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“Die dunkelste Stunde” – der weit bessere Churchill-Film

Autor: Tobi

Die dunkelste Stunde

Die dunkelste Stunde

Darsteller: Gary Oldman, Stephen Dillane, John Hurt, Lily James, Ben Mendelsohn
Regie: Joe Wright
Dauer: 125 Minuten
FSK: freigegeben ab 6 Jahren
Website: upig.de/micro/die-dunkelste-stunde
Facebook: facebook.com/dunkelste.Stunde.DE


Er hat weder einen runden Geburtstag noch Todestag, und doch hat die Filmwelt plötzlich Gefallen daran gefunden, sich dem legendären britischen Premierminister Winston Churchill zu widmen, der Großbritannien gleich zweimal politisch anführte und 1965 verstarb. Letztes Jahr bereits sahen wir Brian Cox in Jonathan Teplitzkys eher misslungenem Biopic als “Churchill”, nun folgt mit “Die dunkelste Stunde” von Regisseur Joe Wright (“Stolz und Vorurteil”, “Abbitte”, “Anna Karenina”) ein weit besserer Film über den historisch wichtigen und doch so umstrittenen britischen Staatsmann.

Während Teplitzky einen eher planlos und profillos agierenden Dickkopf mit Hang zu falschen Entscheidungen gegen Ende des zweiten Weltkriegs mit zu viel Gefühlspathos präsentierte, sehen wir in Wrights Film den für ihn gar nicht zwingend erhofften Aufstieg eines Eigenbrötlers mit jeder Menge Marotten zum führenden Politiker des Königreichs und eine wichtige Phase zu Beginn des Kriegs.

Als im Mai 1940 Premierminister Chamberlain (Ronald Pickup) zurück tritt, der den sich rasant ausbreitenden deutschen Nazis kein Kontra bieten konnte, gibt es nur wenige potentielle Nachfolger. Winston Churchill (Gary Oldman) ist einer davon, allerdings eher unpopulär auf Grund seines kauzigen, cholerischen Wesens. Nicht mal er selbst scheint sich so richtig leiden zu können, doch nur seine Frau Clementine (Kristin Scott Thomas) blickt hinter seine raue Fassade und ist die wichtigste Stütze für den mit 65 Jahren längst nicht mehr jugendlichen Politiker. Nur weil Lord Halifax (Stephen Dillane) die politische Lage zu aussichtlos erscheint und er daher ablehnt, Verantwortung zu übernehmen, wird Churchill berufen und bildet eine Allparteienregierung, in der er neben dem Amt des Premierministers auch das des Verteidigungministers übernimmt.

Zeit für einen gemächlichen Einstieg bleibt nicht, denn die Lage ist ernst, und selbst König George VI. (Ben Mendelsohn) strahlt wenig Optimismus aus. Die Nazis überrennen ein Land nach dem anderen, die alliierten Streitmächte stoßen an ihre Grenzen, und auch das britische Militär scheint in einer fast aussichtslosen Misere. Dazu kommt, dass die Nazis das gesamte Expeditionskorps des Vereinigten Königreichs mit über 200.000 britische Soldaten an den Stränden von Dünkirchen in Frankreich einkesseln konnten. Da eine Evakuierung kaum machbar ist, wird Churchill gleich zu Amtsantritt sowohl von der Öffentlichkeit als auch von seinen Regierungsmitgliedern bedrängt, einen Friedenspakt mit Deutschland zu verhandeln. Da ihm jedoch klar ist, dass Großbritannien damit jegliche Unabhängigkeit verlieren und sich zu Hitlers Schoßhund machen würde, wehrt er sich gegen das, was für ihn einer Kapitulation gleich käme, will lieber für die Freiheit seiner Nation kämpfen.

Joe Wright hat es in “Die dunkelste Stunde” geschafft, Churchill klischeefrei mit der richtigen Mischung aus Schwächen, Stärken und innerer Zerrissenheit zu zeigen, in den ersten Tagen seiner Amtszeit, die schwieriger nicht hätten sein können. Das Drehbuch von Anthony McCarten beschert uns eine packende Geschichte, die auch mit über zwei Stunden nie langatmig wird und hierbei weit mehr ist als ein Biopic. In ihrem Mittelpunkt stehen hierbei drei Reden, die Churchill zwischen Mai und Juni 1940 schrieb und hielt, und die ihm das politische Profil verliehen, was ihm vorher fehlte.

Gary Oldman wird nicht umsonst als Oscar®-Anwärter gehandelt, spielt den Zigarre rauchenden und nicht erst abends dem Alkohol zugewandten, stark übergewichtigen Choleriker großartig, nahm dafür ja auch gerade erst den Golden Globe als “Bester Hauptdarsteller – Drama” mit nach Hause. Neben ihm weiß vor allem Ben Mendelsohn mal wieder zu begeistern, die Gespräche zwischen Churchill und seinem König sind hintergründig und unterhaltsam. Auch Ronald Pickup ist zu erwähnen, spielt den immer noch politisch einwirkenden Ex-Premier Neville Chamberlain stark. Ganz nebenbei erzählt der Film auch die Hintergründe zu Christopher Nolans 2017er-Erfolgsfilm “Dunkirk” – hier ergänzen sich also zwei bemerkenswerte Filme.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

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