CTS-MUM
WEISSGLUT (04/00)


Weissglut - eine der Bands, die man etwas genauer unter die Lupe nehmen sollte, bevor man ein Album von ihnen konsumiert. "Zeichen", so der Name des zweiten Longplayers, und das wichtigste Zeichen haben Weissglut bereits im Vorfeld gesetzt, als sie sich von ihrem Sänger Josef Maria Klumb trennten, nachdem dieser durch einige Äußerungen rechtsradikales Gedankengut durchblicken ließ. Eine Trennung aus markttechnischen Gründen? Wie kann es sein, dass eine Band nicht merkt, wenn ihr Sänger Meinungen vertritt, die einem aufstoßen sollten? Und falls dies überhaupt sein kann, wie macht man nach solch einer Trennung weiter? Natürlich ging es in unserem Interview neben der neuen Scheibe mit neuem Sänger Tom v. K. vor allem auch um diese Fragen.


MUM: Guido, wo siehst du die größten Unterschiede des neuen Albums zu eurem Debüt "Etwas kommt in deine Welt"?

G: Wenn wir am Debüt etwas zu bemäkeln hatten, dann die Tatsache, dass alles etwas statisch geraten war, mit zu wenig Bewegung. Da haben wir versucht, mehr Groove, mehr Fluss in die ganze Sache zu bekommen, alles bissiger zu gestalten. Die elektronischen Elemente sind auch deutlich stärker vertreten als auf der ersten Scheibe.

MUM: Wie würdest du das Ganze stilistisch einordnen? Siehst du das irgendwie als Gothic-Art, oder nicht?

G: Eigentlich nicht. Wir sind alle ziemlich offen, was Einflüsse angeht. Die Wurzeln liegen im härteren Rockbereich, mit dunklerem Einschlag.

MUM: Gibt es Bands, die euch beeinflusst haben? Bei einem ist mir aufgefallen, dass er sehr Oomph!-lastig klingt.

G: Eigentlich haben wir uns überhaupt nicht an anderen Bands orientiert. Wir haben nur Songs geschrieben, die uns auf der Seele gebrannt haben, die eine wirklich persönliche Geschichte haben. Wir haben die Songs geschrieben und uns dann überlegt, in welcher Richtung wir sie am besten zum Klingen bringen. Wir haben nicht versucht, uns an gewissen Stilen fest zu machen, und schon gar nicht an anderen Bands. Wir haben versucht, das alles offen zu halten.

MUM: Die Texte sind sehr bildhaft und nicht so leicht zu durchblicken. Sind sie bewusst so gemacht, oder schreibt Tom sie eben nicht so eindeutig?

G: Das ist mit Sicherheit die Art von Tom, Texte so zu schreiben. Wir finden das aber sehr gut, weil wir es nicht mögen, den Leuten vorgefertigte Auflösungen zu präsentieren. Wir wollen unsere Geschichten erzählen, in denen die Leute sich dann wiedererkennen können, wir lassen da den Raum für Interpretationen.

MUM: Sind das denn eure Geschichten oder Toms?

G: Das sind natürlich Toms Geschichten, weil er die Texte geschrieben hat, aber es gibt Überschneidungen.

MUM: Wie habt ihr Tom gefunden?

G: Das ging über eine Anzeige, die der Tom gelesen hat. Wir haben dann erst einmal telefoniert, und das war schon ein sehr gutes Gespräch. Wir haben dann beschlossen, mal für eine Probe zusammen zu kommen, um das auszuprobieren, und das hat sehr gut funktioniert, so dass wir uns entschieden haben, die Sache gemeinsam durchzuziehen.

MUM: Was erhofft ihr euch denn mit dem Album? Ihr habt ja ein gutes Label im Rücken und in etwa einen Stil, mit dem andere Bands in letzten Jahren durchaus Erfolge feiern konnten.

G: Zu allererst einmal möchten wir, dass uns die Leute draußen als das sehen, was wir sind, nämlich eine Band, der sehr viel dran liegt, ihren Sound zu machen, und den möchten wir mit den Leuten teilen, die auf ihn stehen. Und wir wollen viel live spielen.

MUM: Ihr lebt doch aber bestimmt noch nicht von der Musik, das wird also auch ein Ziel sein.

G: Ja, sicher.

MUM: Jetzt komme ich mal auf die ganze Geschichte um Josef Maria zu sprechen. Ich muss erst einmal sagen, dass ich euer erstes Album nicht kenne und auch nicht weiß, mit was für Kommentaren sich Josef Maria denn in die rechte Ecke gedrängt hat. Was war los?

G: Als wir damals zusammen gekommen sind, da ging es nur um Musik, nie um politische Themen. Wir haben uns auf einer rein musikalischen Ebene kennen gelernt, und das hat auch eine Zeit lang gut funktioniert. Im Laufe der Zeit hat sich aber herausgestellt, dass er gerade in Interviews Dinge von sich gegeben hat, die keinen anderen von der Band betroffen haben und zu denen wir alle keinen Bezug hatten. Das hat es natürlich angefangen, zu kriseln. Das war eine sehr seltsame Phase für uns, weil wir natürlich gehörigen Ärger hatten wegen der ganzen Sache. Josef hat seine Person und die Themen, die ihn interessiert haben, nach außen hin immer sehr in den Vordergrund gerückt, dabei hat er nicht im allergeringsten Rücksicht genommen, was das für uns als Band für Konsequenzen hat. Dadurch, dass wir ihn schon relativ lange kannten, sind wir dann ziemlich aneinander geraten, und es hat eine Weile gedauert, bis wir uns entschlossen haben, uns von ihm zu trennen. Das kennst du vielleicht aus dem Privatleben. Du hast jemanden, mit dem du befreundet bist, und irgendwann fängt er an, Scheiße zu bauen. Du machst dann nicht von heute auf morgen einen totalen Bruch, sondern fängst erst einmal an, über die Sache zu reden und heraus zu finden, was überhaupt los ist. Das hat dann eben so geendet, dass wir gesagt haben, dass wir keine Musik mehr zusammen machen können, wenn die Sache so aussieht.

MUM: Wie hat Josef das aufgenommen?

G: Das war sehr zwiespältig. Einerseits hat er gemeint, dass er es verstehen könne, andererseits hat er sich dann hinterher aber auch als Opfer gefühlt.

MUM: Aber wart ihr denn wirklich schockiert über das, was er gesagt hat, oder war das nicht doch eher der Druck der Plattenfirma, die gesagt haben: "Hört mal, Jungs, so geht das nicht!"?

G: Die Plattenfirma war natürlich ganz und gar nicht begeistert von der ganzen Sache, weil sie ja auch sehr stark angegriffen wurde. Sie hat aber immer hinter uns gestanden, was wir auch sehr korrekt fanden. Uns liegt sehr viel daran, Musik zu machen und das, was emotional in uns steckt, auf diese Art und Weise zu verarbeiten. Nun waren wir aber an einen Punkt, wo uns das versagt war. Wir konnten nicht mehr live spielen, und so weiter. Für uns ist Musik sehr wichtig und keiner von uns war bereit, sich einer Sache zu opfern, mit der wir einfach nichts zu tun haben.

MUM: Meinst du, dass eure Reintegration in die Musikszene problemlos vonstatten geht? Wenn man erst einmal ins rechte Licht gerückt wurde, dann ist dies doch eigentlich schwer.

G: Das ist nicht so ganz einfach und wir haben da auch zu kämpfen, aber die ganze Problematik bröckelt so langsam, das lässt sich schon feststellen. Viele Leute, die uns damals nicht mehr beachtet haben, als das in den Medien alles hochkochte, die sagen jetzt: "Hey, lasst uns was zusammen machen." Es gibt auch andere Beispiele, aber die generelle Richtung ist schon die Akzeptanz.

MUM: Ihr würdet aber nicht, wie es ja die Onkelz beispielsweise schon getan haben, mal einen Song machen, der bewusst gegen Rechts ist, um ein zeichen zu setzen?

G: Nein. Wir sind nun einmal keine politische Band, das sind wir nie gewesen. Ich glaube, dass sich manche Leute durch so etwas vielleicht eher noch provoziert fühlen würden, als dass sie daran was Gutes entdecken könnten. Ich denke, wir haben das nicht nötig. Von den vier übrig gebliebenen hatte nie jemand etwas mit diesem Thema zu tun, vom neuen Sänger mal ganz abgesehen, der kommt ja nun aus einer ganz anderen Ecke.

MUM: Hat Tom denn nicht auch überlegt, vielleicht lieber nicht zu Weissglut zu gehen, so wie ihr gerade da standet?

G: Wir haben da sehr lange Gespräche geführt. Er hat auch gleich klar gemacht, dass er nie in einer Band musizieren würde, die rechtsradikales Gedankengut vertritt oder propagiert. Wir haben festgestellt, dass wir in dieser Problematik alle auf einer Wellenlänge liegen.

MUM: Wie kam es, dass ihr so lange gebraucht habt, um zu erkennen, dass Josef Maria aus dieser Ecke kommt? Gerade wenn man Tag und Nacht zusammen hängt...

G: Moment, Moment, Moment. Wir haben ja zum Beispiel nie eine Tour zusammen gemacht, weil sämtliche geplante Gigs boykottiert worden sind. Ich habe das vorhin schon versucht, zu erklären. Wenn du jemanden auf menschlicher Ebene kennen gelernt hast, und du merkst, dass er anfängt, Scheiße zu bauen und Sachen zu machen, mit denen keiner einverstanden ist, dann sagst du eben nicht von heute auf morgen: "Hey, Arschloch, verpiss dich!". Du setzt dich dann eben erst einmal mit der Person auseinander, und dieser Prozess dauert unter Umständen ein paar Wochen oder Monate.

MUM: Ihr müsst das doch aber im Nachhinein bereuen, dass ihr nicht gleich einen Sänger hattet, der über alle Zweifel erhaben ist. Das wäre dann alles sicherlich einfacher gewesen für euch als Band.

G: Das wäre natürlich absolut wünschenswert gewesen, keine Frage.

MUM: habt ihr noch Kontakt zu Josef Maria?

G: Überhaupt nicht mehr.

MUM: Meinst du, ihr werdet das je los, dass der Rausschmiss vielleicht doch nur aus Karrieregründen gewesen sein könnte?

G: Wenn sich jemand die Mühe macht, sich mit uns zu unterhalten, dann müsste ihm klar werden, wie wir denken. Ich denke, man sollte auch respektieren, dass wir einen recht harten Schritt gegangen sind, weil wir in dem Moment, wo wir uns von Josef getrennt haben, überhaupt keine Garantie hatten, dass unsere Karriere weiter geht. Es hätte ja auch sein können, dass wir keinen adäquaten Ersatz finden, einen Sänger, der wirklich zu uns passt und mit uns harmoniert.

MUM: Habt ihr mal drüber nachgedacht, euren Bandnamen zu ändern?

G: Nein, das eigentlich nie. Weissglut ist das Ding, was wir machen wollen. Es war auch immer eine echte Frechheit, wenn Josef in der Presse als Chef von Weissglut bezeichnet worden ist, weil wir immer eine Band waren, die sich nicht an einer Person festmachen lässt.

MUM: Aber es ist doch die Normalität, dass der Frontmann mehr im Blickpunkt steht.

G: Das ist schon richtig, aber das heißt nicht, dass er das Zentrum der Band ist.

MUM: Wart ihr ansonsten mit dem Erfolg der ersten Scheibe zufrieden?

G: Das war sehr zweischneidig. An sich waren wir schon hoch erfreut darüber, dass die Platte in großen Teilen der Presse sehr gut abgeschnitten hat, gleichzeitig kam aber dann eben dieses ganze Thema extrem hoch, und das war natürlich ein extremes Wechselbad.

MUM: Meinst du, dass ihr das Thema in ein paar Jahren abgelegt habt?

G: Ich will's mal schwer hoffen. Das wird wahrscheinlich noch ein Weilchen dauern, aber wir sind guter Dinge. Jeder, der sich die Mühe macht, mit uns mal zu reden, der wird merken, dass wir alles andere sind als rechtsradikal.

MUM: Mucke & Mehr
G: Guido von Weissglut

(Tobi)