
Silent Friend
Darsteller: Tony Leung, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth
Regie: Ildikó Enyedi
Dauer: 147 Minuten
FSK: freigegeben ab 6 Jahren
Website: www.pandorafilm.de/filme/silent-friend.html
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Kinostart: 15. Januar 2026
Mit „Silent Friend“ legt die ungarische Regisseurin und Drehbuchautorin Ildikó Enyedi ein neues Werk vor, die man vor allem für ihr Melodram „Körper und Seele“ aus dem Jahr 2017 kennt, das bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde und als „Bester fremdsprachiger Film“ Oscar®-nominiert war. Nun also präsentiert sie uns in der deutsch-ungarischen Koproduktion einen stillen Freund, und dieser ist die Natur, die in den drei gezeigten Episoden des Films ebenso verbindendes Element ist wie die Universität von Marburg.
Hier will der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung) aus Hongkong im Jahr 2020 eigentlich über seine Forschungen der kognitiven Entwicklung von Babys lehren, als die Covid-19-Pandemie die altehrwürdigen Gebäude zu verlassenen macht. Nach Videocall-Austausch mit der französischen Botanikerin Alice (Léa Seydoux) nutzt er im Kampf gegen Langeweile seine Zeit dann damit, einen majestätischen Ginkgobaum im botanischen Garten der Uni genauer zu untersuchen, als er – vom neben ihm einzig hier noch verbliebenen Hausmeister Anton (Sylvester Groth) kritisch beäugt – Sensoren an den Baum haftet, um Aufzeichnungen von dessen inneren Aktivitäten zu generieren.
Doch wir verbleiben nicht nur in der jüngeren Gegenwart, sondern springen auch immer wieder in die Historie der Universität. Im Jahr 1908 wird die ebenso intelligente wie engagierte Grete (Luna Wedler) zur ersten weiblichen Studentin an der Universität, und nachdem sie nicht nur die eher herabwürdigenden Blicke und Worte der ausschließlich männlichen, selbstverliebt auftretenden Verantwortlichen verdrängt hat, lebt sie so richtig auf und entdeckt nicht nur mit in einem Nebenjob gewonnener Leidenschaft für Fotografie noch mehr Faszination für die Natur.
Die dritte Zeitebene nimmt uns mit in die frühen 70er-Jahre, als der neue Student Hannes (Enzo Brumm) sich erst unter den schon länger hier Studierenden zurecht finden muss und sich hierbei schnell in die attraktive Gundula (Marlene Burow) verknallt. Diese zeigt zwar keine kalte Schulter, nutzt ihn dann aber während eines Urlaubs mit den anderen aus der Clique als Pfleger ihrer im Studentenheim am Fenster stehenden Geranie – und Hannes findet in seiner plötzlichen Einsamkeit Wege, mit der Pflanze zu kommunizieren und sie sogar Aktionen auslösen zu lassen.

Im Jahr 1908 treffen die Studenten Grete (Luna Wedler) und Thomas (Johannes Hegemann) an der Uni Marburg aufeinander
(© Lenke Szilágyi / Pandora Film)
„Silent Friend“ ist ein sehr schöner Film, der immer wieder zwischen seinen Handlungsebenen hin und her springt und uns dabei zusammen mit den ProtagonistInnen der Natur immer näher kommen lässt, die jeweils durch Technik in ganz neuem Licht betrachtet wird. Der imposante Ginkgobaum – ein weiblicher, wie wir lernen, da er im Herbst stinkt – findet sich als optischer Anker in allen drei Episoden, und doch spielt er nur bei der aktuellen mit dem pandemiegestrandeten Tony eine größere Rolle.
Poetisch und detailverliebt wird die Natur eingebracht, wenn Kameramann Gergely Pálos Elemente wie Äste oder Blätter in den Vordergrund rückt und der Mensch hin und wieder unscharf das schmückende Beiwerk im Hintergrund wird, während er dann wieder voll im Fokus steht und es auch nicht nur um Pflanzen geht, sondern um Gretes Emanzipation als erste Studentin der Uni, um Hannes‘ Verliebtsein oder um Tonys entspannte Fokussierung. Die Bilder spiegeln ansonsten ihre Zeit bestens unterscheidbar wider – 1908 in Schwarz-Weiß, 1972 körnig farbig und 2020 dann scharf.
Die drei Episoden nehmen einen alle auf ihre ganz besondere Art und Weise gefangen, was auch an der toll spielenden internationalen Besetzung liegt. Luna Wedler, die hier auch mal in der Natur tanzt, wurde bei der Weltpremiere des Films im Rahmen der 82. Internationalen Filmfestspiele von Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis als „Beste Nachwuchsdarstellerin“ ausgezeichnet – eine schöne Ehre, auch wenn wir hierzulande die jetzt 26-jährige Schweizerin dank zahlreicher Filme und guter Leistungen schon längst nicht mehr als Nachwuchs betrachten. Darüber hinaus erhielt „Silent Friend“ in Venedig den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik sowie vier weitere Auszeichnungen unabhängiger Jurys. Ein toller Film, der mit Story, Machart und Besetzung zu überzeugen weiß.
Trailer:
Bewertung: 9 von 10 Punkten

