
Lurker
Darsteller: Théodore Pellerin, Archie Madekwe, Sunny Suljic, Daniel Zolghadri
Regie: Alex Russell
Dauer: 100 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.upig.de/micro/lurker
Facebook: facebook.com/UniversalPicturesDE
Instagram: instagram.com/universalpicturesde
Kinostart: 18. Dezember 2025
Alex Russell hat schon mit seinen Drehbüchern für Episoden der Serien „The Bear“ und „Beef“ in der Vergangenheit bewiesen, dass er sich mit authentischer Aufarbeitung gesellschaftsrelevanter Themen wie etwa familiäres Engagement oder Gewalteskalation bestens auskennt. Mit seinem Regiedebüt „Lurker“ fühlt er nun unheimlich vielschichtig den Puls der Zeit, wenn er sich in die Blase der Promis begibt und mit seinem Protagonisten in den Dunstkreis des angesagten Musikers Oliver (Archie Madekwe) eintaucht.
Der nämlich steht samt Entourage eines Tages zufällig im Klamottenladen von Verkäufer Matthew (Théodore Pellerin) und kann sich über einen Mangel an Selfie-Anfragen seiner Bewunderer nicht beklagen, die er mit seinem ganzen Habitus sichtlich genießt. Ob Matthew auch zu denen zu zählen ist, oder tatsächlich rein zufällig mit seiner spontan aufgelegten Nile-Rodgers-Musik Olivers Geschmack trifft, bleibt ungeklärt. Ein Einstieg in ein Gespräch jedenfalls ist dadurch geschaffen, das über die Fachsimpelei über den gemeinsamen ausgefallenen Musikgeschmack schnell zu einer Einladung auf Olivers nächstes Konzert führt.
Und obwohl Russell das wie ein lockeres Schwätzchen unter Kumpels inszeniert, lässt er schon da bei Matthew einen guten Teil Anbiederung mitschwingen. Die soll dann fast Fremdscham-Niveau erreichen, wenn der sich, vor dem Konzert endlich Backstage zu Olivers Runde vorgelassen, in einer Mischung aus Mutprobe und Verarschung vor versammelter Mannschaft erniedrigen lässt. Immerhin gewinnt er durch seine schlagfertige Reaktion wenn schon nicht den Respekt des engen Freundeskreises, dann doch zumindest den Zugang zum Dunstkreis des gefeierten Stars, und sei es zunächst nur als eine Art Hofnarr und Lakai, der „sich einfach nützlich machen soll“.
Trotzdem scheint es für Matthew das höchste der Gefühle zu sein, statt im Kleiderladen plötzlich mit dem Star und seinem Gefolge in dessen Luxusvilla abhängen zu dürfen, wo Geld keine Rolle spielt und seine einzige Aufgabe darin besteht, Oliver und seinen Leuten zur Hand zu gehen. Doch dabei soll es nicht bleiben, findet der Musiker doch bald Gefallen an dem etwas nerdigen Neuzugang, den er in Gesprächen zu seinem Vertrauten macht und sogar mit dem Projekt einer Backstage-Doku über sein Leben im Musikbusiness betraut. Dabei gibt es in Noah (Daniel Zolghadri) ja schon einen hauseigenen Videobeauftragten, der seine Stellung prompt durch Matthew bedroht sieht.

(© MUBI)
Es ist schon da großes Kino, wie fein Russell in seiner Milieustudie das Ringen um die Gunst des Künstlers in dessen völlig entrücktem Umfeld beobachtet, wo jedes Abtreten von Privilegien an einen Nebenbuhler existenzgefährdend ist, und alles einzig von den Launen des eingebildeten Musikers abhängt. Richtig tiefgründig aber wird der Streifen erst, als eine simple Erwähnung auf dem Account des Stars ausreicht, um den gerade noch gänzlich unbedeutenden Matthew bekannt zu machen, der fortan von Groupies auf der Straße angesprochen wird und sich in seinem Ruhm in Olivers Fahrwasser sonnen kann. Ein durchaus authentischer, kritischer Blick auf die völlig verrückte Social-Media-Welt, in der sich alle über Likes und Follower definieren.
Die Kehrseite der Medaille aber lernt auch Matthew schmerzhaft kennen, als Oliver ausgerechnet bei einem Touraufenthalt in London das Interesse an ihm verliert, er im schnelllebigen Promigeschäft unvermittelt nichts mehr wert ist und er schließlich desillusioniert zu einem Druckmittel gegenüber dem launischen Star greift, um auch weiterhin von dessen Ruhm profitieren zu können. Mit beeindruckendem Soundtrack und einer Menge Einfühlungsvermögen macht Russell hier mit der abgrundtiefen Ernüchterung Matthews seinen Film auch noch zum packenden Psychothriller, bei dem das Verfolgen des anschließenden Machtgerangels zwischen Oliver und Matthew eine wahre Freude ist.
Das alles spielt der großartige Théodore Pellerin unheimlich nuanciert mit unaufgeregter Miene, aus der wir kleinste Gefühlsregungen lesen können und so unweigerlich Zugang zu Matthews Gedankenspielen bekommen. Dem aber steht Archie Madekwe fast in nichts nach, der das Dilemma seines von allen hofierten Oliver deutlich macht, in seiner Starblase Realität und echte Werte vollkommen aus den Augen verloren zu haben. So wird Alex Russells „Lurker“ zu einem beeindruckenden Debüt, das nicht nur ungeheuer facettenreich aktuelle Medienphänomene ins Visier nimmt, sondern mit seinen bösen Psychospielchen bis zum Ende fesselt.
Trailer (englisch):
Bewertung: 9 von 10 Punkten


