Home Film “Borga” – selten wurde ein Flüchtlingsschicksal authentischer geschildert

“Borga” – selten wurde ein Flüchtlingsschicksal authentischer geschildert

Autor: Mick

"Borga" Filmplakat (© Chromosom Film GmbH)

Borga

Darsteller: Eugene Boateng, Christiane Paul, Ibrahima Sanogo, Adjetey Anang
Regie: York-Fabian Raabe
Dauer: 104 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.eastendfilm.de/borga
Facebook: facebook.com/Borga.TheMovie


Ein „Borga“ zu werden, ist der kühnste aller Träume im Elendsviertel der ghanaischen Hauptstadt Accra. So nennen die Ghanaer ihre Landsleute, die es im Ausland zu Geld gebracht haben und dadurch in der Heimat enormes Ansehen genießen. Regisseur York-Fabian Raabe hat selbst eine afrikanische Vergangenheit, verwirklichte nicht nur mehrere dokumentarische Kurzfilmprojekte zum entwicklungsbedürftigen Kontinent, sondern verbrachte für seine Vorgänger-Kurzdoku „Sodoms Kinder“ über das Aufwachsen im ghanaischen Slum auch einige Zeit in Accra. Diese inspirierte ihn dann auch zu seinem jetzigen Spielfilmdebüt, das ihm im Januar sogar den Max Ophüls Preis für den besten Spielfilm einbrachte.

Waren es in seinem Dokumentarfilm noch Ghanas Kinder allgemein, so ist es jetzt exemplarisch der kleine Kojo (Emmanuel Affadzi), den er in den Fokus seiner diesmal rein fiktiven Geschichte rückt. Dessen Alltag besteht zum großen Teil aus Schrott sammeln, auch wenn sein Vater (Adjetey Anang) ihn mit harter Hand dazu anhält, zur Schule zu gehen und dort Lesen und Schreiben zu lernen. Das können in Accras Armutsviertel Agbogbloshie, einer der größten Müllkippen für europäischen Elektroschrott, nur die Wenigsten, wo dort doch das Highlight des Tages oft darin besteht, sich vom mühsam zusammengeklaubten Metall eine Cola leisten zu können. Wie paradiesisch muss es da in Europa zugehen, von wo der bekannte Borga aus der Nachbarschaft gerade angereist ist und jetzt fast wie ein König für seine Bekannten Hof hält.

Zehn Jahre später kann Kojo (Eugene Boateng) dank seines Vaters zwar lesen und schreiben, hat es aber dennoch nicht viel weitergebracht, als diesen in seinem Schrottverwertungsbetrieb durch harte Arbeit in den giftigen Dämpfen der Müllhalde zu unterstützen. Kein Wunder also, dass er eines Tages die Möglichkeit beim Schopf packt, mit seinem alten Schulkumpel Nabil sein Glück in Deutschland zu suchen, wo schließlich auch dessen Onkel zum von ihnen auf einem Foto bewunderten Borga geworden ist.

Und schon hält Regisseur Raabe die erste Ernüchterung für uns bereit, handelt zwar die gefährliche Flucht übers Mittelmeer in einem Nebensatz ab, lässt uns aber gleichzeitig wissen, dass es Jugendfreund Nabil nicht geschafft hat. Kojo dagegen landet im alles andere als malerischen Mannheim, wo er mit uns gemeinsam von Nabils Onkel schnell auf den Boden der Tatsachen befördert wird. Dessen drastische Aussage, auch Kojo könne für nur 30 Euro ein Statussymbol gepimptes Borga-Foto für seine Familie von sich machen lassen, ist so desillusionierend, dass sie irgendwie das Zentrum von Raabes kompromisslosem Film darstellt.

"Borga" Szenenbild (© Chromosom Film GmbH / Tobias von dem Borne)

(© Chromosom Film GmbH / Tobias von dem Borne)

Der schildert uns Kojos Schicksal konsequent aus dessen Sicht, lässt uns all die Träume nachvollziehen, die das Leben in Armut hervorruft, und deckt genauso schonungslos das Dilemma auf, in dem die so hoffnungsfroh nach Deutschland aufgebrochenen Afrikaner stranden. So findet sich auch Kojo statt als erfolgreicher Macher schnell in der Rolle des obdachlosen Bittstellers wieder, der von seinem Landsmann Bo (Ibrahima Sanogo) für seine krummen Geschäfte gnadenlos ausgenutzt wird. Mit ihm hat Kojo zwar endlich eine Einkommensquelle aufgetan, verdingt sich dafür jedoch nicht nur als Handlanger im schmutzigen Schrottexportgeschäft, sondern lässt sich sogar als Drogenkurier missbrauchen. Und das auch, um den Erwartungen und immer größer werdenden Wünschen in der Heimat gerecht zu werden, die dort aber vor allem Neid und Zwietracht säen.

Raabe geht dabei so ganz nebenbei das große Thema Globalisierung an, beleuchtet mit Kojos bewegender Geschichte die Abgründe des Profitdenkens, unter dem zuallerunterst stets die Ärmsten in Afrika zu leiden haben. Das spielt Eugene Boateng derart authentisch, dass man Kojos Enttäuschung geradezu selbst spürt, der erfahren muss, dass man mit Fleiß und guten Absichten auch im Paradies Deutschland keinen Zentimeter weiterkommt. Obendrein bringt sein mit kargen Einkünften finanzierter Borga-Auftritt zuhause alles andere als Anerkennung, sondern spaltet vielmehr die Familie, die ja direkt durch sein Mitwirken ausgebeutet wird. Da taugt seine Beziehung zur gutmütigen Rettungssanitäterin Lina (Christiane Paul) zurück in Deutschland allenfalls als vorübergehender Lichtblick in einer Welt, in der die Machtverhältnisse seit der Zeit des Kolonialismus zementiert sind.

Gut nur, dass uns York-Fabian Raabe in seinem ungemein vielschichtigen Drama, das gnadenlos alle Konflikte der Flüchtlingsproblematik aufdeckt und dabei trotz eindeutig eingenommener Perspektive Kojos auch die Missstände in seiner Heimat nicht ausblendet, bei aller Aufregung mit einem versöhnlichen Gefühl entlässt.

Trailer:

Bewertung: 9 von 10 Punkten

 

Related Articles