Home Film„Die Stimme von Hind Rajab“ – ein zutiefst bewegendes Zeugnis der Ohnmacht in Gaza als Fusion aus Realem und Gespieltem

„Die Stimme von Hind Rajab“ – ein zutiefst bewegendes Zeugnis der Ohnmacht in Gaza als Fusion aus Realem und Gespieltem

Autor: Tobi

"Die Stimme von Hind Rajab" Filmplakat (© Studiocanal GmbH)

Die Stimme von Hind Rajab

Darsteller: Motaz Malhees, Saja Kilani, Amer Hlehel, Clara Khoury
Regie: Kaouther Ben Hania
Dauer: 89 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.studiocanal.de/title/die-stimme-von-hind-rajab-2025
Facebook: facebook.com/ARTHAUS
Instagram: instagram.com/arthaus.de
Kinostart: 22. Januar 2026


Mit „Die Stimme von Hind Rajab“ bietet die tunesische Regisseurin und Drehbuchautorin Kaouther Ben Hania, die mit ihren Filmen „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ (2020, Oscar®-nominiert als „Bester internationaler Film“) und „Olfas Töchter“ (2023, Oscar®-nominiert als „Bester Dokumentarfilm“) schon einiges an Aufsehen erregte, ein neues Werk, das auch wieder vielbeachtet ist. Nicht nur gehören mit Brad Pitt und Joaquin Phoenix bekannte Hollywood-Schauspieler zu den Produzenten des Streifens, er gewann bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 auch den Silbernen Löwen – Großer Preis der Jury und diverse weitere Preise, die es ebenso auf Festivals wie in San Sebastián, Gent oder Chicago gab. Eine weitere Oscar®-Nominierung könnte am Starttag in unseren Kinos verkündet werden, wird die Auswahl doch am 22. Januar bekannt gegeben.

Die gezeigte Geschichte spiegelt wahre, zutiefst traurige Begebenheiten. Am 29. Januar 2024 befand sich die sechsjährige Hind Rajab mit ihrem Onkel, ihrer Tante und deren Kindern im Gaza-Streifen auf der Flucht, als ihr Auto von israelischen Truppen beschossen wurde. Alle Insassen bis auf sie starben, und Mitarbeitende des Palästinensischen Roten Halbmonds sprachen immer wieder mit dem Mädchen, während sie versuchten, eine Rettung zu organisieren. Wie das Ganze ausging, ist bekannt – nicht nur Hind starb, sondern auch die beiden schließlich nach langem Hin und Her entsandten Sanitäter.

Der Film nutzt die Original-Tonaufnahmen der Anrufe und verbindet diese mit gespielten Szenen, die das rekonstruieren sollen, was sich in der Einsatzzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds in Ramallah im Westjordanland abgespielt haben soll. Hier ist es zunächst Omar (Motaz Malhees), der über einen Anruf vom Beschuss des Autos erfährt und dem die Handynummer des Onkels mitgeteilt wird. Diese ruft er an und spricht so mit Hind, die erklärt, um sie herum würden alle schlafen und die um Hilfe bittet, da draußen weiter geschossen werde. Auf Nachfrage schildert sie Blut und es wird deutlich, dass vermutlich alle anderen im Auto tot sind. Omar informiert seinen Chef Mahdi (Amer Hlehel) über die Situation und es wird klar, dass ein Rettungswagen nur acht Fahrminuten entfernt bereit stände von der Tankstelle, an der Hind sich im Auto versteckt hält.

Da aber bereits Sanitäter in der Vergangenheit selbst zu Opfern wurden, ist Mahdi nur bereit, den Einsatz zu befehlen, wenn das Militär eine sichere Route bestätigt hat – und die Bemühungen um diese ziehen sich eine gefühlte Ewigkeit hin. In dieser sprechen der mehr und mehr emotional aufgeriebene Omar und seine Kollegin Rana (Saja Kilani) immer wieder mit dem Mädchen, versuchen sie etwas abzulenken und versprechen ihr baldige Hilfe, während Hind zwischen Trauer und Angst, auch vor der nahenden Dunkelheit, verzweifelt ist.

"Die Stimme von Hind Rajab" Szenenbild (© MIME FILMS - TANIT FILMS / Studiocanal GmbH)

Omar (Motaz Malhees) mit einem Foto von Hind Rajab
(© MIME FILMS – TANIT FILMS / Studiocanal GmbH)

„Die Stimme von Hind Rajab“ ist natürlich das Gegenteil von Popcornkino, würden einem Snacks doch schnell im Halse steckenbleiben beim Gezeigten. Der Schrecken des Krieges wird vermittelt, auf brutale Art und Weise, wobei hier keine Soldaten gezeigt werden, die Israelis nicht einmal wirklich spezifiziert werden, wenn nur von der Armee die Rede ist, von Schüssen und Panzern, die rund um das eingeschlossene Mädchen auffahren. Hier entfaltet sich das Gräuel durch das, was man hört.

Die titelgebende Stimme des Mädchens in den immer wieder eingespielten Originalaufnahmen, den denen 70 Minuten existieren, weiß unglaublich zu bewegen und man hofft so, sie würde gerettet, auch wenn man bereits weiß, dass dem nicht so war. Die Handlung spielt sich fast ausschließlich in der Einsatzzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds ab, wo Mahdi als Leitender vom erst hoffnungsvollen, dann immer mehr verzweifelnden Omar immer wieder unter Druck gesetzt wird, endlich die Retter loszuschicken, was zu einer bis ins Körperliche gehenden Auseinandersetzung führt. Die Wartezeit auf grünes Licht für einen sicheren Korridor ist unerträglich lang, und Omar geht emotional bald auf dem Zahnfleisch, so dass es gut ist, dass er immer wieder mal an Rana übergeben kann, die eigentlich bereits nach Hause gehen wollte, als das erste Telefonat mit Hind begann. Auch sie wird natürlich ergriffen, woraufhin auch die etwas ältere Nisreen Jeries Qawas (Clara Khoury) noch mit eingreift.

Motaz Malhees, Saja Kilani, Amer Hlehel und sie spielen alle stark und der Film verfehlt seine Wirkung keinesfalls, die Ohnmacht widerzuspiegeln, die existiert, wenn im Krieg blinde Gewalt herrscht. Der zutiefst bewegende Streifen kann niemanden kalt lassen, und doch sind die Diskussionen darüber verständlich, ob eine Vermischung aus realen Aufzeichnungen wie Hinds Stimme und später auch Handyvideos aus der Zentrale mit Thriller-artig dramatischen Spielfilmszenen nicht etwas fragwürdig ist. In diesem Fall ist es aber vielleicht genau das richtige Mittel, um diese grausame Geschichte zu erzählen, die mit im Februar 2024 nach dem Rückzug der israelischen Armee aufgenommenen Bildern des von 355 Kugeln getroffen Autos wie auch des übelst zerstörten Rettungswagens endet, was einem einmal mehr den Atem abschneidet und einen fassungslos zurück lässt.

Trailer:

Bewertung: 8 von 10 Punkten

 

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