Absolute Ruhe - Ein Besuch bei der Pro Sieben MorningShow 1999
Es war ein ganz normaler Herbstmorgen, naja, so normal nun auch wieder nicht, schließlich hatte Hertha am Abend zuvor die Zwischenrunde der Champions League erreicht, was ja so alltäglich nicht ist. Und obendrein war ich um sechs Uhr früh mit zwei Leidensgenossen (wegen der Tageszeit, nicht wegen des Reiseziels) unterwegs zu irgendeinem Café Unter den Linden, was genau genommen noch ungewöhnlicher ist. Aber dieser frühe Aufbruch geschah nicht aus Quatsch, sondern weil wir zum Frühstücksfernsehen von Pro Sieben, der MorningShow, eingeladen worden waren, die wochentags aus eben jenem Café ausgestrahlt wird. Ein Schlaukopf des Senders hatte sich wohl gedacht, dass die Gäste, die sich sonst freiwillig dorthin begeben (man kann sich tatsächlich telefonisch bewerben), dem Stargast dieser Sendung, dem Techno-Dance-Projekt "Dune", nicht angemessen wären und man das Publikum mit etwas fachlicher Kompetenz, die wir in seinen Augen wohl verkörperten, ein wenig aufrüsten müsse. Dafür hatte man als Köder ein kostenloses Frühstück während der Sendung ausgeworfen, was die Entscheidung, sich um diese Tageszeit dort einzufinden, neben der Neugier und der Tatsache, dass es einfach eine witzige Aktion war, ein bisschen erleichterte. Dass man sich dabei mit uns drei wahre Chaoten ins Haus holte, die sich sofort überlegten, wie man die Sendung am besten stören konnte, konnte der arme Mensch ja nicht ahnen. Also kamen wir da an, und marschierten natürlich schnurstracks rein, woraufhin uns erstmal Mr. Security vor der Tür aufhielt, und fragte, wo wir denn hinwollten. Aha, da soll also nicht jeder gleich reinlatschen, schön und gut. Dass wir dann aber nach den überstandenen Einlassformalitäten vom Aufnahmeleiter (Mr. Wichtig mit Headset und Klemmbrett) wie alle Zuschauer, die man übrigens an zwei Händen abzählen konnte, nach Klamotten und äußerem Erscheinungsbild an den Tischen platziert wurden, erschien uns dann doch ein wenig lächerlich. Endlich am Tisch sitzend machte sich auch bald der Magen bemerkbar, der ja so langsam nach Frühstück verlangte, sich aber zunächst nur mit Kaffee und Orangensaft zufrieden geben musste. Aber Moment mal, irgendwas stimmte doch mit den Menschen hier nicht. Ach ja, hier liefen ja alle wie selbstverständlich mit einem Klemmbrett durch die Gegend, wahrscheinlich ist das eine Grundvorraussetzung, um beim Fernsehen arbeiten zu können. Gut zu wissen, wenn man vielleicht mal einen Job beim Fernsehen begehren sollte: auf jeden Fall mit Klemmbrett zum Vorstellungsgespräch erscheinen. So langsam drohte aber das Gefühl der Neugier und Spannung vom Ärger über die blöden Leute und das fehlende Frühstück verdrängt zu werden, als auch schon Rettung nahte. Der bekannte Radio- und MorningShow-Co-Moderator Tommy Vass betrat nämlich das Lokal und begrüßte zunächst einmal das Publikum (und das auch noch persönlich mit Handschlag), was ihn deutlich von der gesamten anderen Mischpoke abhob, die einen so gut wie möglich zu ignorieren versuchte, mal abgesehen von Mr. Headset, der uns sofort instruierte, bei welchem Zeichen wir alle zu klatschen hätten, und der Frau, die dafür abgestellt war, sich um unser leibliches Wohl zu kümmern. Dafür, dass pro Vierertisch nur ein Croissant und ein paar Scheiben aufgeschnittenes Baguette aufgetischt wurden, von dem übersichtlichen Belagteller mal ganz zu schweigen, konnte sie schließlich nichts und außerdem war man ja auch nicht nur zum Frühstücken hergekommen. Inzwischen war auch die Sendung schon in vollem Gange, was man eigentlich gar nicht mitgekriegt hätte, wäre man nicht ab und zu zum Klatschen aufgefordert worden, denn entgegen aller Vorstellung bekam man in den seltensten Fällen mit, wofür man denn klatschte. Da blieb einem eigentlich nur die Hoffnung, die Herren Moderatoren würden nicht irgendwelche dreckigen Judenwitze reißen, was die bei Pro Sieben natürlich nie über den Sender schicken würden. Aber ein wenig mehr als das Bild eines zur Hälfte verdeckten Monitors und das entfernte Stimmengewirr der Moderatoren hätte man von der Show dann doch mitkriegen wollen, mal ganz abgesehen davon, dass die Nummern, die wir uns vorher überlegt hatten (lautes Rülpsen, Gähnen, Grölen etc.), wahrscheinlich außer uns gar keiner gemerkt hätte. Doch auf einmal fühlte man sich tatsächlich wie in einer Fernsehsendung, Mr. Headset brüllte, dass er für die Nachrichten absolute Ruhe haben wollte, ein Tisch wurde rübergerollt und das Blondchen, das vorher immer nur am Tresen rumgelungert hatte und das man für ein Groupie irgendeines (oder vielleicht sogar aller) Moderators gehalten hatte, entpuppte sich plötzlich als Nachrichtensprecherin. Noch dazu wurden wir Zeugen eines herrlichen, vielsagenden Dialogs: Blondchen: "Wie sehe ich aus?", Mr. Headset: "Gut, wie immer!", und unser Tisch war darüberhinaus auch noch genau im Bild. Wenn es also eine Gelegenheit geben sollte, sich mit bekloppten Aktionen zum Löffel zu machen, dann war es diese. Doch wie so oft siegte mal wieder Feigheit (oder sollte man es beschönigend Vernunft nennen?) über Chaotentum, denn es wurde weder gerülpst noch gegähnt und es reichte noch nicht einmal zu einem lautstarken Jubel bei der Meldung des Hertha-Einzugs in die nächste Champions League-Runde. So ging die Show ohne größere Highlights über die Bühne, draußen wurde es langsam hell und als wir dann gegen halb neun das Café verließen, war es Zeit für eine Aufwand-Nutzen-Rechnung, wobei wohl jeder von uns ein wenig Enttäuschung darüber verspürte, dass wir uns zu keiner Störaktion hatten hinreißen lassen, was zwar nach einhelliger Meinung zum sofortigen Ausschluss aus dem Zuschauerkreis geführt hätte, dafür aber mit einem unglaublich hohen Spaßfaktor auf der Nutzen-Seite zu Buche geschlagen wäre. Ergebnis der Rechnung: Aufwand-Seite: Anreise-Kosten, mindestens drei Stunden entgangener Schlaf. Nutzen-Seite: eine laue Morning Show, die man nur zu einem Achtel mitbekommen hatte (durchaus auch auf der Aufwand-Seite zu verbuchen), ein halbes Frühstück (vielleicht sogar auch auf der Aufwand-Seite zu verbuchen), 'ne Menge Spaß, eine interressante Erfahrung und nicht zu Letzt dieser Artikel.

(Mick)