlassen.

Frage: Warum habt Ihr mit Tony Visconti gearbeitet?

J: Weil wir seine Arbeiten mögen. Ich mag seine Arbeiten mit den Stranglers, das Meiste dessen, was er mit Bowie gemacht hat, nur von T. Rex bin ich kein so großer Fan. Aber auch seine Aufnahmen mit den Iveys sind schön, einer walisischen Band, aus der später Badfinger wurde. Von allen Alben, die er produziert hat, mag ich am meisten "Low" und "Scary Monsters". Die klingen als wären sie schwierig, aber tatsächlich sind da vier bis fünf Musiker, die unterschiedliche Dinge spielen. Und dabei miteinander kommunizieren. Perfekt! Er wollte damals unser zweites Album produzieren, aber wir lehnten ab beziehungsweise hatten bereits jemand anderes. Deshalb war es gut, es jetzt nachzuholen. Vielleicht weil heute empfänglicher sind für die Autorität seines Alters. Wie sie auch Mike Hedges hat, der über zwei Meter groß ist, mit rotem Haar und wie ein Monster aussieht. Der strahlt Autorität aus. Hinzu kommt aber auch sein Alter. Mike hat so viele Alben produziert, die ich bewundere. Als Musiker weiß man, wie gut diese Leute waren. Immerhin stand ihnen damals nicht Technologie von heute zur Verfügung. Sie verfügten einfach über ein sicheres Urteilsvermögen, guten Geschmack und waren großartige Techniker. Mit dieser Altersweisheit kommen wir gut klar. Besser als mit einem jungen Produzenten, der aufwendig am Klang experimentiert. Mike stellt einfach ein paar Mikrophone auf, und es ist gut. Mich beeindruckt dieses handwerkliche Können mehr als ein Haufen Tricks.

Frage: Als Inspirationen Eurer Texte nennt Ihr Schriftsteller und Dichter wie Carolann Duffy, Elizabeth Jennings und Louis McNiece. Was könnt Ihr dazu sagen?

N: Ihre [Carolann Duffys] Gedichte, besonders die Sammlung "The Feminine Gospels" sind brillant. Es ist beinahe die Geschichte feministischer Ikonen. Muss man gelesen haben. Hat uns sehr inspiriert. Ebenso Emily Pankhurst. Es ist, als sprächen sie eine weibliche, sensitive Seite in uns an, die verloren gegangen war. Auch Elisabeth Jennings lese ich oft. Es ist diese Idee, dass Menschen, die wirklich lieben, nicht viele Worte darüber verlieren, wohingegen jene, die viel darüber reden, sich häufiger trennen. Die Tatsache, dass wir uns schon so lange verstehen, muss etwas bedeuten. Elisabeth Jennings hat uns beeinflusst. Ebenso der Dichter Louis McNiece mit seiner Idee der Einsamkeit. Allein zu sein als etwas Positives - das ist ein zentrales Thema des Albums. So wie man in seiner Jugend die Tage damit verbracht hat, Musik zu hören, mit dem Hund spazieren zu gehen das prägt die eigene Lebenseinstellung. Wenn man heute freiwillig alleine ist, gilt man beinahe als Außenseiter, als Spinner. Alleine zu sein ist gut, denke ich. Ich hatte einige der schönsten Augenblicke meines Lebens, als ich allein war. Ich denke, man sollte sich nicht davor fürchten, allein zu sein.

Frage: Welche walisischen Schriftsteller haben Euch geprägt?

J: R.S. Thomas war einer unserer großen Helden. In Wales gibt es seit jeher Spannungen zwischen denen, die Walisisch sprechen und denen, die es nicht mehr tun. Es geht um die Identität der Waliser, ob die Waliser oder die Süd-Waliser, die kein Walisisch mehr sprechen, die wahren Waliser sind. R.S. Thomas hat immer versucht, diesen Graben zu überbrücken. Für ihn gab es nichts Schlimmeres als eine gespaltene Nation, die sich gegenseitig bekämpft. Er brillanter Dichter, der in seiner zweiten Sprache schrieb, ein enormes Zugeständnis mit dem Ziel, alle zu erreichen: er schrieb in Englisch.

Frage: Gab es auch Waliser Musiker, die Euch inspiriert haben?

J: Keine, offen gestanden. Mit Ausnahme von Tom Jones, der sehr geachtet wird, auch wenn er etwas Comic-haftes hat. Waliser Musiker haben ihn stets respektiert, denn immerhin gehörte Elvis zu seinen Bewunderern. Elvis holte sich beim Rat für Stimme und Aufnahmen. Uns hat eher die Waliser Literatur inspiriert. Bücher von R.S. Thomas, Dylan Thomas, solche Leute. Und Menschen wie Richard Burton. Der war nicht perfekt, das mag ich, er war selbstzerstörerisch. Er gab seinen Ruf als bester Schauspieler nach Laurence Olivier auf für viel Geld, nur um Elizabeth Taylor den größten Diamanten der Welt kaufen zu können. Er hat etwas selbstzerstörerisches und melancholisches an sich. Im Ansatz sind wir bittere, verwirrte Menschen, das mag ich an uns. Ich glaube wir haben viel gemeinsam mit den Skandinaviern. Diese dunkle, melancholische Seite. Nick würde vielleicht andere Literaten nennen als ich, aber insgesamt haben sie uns mehr geprägt als Musiker.

Frage: Deine Top 5 Alben aller Zeiten?

J: Auf jeden Fall "Scary Monsters". "Real Life" von Magazine. "1-2-4" von "Wire". Würde gerne The Clash dazu nehmen, aber ich kann ihre Alben nicht mehr hören. Ich mag "Rattlersnakes" von Lloyd Cole & The Commotions. Und "15 Seconds" von The Cure, das war ein revolutionäres Album.

Frage: Keine Waliser Band dabei? Wieso?

J: Nein, es gibt ja auch nicht viele Waliser Bands. Das einzige Herausragende ist "Fuzzy Logic", das erste Album der Super Furry Animals. Und Badfinger, die hatte ich vergessen. Aber sonst gibt es nicht viele Waliser Bands, außer Budgy, eine Metal-Band, Man

Frage: Über Euer Privatleben ist wenig bekannt. Was macht das besondere Verhältnis zwischen Euch dreien aus?

N: Ja, und ich trenne sehr strikt mein privates Leben mit Frau und Kind von dem der Band. Ich bin seit elf Jahren verheiratet. Aber ich spreche nicht darüber. Es ist großartig, blabla, meine Tochter ist wunderbar. Trotzdem muss ich keine Songs darüber schreiben. Ich fühle mich sicher in meinen eigenen Gedanken. Ich glaube, wir sind alle drei so, dass wir diese Dinge außen vor lassen und uns auf die Band konzentrieren. Besonders in den letzten zwei Jahren haben wir wieder einen gemeinsamen Nenner für unsere Songs gefunden. Und mussten uns keine Gedanken machen, wegen großer Auftritte in Kuba oder Pressekonferenzen, sondern haben versucht, etwas anderes zu machen. Das Besondere am Verhältnis zwischen uns dreien ist, dass wir uns seit dem fünften Lebensjahr kennen. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Wir waren zuerst Freunde, dann Musiker. Das hat uns sehr geholfen.

Frage: Was genau verbindet Euch?

J: Ich weiß nicht, ob du noch Freunde aus deiner Kindheit hast. Wir kommen aus einer vielleicht nicht abgelegenen aber ländlichen Gegend mit viel Industrie. Dort lebt man in kleinen aber in sich fest geschlossenen Gemeinschaften. Was uns zu Freunden machte, war der Umstand, dass wir anders waren als der Rest. Wir kapselten uns ab. Das schweißt für immer zusammen, wenn man auf der gleichen Wellenlänge liegt, aber völlig konträr zum Rest ist. Vor allem, wenn man dann auch noch eine Band gründet. Dann kommt noch dieses Gang-Gefühl dazu. Ohne das jetzt zu allzu groß aufzublasen, war es doch etwas Besonderes, dass wir uns getroffen haben. Wir haben soviel gemeinsam. Wir alle waren damals unglücklich mit dem Ort, an dem wir lebten. Und jeder von uns versuchte auf ähnliche Weise, von dort weg zukommen. Mit Bands wie The Clash und den Büchern von Jack Kerouac und Jean Paul Sartre, die man liest, wenn man jung ist. Natürlich auch vielen Filmen, wie "Rumble Fish" von Coppola. Es war einer jener Momente, an dem vier Jungs, die einander brauchen, zusammen fanden. Dabei geht es um ästhetische Dinge, wie Bücher, Filme, Musik oder der gemeinsame Kaffee. Wir haben uns gegenseitig befruchtet und daher denselben Geschmack, der stets etwas damit zu tun hatte, sich anders als der Rest zu fühlen, als die größten Verrückten. Wenn man dann als Band erfolgreich wird, bestärkt es das Gefühl, wie für einander geschaffen zu sein. Auch wenn Dinge mal schief gehen, ist man einander doch verbunden. Wie eine Art Ehe.

Frage: Das ist an sich nicht ungewöhnlich. Auffällig hingegen ist, dass Ihr auch zwanzig Jahre danach noch zusammen seid. Meist entfernt man sich doch im Laufe der Jahre voneinander, indem man Familien gründet und die Schwerpunkte im Leben verschiebt.

N: Das würde uns nicht passieren, selbst wenn sich die Band aufgelöst. Nick und ich sprechen mehrfach am Tag miteinander, manchmal nur über Dinge, die wir im Fernsehen gesehen oder in der Zeitung gelesen haben. Meistens allerdings über Sport. Das ist alles andere als glamourös. Wir waren schon immer Sport-Fans, das verband uns von Anfang an. Gäbe es die Band morgen nicht mehr, würde ich mit Nick über das Waliser Rugby-Team sprechen, über Football oder Boxen, Kricket oder ähnliches. Und Sean ist mein Cousin, wir leben seit dem elften Lebensjahr zusammen. Selbst wenn wir nicht als Band zusammen wären, wären wir doch zusammen. Ich wundere mich immer darüber, wieso Leute zu Klassentreffen gehen. Denn ich habe den Kontakt zu meinen alten Freunden nie verloren. Warum also in die Vergangenheit zurück reisen, um Leute zu treffen, die sich all die Jahre nie um Kontakt zu Dir bemüht haben? Zugegeben, das ist arrogant, weil ich in der glücklichen Situation bin, noch immer mit meinen Freunden von damals zusammen zu sein. Und einen Job habe, den ich mag.

Frage: Ihr seid zunächst wegen Eurer politischen Texte gefeiert worden. Später warf man Euch vor, sie seien kommerzielles Kalkül. Was haltet Ihr davon?

N: Nimm "If You Tolerate That" als Beispiel. Der Song handelt vom Spanischen Bürgerkrieg. Nicht wirklich ein kommerzielles Thema, das einem wirtschaftlich helfen könnte. Ich finde das nicht fair. Manic Street Preachers, "This Is My Truth, Tell Me Your's", "If You Tolerate This, Then Your Children Will Be Next", das sind keine typischen Pop-Singles. Als "Tolerate" Nummer 1 wurde, war das mit Abstand einer der besten Momente für die Band. Das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich war wirklich stolz. Denn der Spanische Bürgerkrieg war, ich meine, tatsächlich ist dieser Song fast ein Pro-Kriegs-Lied. Nicht viele Bands schreiben Pro-Kriegs-Lieder. Ich bin offen für alle Anschuldigungen, was derartigen Ausverkauf betrifft. Wenn du das seid zwölf Jahren machst, verpflichtet dich das beinahe dazu, seltsame Dinge zu tun. Wenn wir das gemacht hätten, dann wäre es ein Album geworden über Richie, wie er verschwand und wir uns seinetwegen die Herzen ausweinten. Aber so sind wir nicht.

Frage: Sprecht Ihr in Interviews noch über Richie?

N: Wie gesagt, das liegt jetzt zehn Jahre zurück. In drei Monaten sind es zehn Jahre. Auf dem Album gibt es den Song "Cardiff Afterlife", in dem es ein wenig darum geht. Etwa in der Zeile: "Ich schweige/ Die Erinnerung an Dich in mir". Wir möchten nicht, dass die Medien unsere Erinnerungen an ihn beeinflussen. Sie sollen unverfälscht bleiben. Denn die meisten davon sind gut, höchstens zehn Prozent sind verrückt. Natürlich gab es eine dunkle Seite. Aber auch eine, in der wir zehn Jahre zusammen Football und Rugby gespielt haben. Um dieses Gleichgewicht geht es uns.

Frage: Zukunftspläne?

N: Eine große England-Tour steht bevor und im Februar und März gehen wir hoffentlich auf Europa-Tournee. Dieses Album wird wachsen, denke ich. Diesmal geht es nicht um gewichtige Aussagen. Ich denke, dass man sich zunehmend in es verlieben wird. Daher hoffe ich, dass wir überall hinkommen werden.


In den Videoclip zur Single "The Love Of Richard Nixon" kann man gleich jetzt reinschauen - einfach hier klicken (Windows Media Video).

Mehr zu den Manic Street Preachers findet man auf ihrer Artistpage.

(Tobi)