CTS-MUM
RAUHFASER (09/00)


Rauhfaser nennt sich ein Trio aus Stuttgart, bestehend aus Zam Helga (Gesang, Gitarre, Keyboards), Tira (Bass) und Morscher (Drums). Na, einen Namen schon einmal gehört? Zam Helga. Nach diversen Gastspielen in unbekannten Formationen gründete er vor mehr als zehn Jahren die Rockband Helga Pictures, mit der er einige kleine Erfolge verbuchen konnte, spielte man doch das Bizarre Festival oder im Vorprogramm von Blur, New Model Army und Bob Geldorf. Nach vier Jahren löste man sich im Streit auf und Zam fand in den Friends Of Zulu seine neue Begleitband, zu der auch die (damals noch nicht am Bass aktive) Gitarristin Tira und später der Drummer Morscher gehörten. Man fuhr die intellektuelle, anspruchsvolle, abgefahrene Schiene. Einige Jahre sind vergangen, nun sind die drei als Rauhfaser wieder da. Deren Musik stellt sich als Mischung aus Rock, Indie-Pop und elektronischen Elementen, die eine wichtige Rolle einnehmen, dar. "Die Schöne und das Biest" hieß die erste Single im letzten Herbst, mit der Rauhfaser gleich Erfolge feiern konnten. Vorteilhaft hierbei, dass der bekannte deutsche Hollywoodschauspieler Udo Kier eine Rolle im Video übernommen hatte, und nicht nur dies, er lud die Band gleich noch ein, in seinem neuen Film 'Broken Cookies' aus der 'Dogma'-Reihe mitzuspielen und Musik abzuliefern. Hierüber und über das Album "Netropol" sprachen wir mit Tira.


MUM: Ihr kennt euch ja schon seit zehn Jahren. Habt ihr damals schon Musik zusammen gemacht?

T: Als Zam und ich kennen uns so lange, Morscher ist noch nicht so lange dabei. Wir haben uns erst einmal privat kennengelernt, aber jeder von uns hat musiziert, von da her lag es nahe, dass man irgendwann mal etwas zusammen macht, weil eine Sympathie da war.

MUM: Was hast du damals gemacht?

T: Ich habe damals Rhythmus-Gitarre gespielt.

MUM: In einer Band?

T: In diversen kleinen Bands, aber eher als Hobby, das war nichts Professionelles.

MUM: Wie kam es, dass du jetzt Bass spielst?

T: Das war eigentlich zwangsbedingt. Ich bin zwangsgebasst worden. Es gab ja irgendwann die Friends Of Zulu, wo ich noch Gitarre gespielt hab. Die Band hat sich dann ja aufgelöst aus diversen Gründen, in erster Linie aus räumlichen Gründen. Wir waren dann erstmal zu dritt übrig, Morscher ist ja dann eingestiegen. Wir haben einen Bassmann oder eine Bassfrau gesucht und diverse Leute ausprobiert, irgendwie hat das aber nicht in der Form geklappt, wie wir uns das vorgestellt hatten, musikalisch. Bei den Friends Of Zulu hatte ich auch bei einem Stück schon Bass gespielt, weil der Bassmann in der Zeit Feuer gespuckt hat. Von daher wusste Zam, dass das technisch möglich wäre. Also haben wir das mal ausprobiert mit mir am Bass, und das hat so gut geklappt, dass wir dabei geblieben sind.

MUM: Du vermisst die Gitarre jetzt nicht?

T: Doch, schon. Aber in dieser Konstellation macht mir der Bass auch Spaß, weil ich ihn relativ frei einsetzen kann, und er ist auch oft gitarrenmäßig gespielt.

MUM: Wenn du Rauhfaser mit Zulu vergleichst, wo siehst du die größten Unterschiede?

T: Die sehe ich vor allem in der Liveumsetzung. Die Zulus haben ja noch sehr viel mit Theatertheatralik gearbeitet, da stand wirklich die Show im Vordergrund, das war ja schon eher Kleinkunst. Wir haben viele Songs optisch umgesetzt mit diversen Einlagen. Bei Rauhfaser ist dies völlig der Musik gewichen. Musikalisch hat sich aber auch einiges verändert, Rauhfaser ist bei den harten Songs harter als die Zulus, und vielleicht auch etwas kommerzieller orientiert.

MUM: Wie ist es mit den textlichen Inhalten?

T: Die haben sich im Grunde genommen nicht geändert, die Intention von Zam ist die selbe geblieben. Die Thematik hat sich geändert, aber das hätte sie so und so getan, du entwickelst dich ja weiter und es gibt andere Themen, die dich berühren und interessieren.

MUM: Die Texte schreibt alle Zam?

T: Ja, alle.

MUM: Da habt ihr auch keine Ambitionen, was zu machen?

T: Das hat Akzeptanz in der Band. Morscher und ich sehen es so, dass derjenige, der die Texte glaubwürdig rüberbringen muss, spüren muss, was er singt. Daher ist es in meinen Augen völliger Quatsch, wenn du Fremdtexte wiedergeben musst. Wenn du so weit gehst wie Zam mit den Thematiken, dann kann das nicht von außen kommen.

MUM: Ist Zam jemand, der wochenlang an den Texten rumbastelt?

T: Das ist unterschiedlich. Manche Texte schleppt er monatelang, bis zu einem Jahr, mit sich herum, die sind dann ganz unausgegoren und nur in Stichworten und Umrissen vorhanden. Andere Texte schreibt er in zehn Minuten, das geht dann ratz-fatz. Völlig unterschiedlich also.

MUM: Sind das alles persönliche Texte, die tief aus seiner Seele kommen?

T: Ja. Das ist sehr persönlich, was da kommt, weniger breitendeckend.

MUM: Wieso heißt die Scheibe "Netropol"?

T: In erster Linie beinhaltet der Titel Zams Leidenschaft für das Internet. Er arbeitet viel damit, hat auch unsere Homepage gestaltet, und hängt viel in den Sphären rum. Auch, dass die Elektronik doch auch ein wichtiger Bestandteil unserer Musik geworden ist, ist im Titel enthalten. Dann Netropol - Metropol. Viele Hotels heißen ja Metropol, und Netropol ist eben wie eine Art zweites Zuhause.

MUM: Wie ist denn dein Verhältnis zum Internet?

T: Meine Beziehung ist die, dass ich hin und wieder mal reinschaue, mir also Informationen auch raushole. Was ich allerdings nicht tue, ist Chatten, da habe ich wenig Bezug zu. Ich sehe aber durchaus, dass das für viele Leute ein wichtiges Podium ist, die sich auf andere Weise gar nicht so ein Podium schaffen könnten oder auch Kontaktschwierigkeiten hätten. Ich gucke den Leute aber eben lieber gerne ins Gesicht.

MUM: Ich habe euch mal "Die Schöne und das Biest" bei MTV spielen sehen, mit abgefahrenen Instrumenten. Tretet ihr live normal mit Gitarre, Bass und Drums auf, oder macht ihr da auch andere Geschichten?

T: Wir sind ja momentan erst dabei, herauszufinden, wie wir das Album live umsetzen können, mit den ganzen Keyboardsamples und so, das ist ja technisch sehr aufgeblasen. Wir tüfteln also an der Umsetzung. Gerade bei "Die Schöne und das Biest" haben wir schon die Erfahrung gemacht, dass viele Leute komisch reagieren, wenn wir die Samples vom Band kommen lassen. Ich kann das auch nachvollziehen, da stehen drei Leute auf der Bühne und aus den Boxen kommt gewaltiger Sound, da stimmt doch was nicht. Wir suchen noch nach diversen Möglichkeiten, aber es wird mit Sicherheit so sein, dass auch andere Instrumente genutzt werden. Keyboard sowieso, das ist klar. Eventuell aber eben auch, wie bei MTV, mit völlig runtergefahrener Technik, ganz rudimentär.

MUM: Erzähl doch nochmal was über die Geschichte mit Udo Kier.

T: Ja, wir sind ja über Rainer Matsutani auf Udo Kier gestoßen. Die Zusammenarbeit im Video verlief sehr harmonisch und lustig, und das hat Udo eben auch gut gefallen. Dann kam Ende des Jahres der Anruf unserer Plattenfirma, der er seine Pläne kundgetan hatte, diesen "Dogma"-Film zu drehen, und wo er angefragt hatte, ob er die Band haben könnte für diverse Einstellungen. Wir haben natürlich "Juchu" geschrien und sind dann auch gleich rübergeflogen. Wir haben dann als Band Rauhfaser mitgespielt und gleich auch unser zweites Video in Los Angeles gedreht, für "Wenn die Liebe ein Engel ist". Mittlerweile sind wir ja schon bei der dritten Auskopplung "Sheila" gelandet.

MUM: Hmm, "Wenn die Liebe ein Engel ist" habe ich weder als Video groß gesehen, noch irgendwo gehört.

T: Das Video kam auch nicht so gut an, im Gegensatz zu "Die Schöne und das Biest", das ist ja ziemlich eingeschlagen udn lief auf allen Musikkanälen. Ich denke, dass es ein Vorteil war, Udo Kier dabei zu haben. "Wenn die Liebe ein Engel ist" kam leider im Frühjahr heraus, ist aber eher eine Herbstnummer, daher haben die Leute vielleicht auch zögerlich reagiert.

MUM: Was für Reaktionen auf das Album erhofft ihr?

T: Erhoffen tun wir natürlich die allerbesten, das ist klar. Mit Erwarten sieht das schon schwieriger aus. Die Fans, die uns nur von "Die Schöne und das Biest" kennen, werden sicher erst einmal schlucken bei den ersten drei Stücken, die ja doch etwas härterer ausfallen. Wer rauhe Töne mag, für den wird es auf Anhieb leichter, das Album anzunehmen. Im großen und ganzen aber denke ich, dass das Album gut ankommt, es ist wirklich gut gelungen, und daher erhoffen wir uns die besten Reaktionen.

MUM: Wo seht ihr eure Fans? Eher bei den Leuten, die etwas mehr nachdenken?

T: Sicher, ja. Die Teenies werden es eher nicht sein, ohne es abwertend zu meinen, aber diese Gruppe wird das Album nicht so bedienen. Das ist eben keine typische Partymusik, sondern verlangt schon das Zuhören ab. Von daher wird sich das Publikum in den etwas höheren Riegen ansiedeln.

MUM: Gibt es Bands, die eure Musik beeinflusst haben?

T: Jeder von uns ist in irgend einer Form beeinflusst, das ist klar. Das ist aber so breit gefächert, weil auch die Geschmäcker in der Band so weit auseinander laufen, dass da alle möglichen Impulse von außen sich in der Musik widerspiegeln. Aber ganz konkret kann man keine Einflüsse nennen.

MUM: Seht ihr euch als drei gleichwertige Bandmitglieder, oder ist das schon noch die Band von Zam?

T: Nein, das war bei den Friends Of Zulus so, und da gab es auch diese Hierarchie. Bei Rauhfaser ist das anders, die ganze Formation ist fester und klar als Band definiert, in der jeder seinen festen Standpunkt hat, völlig gleichberechtigt und demokratisch.

MUM: Wie sieht es mit einer Tour aus?

T: Mit Sicherheit nicht in diesem Herbst. Jetzt steht eine große Promotour an, um die Scheibe publik zu machen, in Radiosendern, in Zeitschriften und so. Eine Tour ist für Anfang nächsten Jahres geplant. Wie gesagt, das ist eine große Aufgabe für uns, alles so umzusetzen, dass es nicht zu abgespeckt klingt, aber auch nicht zu künstlich aufgeblasen.

MUM: Meinst du, ihr geht unter Umständen als Support auf Tour?

T: Ja, das käme drauf an, wer da supportet werden müsste. Wir haben da diverse Erfahrungen gemacht und sind mittlerweile auf dem Standpunkt, dass es hundertprozentig passen müsste, fast schon ein gleichwertiges Ding sein.

MUM: Mit wem habt ihr denn schlechte Erfahrungen gemacht?

T: Sagen wir mal so, das war immer sehr durchwachsen. Das ist ja alles schon lange her, aber als letztes Beispiel fällt mir Ian Ashbury ein. In Hamburg haben wir die Leute auf unsere Seite gezogen, die wollten uns kaum noch von der Bühne lassen. Dann gab es aber eben auch Städte wie Dresden oder so, die - wie eigentlich immer - ihre Hauptband abgewartet haben. Supporten ist ein heikles Thema. bei den HipHoppern funktioniert das doch gut, da gibt es Kombinationen, die gleichwertig sind, und bei denen sich das Publikum auf beide Acts gleichermaßen freut, und das macht dann auch Sinn, aber in der althergebrachten Form würden wir das nicht mehr so begrüßen.

MUM: Und falls nun doch, welche Band würdet ihr euch - von den reell möglichen - aussuchen, um mit ihr auf Tour zu gehen?

T: Also ich spreche jetzt mal für die nicht anwesenden zwei Drittel der Band. Für Morscher und Zam ist Herbert Grönemeyer ein Wunschkandidat.

MUM: Passt das denn?

T: Jein. Die neuen Sachen sind ja fast schon U2-orientiert, und textlich ist er ja auch jemand, dem man zuhören muss, und insofern würde das schon passen, das ist ja auch anspruchsvolle Musik. Das könnte schon hinhauen.

MUM: Was hörst du momentan am liebsten für Musik?

T: Mein absoluter Favorit ist die neueste Nine Inch Nails, die finde ich sehr ausgereift und bunt. Die höre ich seit Januar oder so, seitdem ich sie in den Händen habe. Ansonsten die etwas härtere Fraktion wie Limp Bizkit und Korn, oder auch die etwas weicheren Sachen, vertreten durch Kid Loco und Nightmares On Wax.

MUM: Hast du auf eurer Scheibe einen Lieblingssong?

T: Ja, mehrere. "Buddha" ist ein absoluter Favorit, und "Rosalina" bei den härteren.

MUM: Bist du Buddhistin?

T: Nein, aber Sympathisantin. Wenn, dann wäre dies am ehesten eine Form, aber momentan mache ich mich da noch schlau.

MUM: Wie alt seid ihr eigentlich, auch wenn man Frauen dies ja nicht fragt?

T: Ähm ... (lacht)

MUM: Komm, du siehst doch auf dem Foto, das ich hier habe, noch sehr frisch aus.

T: Genau, dabei belassen wir das doch einfach mal.

MUM: Also irgendwo in den Zwanzigern?

T: Das schmeichelt, ja.

MUM: Besser, als wenn ich sage "in den Vierzigern". Also sagen wir mal Endzwanziger. Aber alle so im gleichen Rahmen, ja?

T: Sagen wir mal, wir sind die selbe Generation.

MUM: Vielen Dank für das Interview.

MUM: Mucke & Mehr
T: Tira von Rauhfaser

(Tobi)