CTS-MUM
T.V.Smith (04/00)


Die Toten Hosen waren im Studio und veröffentlichen auf ihrem Label JKP ein neues Album - allerdings kein eigenes. Hä? Nix hä! Als gute Feunde von T.V. Smith haben sich die Jungs aus Düsseldorf entschieden, den seit Jahren nur noch mit Akustikgitarre alleine umhertourenden Musiker für die Zusammenstellung seiner besten Songs zu unterstützen, seine Band zu sein. Bands hatte Tim Smith, wie er eigentlich heißt, damals einige. Punk ist das Stichwort, und Ende der 70er-Jahre gab es als eine der angesagten Combos die Adverts, mit eben jenem T.V. Smith als Mastermind. Mit Songs wie "Gary Gilmore's Eyes" oder "Bored Teenagers" wurden Erfolge gefeiert, irgendwann aber war Schluss. Tim gründete eine neue Formation, The Explorers, mit denen er zwei vielbeachtete Platten herausbrachte, spielte dann bei Cheap, bevor er sich Anfang der 90er-Jahre dazu entschloss, fortan als Solokünstler durch die Lande zu ziehen. "Useless" heißt nun sein "Best Of"-Album mit den besten Stücken aus seiner Karriere, also aus Band- und Solozeiten. Hinten auf der CD wird Campino zitiert: "In völligem Widerspruch zu seinem Bekanntheitsgrad gehört T.V. Smith seit 1977 zu den besten Textern der Musikszene. Ich weiß gar nicht mehr, wer als erster die Idee zu diesem Best-of-Album hatte. Aber eine solche Scheibe habe ich als Fan schon lange vermisst, weil viele seiner Lieder in den Läden heute nicht mehr zu haben sind. Für alle, die T.V. Smith bisher gar nicht kennen, sollte diese CD die ideale Einstiegsdroge sein. Uns Hosen ist es eine Ehre, als Backgroundband auf diesem Album mitzuspielen." Soviel zum werbewirksamen Statement der Hosen, nun aber widmen wir uns Tim, mit dem wir uns über das Album und alte Zeiten unterhielten.


MUM: Warum heißt dein "Best Of"-Album "Useless"?

T: Das ist ein Witz. Campino und ich haben überlegt, wie wir das Best Of-Album nennen können, und da fanden wir diesen Namen schön ironisch. Jeder will immer der Beste sein und findet sich super, das Gegenteil wollten wir im Namen haben. Ich hoffe, das findet jemand witzig.

MUM: Deine letzte Platte ist drei Jahre her, was hast du in der Zwischenzeit gemacht? Arbeitest du an einem neuen Album?

T: Nein, das nicht, aber ich habe viele Lieder geschrieben und Konzerte gegeben in ganz Europa. Es ist schwierig, eine Plattenfirma zu haben, und daher spiele ich lieber viele Konzerte, um direkt vor meinem Publikum aufzutreten. Die großen Labels kümmern sich doch nur noch um Boybands und sowas.

MUM: Du arbeitest gar nicht an einem neuen Album?

T: Nein. Die Idee für eine "Best Of" hatten wir vor eineinhalb Jahren, seither war diese Scheibe also mein nächstes Ziel. Es hat aber eben sehr lange gedauert, ehe die Hosen Zeit hatten, die Platte mit mir aufzunehmen. Ich habe neue Lieder, aber man muss eben zum Konzert kommen, um sie zu hören.

MUM: Du hast also Campino ein Bein gestellt bei Rock am Ring, damit er sich verletzt und die Hosen genug Zeit haben, dein Album einzuspielen.

T: Ja, genau (lacht). Das war alles geplant.

MUM: Siehst du die CD als eine Art Abschluss, oder machst du weiter Musik?

T: Nein, natürlich mache ich weiter. Es ist mein Leben, Lieder zu schreiben.

MUM: Lebst du von der Musik, oder hast du einen anderen Beruf?

T: Seit ich solo bin, seit Anfang der 90er-Jahre also, kann ich von der Musik leben - fast jedenfalls.

MUM: Schreibst du auch Lieder für andere Künstler?

T: Ich habe ein paar Lieder mit den Hosen gemacht, englische, aber eigentlich mag ich das nicht. Ich habe keinen Bock, Lieder für andere zu schreiben. Lieder sind etwas Persönliches, und dann habe ich keine Lust, sie jemand anderem zu geben, da stecken mein Herz und mein Leben drin, und dann will ich das natürlich auch selbst singen.

MUM: Gibt es ein Lied, das für dich das wichtigste ist?

T: Ja, vielleicht "Only One Flavour", der neue Song auf dem Album. Ich bin sehr zufrieden, wie der Song geworden ist, auch um auszudrücken, wie es heutzutage in der Gesellschaft zugeht, dass es so viele Mitläufer gibt und die meisten keine Individualität mehr haben.

MUM: Wenn du Lieder schreibst, kommen dann automatisch gesellschaftskritische Songs heraus?

T: Automatisch würde ich nicht sagen, es gibt dafür keine Formel. Ich schaue, was in der Welt passiert, und ich suche nicht nach Texten, sondern der Text kommt zu mir, und ich mache dann nach und nach ein Lied daraus.

MUM: Hierzulande bist du auf dem Label der Hosen, JKP. Wird die Platte auch in England auf den Markt kommen?

T: Bestimmt wird sie auch dort veröffentlicht, aber zuerst machen wir das in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

MUM: Nehmen die Hosen für ihre neue Platte wieder etwas mit dir zusammen auf?

T: Das wäre schön, aber davon weiß ich nichts.

MUM: Wie kam damals der Kontakt zu den Hosen zustande?

T: Das kam, als sie ihr englischsprachiges Album aufgenommen haben. Sie wollten "Gary Gilmore's Eyes" auf der Platte haben, und dann haben wir telefoniert und abgemacht, dass ich da mitsinge. Damals hatte ich keine Ahnung, dass die Hosen so berühmt werden würden bzw. waren. Für mich war dies alles ja nichts Besonderes, da es schon vorher so viele Bands gab, die den Song gecovert haben, es ging immer nur um diesen Song, Gary Gilmore, Gary Gilmore. Als wir uns dann aber im Studio getroffen haben, da fand ich schnell heraus, dass sie sehr nette Leute sind, die auch verstehen, was Punk bedeutet. Ich habe dann natürlich gerne mitgesungen.

MUM: Lebst du eigentlich in London?

T: Ja, seit 1976.

MUM: Kehrst du manchmal noch nach Devon zurück?

T: Meine Eltern und mein Bruder leben noch dort, die besuche ich natürlich.

MUM: Sind Muse nicht aus Devon?

T: Muse? Nee, aber Portishead. Muse sind doch amerikanisch, oder?

MUM: Nein, die sind auch aus Südengland, ich hatte da Devon im Kopf.

T: Oh Scheiße. Ich weiß es nicht, hab keine Ahnung.

MUM: Du spielst nur noch alleine, ohne Band, oder?

T: Ja.

MUM: Du hast da auch gar keine Lust, mal wieder mit einer Band zu spielen?

T: Im Moment nicht. Ich hatte in den 20 Jahren so viele Bands. Alleine kann ich so viele Konzerte spielen, das wäre mit einer Band gar nicht machbar. Mein Leben ist das Spielen, und ich habe alleine die Freiheit, überall hin reisen zu können, wo ich hin möchte, und vor wenigen Leuten intimere Konzerte zu spielen, was mit einer Band auch nicht klappen würde. Natürlich hätte ich auch gerne mal wieder eine Band, aber ich würde nicht auf die Solokonzerte verzichten wollen.

MUM: Du denkst also nicht, dass die Kraft der Punkmusik im Zusammenspiel von krachiger E-Gitarren-Musik und entsprechenden Texten liegt?

T: Kann sein, aber ich denke, auch alleine die Energie herüber bringen zu können. Ich bin mein eigener Herr, kann Entscheidungen treffen, und ich habe das Ziel, die Energetik einer Band auch alleine zum Publikum zu bringen.

MUM: Gibst du bald Konzerte?

T: Ja, ich hoffe, im Juni einige Gigs zu spielen.

MUM: Würdest du sagen, dass die die Zeit als Solokünstler mehr Spaß macht als damals mit den Adverts?

T: Ja. Natürlich war es schön, mit den Adverts zu spielen, und aufregend, plötzlich einen Hit zu haben. Andererseits war es auch stressig, 24 Stunden am Tag mit den anderen zusammen zu sein, weil Gaye und ich den Schlagzeuger und Gitarristen erst ein paar Monate kannten. Es war eher eine stressige und harte als fröhliche Zeit. Inzwischen bestimme ich mein Leben selbst, habe mit der Plattenindustrie nichts zu tun.

MUM: Hast du Familie?

T: Ich bin nicht verheiratet, aber ich wohne seit vielen Jahren mit meiner Freundin Gaye zusammen.

MUM: Hast du noch Kontakt zu den anderen Adverts?

T: Nein, nicht mehr, aber wir haben uns auch nicht so gut verstanden mit ihnen. Der Schlagzeuger soll wohl jetzt in Island wohnen, und der Gitarrist ist leider schon verstorben.

MUM: Was hörst du privat am liebsten für Musik?

T: Ich höre nicht viel Musik, ich schreibe lieber welche. Aber wenn, dann Songwriter wie Tom Waits, Nick Cave oder Michael Scott, und auch ganz gerne Reggae.

MUM: Wäre es für dich ein Wunsch, mal mit einem solchen alten Liedermacher etwas zusammen zu machen?

T: Ich habe auf Kollaborationen eigentlich nicht viel Lust, aber ab und an mache ich welche.

MUM: Danke für das Interview.

Zu Interview verlosen wir fünfmal das neue Album von T.V. Smith auf unserer Verlosungsseite.

MUM: Mucke & Mehr
T: T.V. Smith

(Tobi)