
A Missing Part
Darsteller: Romain Duris, Judith Chemla, Mei Cirne-Masuki, Tsuyu
Regie: Guillaume Senez
Dauer: 98 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.filmkinotext.de/a-missing-part-et.html
Instagram: instagram.com/filmkinotext
Kinostart: 2. April 2026
Guillaume Senez war gerade mit seinem Hauptdarsteller Romain Duris auf Promo-Tour unterwegs in Japan für ihre vorhergehende Zusammenarbeit „Unsere Kämpfe“ (2018), als den beiden die Idee für ein weiteres gemeinsames Filmprojekt kam. Schon bei seinen beiden vorigen Filmen vom Thema Vaterschaft umtrieben, stieß Senez zusammen mit Duris bei der Themensuche schnell auf tragische Schicksale französischer Auswanderer, denen in Japan das Umgangsrecht mit ihren Kindern komplett verwehrt wird. Ganze acht Jahre der Recherche und Realisation und nicht zuletzt auch eine ausbremsende Pandemie später präsentiert uns das Gespann jetzt mit dem berührenden Drama „A Missing Part“ das Resultat ihrer Bemühungen, das genauso einfühlsam wie nachdrücklich ein Licht auf das dringend reformbedürftige japanische Familienrecht wirft.
Wir lernen den bestens assimilierten Franzosen Jay (beeindruckend fließend Japanisch parlierend: Romain Duris) kennen, der ruhig als Taxifahrer seine Bahnen durch Tokio zieht. Mehr oder weniger zufällig trifft er auf seine Landsfrau Jessica (Judith Chemla), die er beschwichtigend vor sich selbst zu schützen versucht, als sie ungehalten vor einem fremden Haus randaliert. Erst da erfahren wir, dass es ihm einst ähnlich erging und seine unheimlich beherrschte Haltung erst das Ergebnis eines jahrelangen Lernprozesses ist. Das Glück des damaligen Chefkochs schien da noch perfekt, das Leben mit seiner Frau Keiko und Töchterchen Lily eine tägliche Freude. Doch jetzt hat er Lily ganze neun Jahre nicht mehr gesehen, seit Keiko ihn plötzlich mit der Dreijährigen verlassen hat, und das Taxifahren ist vielleicht ein letzter verzweifelter Versuch, seine inzwischen deutlich herangewachsene Tochter irgendwo wiederzusehen.
Und trotz oder vielleicht sogar wegen des anfänglichen feinfühligen Psychogramms des bemitleidenswerten Protagonisten sind wir unvermittelt mittendrin in der Materie, weil auch Jessica nicht überraschend bei den japanischen Behörden auf Granit beißt, wenn sie einfach nur ihren beim japanischen Vater befindlichen Sohn sehen will. Und wie wir von Jays Bekannter, der in einer Beratungsstelle engagierten Anwältin Michiko (Tsuyu), lernen, geht in Japan das Sorgerecht mit der Trennung automatisch komplett auf das dann betreuende Elternteil über, Kindeswohl hin oder her.

(© Film Kino Text)
Um Jay und Jessica bildet sich eine kleine Selbsthilfegruppe, die mit geteiltem Leid und regelmäßigen Besäufnissen die schmerzvolle Situation ein wenig erträglicher macht, als der Filmzufall plötzlich die kleine, gerade mit gebrochenem Fuß gehbehinderte Lily (Mei Cirne-Masuki) als Fahrgast zu allmorgendlichen Fahrten in Jays Taxi weht. Ob es nun Vaterinstinkt ist oder einfach nur Wunschdenken, dass es sich dabei um seine Tochter handelt, nach ersten dezenten Hinweisen und etlichen Touren mit zarter Annäherung verschafft uns Regisseur Senez schließlich Gewissheit, die sowohl Jay als auch Lily vor enorme emotionale Herausforderungen stellt.
Aus der Sicht des schon jahrelang gepeinigten Jay erzählt Senez hier feinfühlig von Sehnsucht, Schmerz und absoluter Hilflosigkeit, die angesichts des tragischen Schicksals des französischen Taxifahrers inklusive innerlich brodelndem Groll auf das dringend reformbedürftige System nur allzu nachvollziehbar sind. Gut, dass er mit dem Auftauchen von Lily auch die Kindesperspektive ins Bild setzt, die nicht selten von ähnlichem Leid geprägt ist. Trotz eindeutiger, wenn auch empörender, Gesetzeslage schließen Vater und Tochter während der Taxifahrten einen Pakt, der den sonst so kontrollierten Jay zu einer folgenschweren Kurzschlussreaktion verleitet.
Das alles spielt Romain Duris ungemein berührend und fängt Senez in stimmungsvollen, meist melancholischen Bildern ein, die Jays Gefühle bestens wiedergeben. Da wirkt die Geschichte der Leidensgenossin Jessica, die sicherlich die zentrale juristische Problematik verdeutlicht, fast ein wenig überflüssig, hätte doch die sich dadurch etwas zu langsam aufbauende Vater-Tochter-Beziehung locker ausgereicht. So aber erwartet uns zumindest beim hinten raus immer stärker werdenden Drama ein unheimlich herzergreifendes Ende.
Trailer:
Bewertung: 8 von 10 Punkten

