And the Oscar goes to...
Die Verleihungs-Party im Cinemaxx Colosseum
Wer hätte gedacht, daß sich Sonntag Nacht so viele Leute einfinden würden, um gemeinsam einem Ereignis beizuwohnen, das jeder Dank erstmaliger Free-TV-Übertragung genausogut gemütlich zu Hause verfolgen könnte. Aber der Berliner ist ja bekanntlich ein eher geselliger Typ und schlägt sich auch schon mal gerne irgendwo eine Nacht um die Ohren, zumal sich das Publikum größtenteils aus faulem Studentenpack rekrutiert, das ja wegen der Semesterferien zur Zeit sowieso nichts besseres zu tun hat, als sich in irgendwelchen Kinos rumzudrücken. Und da ein bekannter Brandenburger Jugendsender (ja, der mit den fünf Buchstaben) auch kräftig die Werbetrommel gerührt hat, dessen Präsenz schon beim Betreten des Kino-Foyers kaum zu übersehen sein dürfte, füllt sich der Saal schon bei der Vorführung des noch nicht angelaufenen irischen Streifens "Waking Ned Devine" Stunden vor Beginn der Oscar-Zeremonie sehr beachtlich, wozu sicherlich das angekündigte reichhaltige Buffet einiges beigetragen haben dürfte, denn Studenten sind ja bekanntlich alle Schmarotzer. Doch wer mit hängendem Magen extra früh angereist ist, muß sich erstmal mit Musik der extra vor dem Eingang aufgebauten Diskothek und einem überaus adretten jungen Herrn als Moderator des Abends zufriedengeben, kann aber wenigstens seinen Durst mit vor dem Film kredenztem Glas Sekt stillen. Als Zeitvertreib nimmt man dann noch am Oscar-Quiz teil, um vielleicht in den Genuß eines der geheimen Super-Gewinne zu kommen, wobei sich die Fragen als auch für den Cineasten durchaus anspruchsvoll entpuppen und trotz eingehenden Wissensaustauschs und Abhörens der Sitznachbarn nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beantwortet werden können. Aber trotz des Gewinnspiels, dessen Sieger oscar-like auf der Bühne gekürt werden sollen, und mannshoher Oscar-Figuren, die einem wohl den Grund der nächtlichen Zusammenkunft wer sonst, wenn nicht Filmfans sollte sich denn zu dieser Zeit ins Kino verlaufen haben? - und die Tragweite des bevorstehenden Events ins Gedächtnis rufen sollen, will zunächst nicht die richtige Stimmung aufkommen. Also sieht man sich erstmal den vorab gezeigten Film an, der mit seinem trockenen Humor durchaus die Laune des Publikums verbessern kann, was sich in spontanem Beifall und vereinzelten Zwischenrufen äußert oder liegt das vielleicht am auf nüchternen Magen genossenen Sekt? Danach steht dann auch das Buffet bereit, das allerdings für den regen Besuch der Veranstaltung ein wenig zu klein dimensioniert ist, so daß es zu einem so sonst nur beim Rugby üblichen Gedränge kommt, bei dem sich überraschenderweise einige Damen, die das Studentenalter schon einige Zeit hinter sich gelassen haben dürften, als die Einsatzfreudigsten erweisen und auch gesetzte Blöcke am besten lesen können. Wegen der großen Verletzungsgefahr ist es also ratsam, sich statt dem Kampf ums Buffet lieber den von unserem schicken Moderator durchgeführten Spielen zuzuwenden, bei denen durch Erkennen von Tonausschnitten bekannter Filme wahlweise CDs, Wollmützen oder Kinokarten gewonnen werden können. Derart auf die Verleihung eingestimmt, nimmt man so langsam wieder die Plätze im Kino ein, und mit der fortschreitenden Zeit steigt auch die Spannung, die für eine der Oscar-Verleihung angemessene Atmosphäre sorgt, wofür ja auch der Ort, ein dunkler Kinosaal, die ideale Kulisse bildet. Und während man noch die Vorberichterstattung des übertragenden Senders genießt, wobei jede kleine Panne des zweiköpfigen Moderatorinnenmonsters Atwell / Stahnke frenetisch bejubelt wird, naht der Schrecken der Nacht. Denn exakt mit Beginn der Oscar-Zeremonie wird der Ton abgestellt, es wird hell im Saal und unser smarter Moderator betritt mit einer Assistentin im Schlepptau die Bühne, um zur Preisverleihung des Gewinnspiels zu schreiten. Dabei kann er von Glück reden, daß er nur mit Unmutsäußerungen und konstruktiver Kritik - so muß er sich als Antwort auf die Frage, ob man die nicht vorhandene Tequila-Bar gefunden hätte, gefallen lassen, daß man auch das Buffet nicht gefunden hätte - und nicht mit Mollies bedacht wird. Daß die Super-Gewinne aus einer Gratis-Inspektion beim Autohaus Kapinski und einem Wochenende in Neuruppin bestehen, macht das Ganze zwar zu einer Kabarettnummer mit hohem Unterhaltungswert, kann aber die aufgebrachte Meute nicht vollends besänftigen. Nur gut, daß die Leute wenigstens noch die Übergabe des ersten Oscars mitbekommen und die restliche Übertragung ohne weitere Störung - mal abgesehen vom debilen Lachen eines offensichtlichen Whoopy Goldberg-Fans, das jede ihrer noch so flachen Pointen begleitet - verfolgen können. So werden sie Zeuge einer eher lauen Oscar-Gala ohne große Highlights, vom als besten Hauptdarsteller ausgezeichneten und vor Freude geradezu explodierenden Roberto Benigni mal abgesehen, die auch nicht mit allzugroßen Überraschungen aufwarten kann. Deshalb verwundert es auch nicht besonders, daß von den bei jeder Werbeunterbrechung das Kino verlassenden Leuten mit fortschreitender Zeit immer weniger auf ihre Plätze zurückkehren, und man selbst mit dem Gang nach Hause liebäugelt. Doch denen, die bis zum Ende durchalten, bietet sich noch das durchaus unterhaltsame Bild einer in Tränen aufgelösten Gwyneth Paltrow, die den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle bekommt und in ihrer ungefähr fünfstündigen Dankesrede niemanden einschließlich ihrer Großkusinen unerwähnt lassen will, und vor allem ein neu aufgebautes Buffet, das einen inzwischen bei hellem Tageslicht erwartet. Also holt man das ausgefallene Abendessen doch einfach morgens nach, obwohl massenweise gebackene Kartoffeln zum Frühstück schon etwas ungewöhnlich sind. Danach bleibt nur noch der Gedanke, warum man nicht jede Nacht mit solch klasse Aktionen verbringt, der aber sofort vom Verstand zurückgepfiffen wird. Wann kommt man denn endlich ins Bett?

(Mick)