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Um festzustellen, dass sich die Musikindustrie auf Grund von Online-Tauschbörsen, Piraterie, Großfusionen und aber auch sinkender Kaufkraft in ihrer wohl schwierigsten Phase bisher befindet, muss man kein Fachmann sein. Um zu ahnen, dass Verkaufsstrategien und -wege völlig neu überdacht werden müssen, ebenfalls nicht. Wenn aber ein absoluter Fachmann seine Gedanken zum aktuellen Stand mit fundiertem Wissen und weitsicht darlegt, dazu Geschichten aus seiner Zeit in der Branche einbringt, dann ist dies hoch interessant. Tim Renner ist solch ein Fachmann, war siebzehneinhalb Jahre lang in der Branche tätig und hat sich hierbei vom Talentscout für progressive Sounds bei PolyGram zum Labelmanager, Geschäftführer und Konzernboss bei Universal Music Germany hochgearbeitet. Im Februar 2004 verkündete er seinen Abschied - und nur ein knappes halbes Jahr später veröffentlicht er nun mit "Kinder, der Tod ist gar nicht schlimm" seine Sicht der Dinge, 300 Seiten lang.

"Dies ist die Geschichte eines Scheiterns. Meines Scheiterns." So eröffnet Renner das Buch in der Einleitung, und natürlich meint er damit nicht seine beachtliche Karriere, sondern die Tatsache, dass er sich diese eigentlich überhaupt nicht zum Ziel gesetzt hatte, als er in die Branche einstieg. Die Musikbranche beleuchtet Renner dann in zwei teilen, die er bescheiden "Das alte Testament" und "Das neue Testament" nennt. Warum? Weil er die Musikbranche in ihrer althergebrachten Form als Paradies darstellt - erschaffen von Emile Berliner und Fred Gaisberg Ende des 19. Jahrhunderts. Weil Börsenboom und Großfusionen der Sündenfall sind. Weil digitale Vertriebswege die Vertreibung aus dem Paradies bedeuten. Renners altes Testament hat schon über 200 Seiten. Das neue widmet sich den verschiedenen Medien und Musikdistributionswegen in einer Bestandsaufnahme ihres heutigen Daseins und ihrer Chancen. Es schließt ab mit der Wiederauferstehung - und dies klingt ja schon als Wort alleine hoffnungsvoll. "Es wird höchste Zeit, das Musikgeschäft neu zu denken", schreibt Renner und stellt dies nicht nur ideenlos in den Raum, nein, er füllt diese Aussage mit Inhalt, verkündet seine Meinung - und auch wenn diese kein Evangelium ist, so ist sie sehr interessant für alle, die sich mit der Musikbranche beschäftigen.

Tim Renner
Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!
Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie
303 S., gebunden, EUR 19,90 / EUA 20,50 / SFR 34,90
ISBN: 3-593-37636-9
Campus Verlag Frankfurt / New York
Preis: 19.80 Euro / 33,30 sFr

Mehr Information zu Tim Renner findet man auf seiner Website.

(Tobi)