
Sentimental Value
Darsteller: Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning
Regie: Joachim Trier
Dauer: 133 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
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Kinostart: 4. Dezember 2025
Dass der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Joachim Trier sich mit tiefergehenden Beobachtungen menschlicher Charaktere bestens versteht, das weiß man von Filmen wie dem Mystery-Thriller „Thelma“ (2017) oder der melancholischen Komödie „Der schlimmste Mensch der Welt“ (2021), die beide von Norwegen für einen Oscar® in der Kategorie „Bester internationaler Film“ eingereicht wurden, wobei es Letzter auch unter die Nominierten schaffte, was auch für das „Beste Originaldrehbuch“ galt.
Für die norwegische Schauspielerin Renate Reinsve, die 2011 in Triers „Oslo, 31. August“ debütierte, war „Der schlimmste Mensch der Welt“ der große internationale Durchbruch, mit u.a. einer Auszeichnung als „Beste Darstellerin“ in Cannes und vielen Nominierungen. In Aaron Schimbergs „A Different Man“ gab sie 2024 ihr Hollywood-Debüt, war zudem in der Serie „Aus Mangel an Beweisen“ neben Jake Gyllenhaal zu sehen, und mit Chiwetel Ejiofor dreht sie gerade für A24 den Science-Fiction-Horror-Film „The Backrooms“. Zunächst sehen wir sie aber wieder in einem Streifen von Joachim Trier, der noch für einiges Aufsehen sorgen wird, wurde „Sentimental Value“ doch bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, erhielt diverse weitere Ehrungen und gilt auch für die großen kommenden Award-Verleihungen als einer der Favoriten – acht Nominierungen beim Europäischen Filmpreis und neun bei den Astra Film Awards stehen schon fest, weitere werden folgen. Warum? Weil „Sentimental Value“ einfach rundum gelungen ist.
Reinsve sehen wir als Nora, die ebenso wie ihre Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) kein gutes Verhältnis zu Vater Gustav Borg (Stellan Skarsgård) hat, dem als einst erfolgreichem Filmemacher seine Arbeit immer wichtiger war als die Familie, die er verließ, als die Mädchen noch klein waren. Nun aber ist Mutter Sissel verstorben, und nach längerer Funkstille kommt es somit automatisch wieder zum Kontakt. Für Agnes, die mit Job, Ehemann und Kind einen nicht unüblichen Weg eingeschlagen hat, stellt dies weniger ein Problem dar. Nora aber, die in einem wenig stimmungsvoll eingerichteten Hochhausapartment wohnt, sich eher als beziehungsunfähig ansieht und eine Schauspielkarriere am Theater verfolgt, möchte ihrem Vater am liebsten nicht begegnen. So verläuft das Aufeinandertreffen auch sehr reserviert.
Als Gustav sie dann aber zu einem Gespräch bittet und ihr offenbart, dass er ein Drehbuch geschrieben habe, das er als wirklich gut erachtet, und gerne die Hauptrolle mit ihr besetzen wolle, da lehnt Nora umgehend ab. Das Skript lässt er, der im Projekt eine Chance auf den Weg zurück zu altem Ruhm sieht, ihr zum Nachdenken trotzdem da. Auch wenn sie sich zunächst weigert, es zu lesen, so tun dies andere und so erfährt sie, dass es sich um eine autobiografische Geschichte über seine Mutter handelt, die sich einst traumatisiert von Nazi-Folter während des Kriegs das Leben nahm. Drehort soll dann auch das über Generationen der Familie gehörende Elternhaus mit der schönen, besonderen rot-braunen Holzfassade sein, weil es inhaltlich passt und weil es ihm noch gehört.
Da Nora sich nicht umstimmen lässt, nimmt Gustav schließlich die große Chance wahr, die Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) für die Rolle zu verpflichten, die er während einer Retrospektive seiner Filme in Frankreich kennen lernt. Die Dreharbeiten im alten Holzhaus am Rande von Oslo sorgen dann aber wieder für räumliche Nähe zu den Töchtern und Gustav versucht, das zerbrochene Verhältnis zu ihnen vielleicht doch noch wieder herzustellen, während Nora immer mehr versteht, dass er das Drehbuch ihr auf den Leib geschrieben hatte – und die engagierte, sich aber irgendwann deplatziert fühlende Rachel nimmt dann während der Arbeit am Film auch immer mehr von ihrem Aussehen an.

Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas
(© Kasper Tuxen Andersen)
Erzählerisch gekonnt und mit nötiger Ruhe nimmt uns Joachim Trier in „Sentimental Value“ mit in die interfamiliär herrschenden Spannungen, die vor allem zwischen Nora und ihrem Vater Gustav in jeder Sekunde spürbar sind. Auch wenn er beim durch den Tod seiner Ex-Frau kaum vermeidbaren Wiedersehen versucht, Normalität zu suggerieren, diese herrscht absolut nicht, kann ihm Nora doch nie verzeihen, dass er einst als erfolgreicher Lebemann seine Partnerin und die beiden jungen Töchter einfach sitzen ließ.
Ihr selbsterklärte Beziehungsunfähigkeit führt sie auf das damals hierdurch erlittene Trauma zurück, und auch Schwester Agnes hatte schwer gelitten, auch wenn sie sich nun ein normales Familienleben aufgebaut hat. Doch die nun erwachsenen Frauen sind nicht die einzigen, bei denen alte Erlebnisse tiefe Wunden gerissen haben, wie sich herausstellen soll. Auch Gustav war nicht immer der das Leben genießende Selbstüberzeugte, für den man ihn schnell halten könnte. Behutsam führt uns Trier in die Charaktere ein und malt sie ganz hervorragend aus, was dadurch begünstigt wird, dass Renate Reinsve, Stellan Skarsgård und Inga Ibsdotter Lilleaas allesamt zu brillieren wissen, man ihnen jede Gefühlsregung abkauft. Da wird eine Elle Fanning als viel gesehene Hollywood-Akteurin schnell zur Randfigur, die aber ebenfalls noch stark spielt.
Das von Trier wie bei „Der schlimmste Mensch der Welt“ mit Eskil Vogt verfasste Drehbuch liefert die Grundlage für einen Film, der in die Tiefe geht und zu bewegen weiß, wundervoll erzählt, toll untermalt mit einem Score von Hania Rani und ausgestattet mit starken Bildern, die auch die Bedeutung des Familienhauses als Erinnerungsort unterstreichen, passend zu einigen Rückblenden und gewürdigt mit einer grandiosen Einstiegsszene über bewegte Zeiten der Villa. Dazu wird am Rande noch ein kleiner Blick auf die heutzutage immer komplizierter gewordene Filmindustrie geworfen – und nun könnte gerade die Kunst einer filmischen Aufbereitung zerbrochene Familienbande vielleicht wieder zu kitten beginnen. „Sentimental Value“ weiß schlichtweg in allen Punkten zu überzeugen, bis zu seinem gelungenen Finale hin – ein Meisterwerk.
Trailer:
Bewertung: 10 von 10 Punkten

