Home Film “Sick of Myself” – aktuelle Aufmerksamkeitsdebatte im schön sarkastischen Gewand

“Sick of Myself” – aktuelle Aufmerksamkeitsdebatte im schön sarkastischen Gewand

Autor: Mick

"Sick of Myself" Filmplakat (© MFA+ FilmDistribution)

Sick of Myself

Darsteller: Kristine Kuljath Thorp, Eirik Sæther, Fanny Vaager, Sarah Francesca Brænne
Regie: Kristoffer Borgli
Dauer: 95 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.mfa-film.de/kino/id/sick-of-myself
Facebook: facebook.com/mfa.filmdistribution


Endlich einmal wähnt sich Kellnerin Signe (Kristine Kuljath Thorp) ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit, als sie komplett blutverschmiert von der Arbeit kommt. Was für ein Einstieg vom Norweger Kristoffer Borgli in seine bitterböse Satire „Sick of Myself“, der hier zusammen mit den Produzenten des ebenso anregenden wie erfolgreichen „Der schlimmste Mensch der Welt“ (2021) mit seinem kleinen aber feinen Streifen alles andere als Mainstreamware vorlegt. Das sollte eigentlich schon mit der Anfangssequenz klar sein, die reichlich verstörend wirkt aber zugleich ausreichend Stoff zum Nachdenken liefert.

Warum zieht sich Signe nicht sofort um, nachdem sie die verunfallte Kundin vor dem sicheren Verbluten gerettet hat, sondern schlendert mit beinahe stolzgeschwellter Brust in ihrer durchtränkten Bluse nach Hause? Diese Frage soll einem schnell beantwortet werden, läuft doch die von ihr genauso schön gedachte Inszenierung ihrer Ankunft zuhause erstmal voll ins Leere, und nimmt ihr Freund Thomas (Eirik Sæther) mal wieder kaum Notiz von ihr. Da ist ihre Enttäuschung selbstverständlich groß, auch wenn der dann im erfolgreichen zweiten Anlauf tatsächlich wahre Anteilnahme erkennen lässt. Das ist fast schon zu viel der Wertschätzung, ist der Künstler Thomas, der mit seinen aus zusammengeklauten Möbeln erstellten Objekten kurz vor dem Durchbruch steht, schon seit geraumer Zeit gefangen in seiner Blase avantgardistischen Schaffens, die kaum einen Blick nach draußen erlaubt. Das nimmt natürlich auch Signe wahr, die mehr und mehr in seinem größer werdenden Schatten steht und jetzt dringend nach Möglichkeiten sucht aus diesem herauszutreten.

Borgli inszeniert seine Exposition nach dem anfänglichen Schock angenehm feinsinnig, nimmt uns mit in Signes Gedankenwelt, an der uns Kristine Kuljath Thorp so schön teilhaben lässt, auch wenn sie erstmal nur schwer nachzuvollziehen ist. Sie erschließt sich jedoch mit jedem entrückt versnobten Kunstgespräch mehr, dem Signe mal wieder nur als Zuschauerin beiwohnen darf. Da wundert es dann auch kaum, dass sie bei erster Gelegenheit spektakulär einen anaphylaktischen Schock simuliert und damit urplötzlich die ungeteilte Aufmerksamkeit der gediegenen Dinnerrunde genießt. Diese Ablenkung ist aber gar nicht in Thomas‘ Sinne, der gerade mit seiner Vernissage reüssieren will und als eigentlicher Mittelpunkt des Essens vorgesehen war. Und schon befinden wir uns mitten in einem unterbewussten Bieterwettstreit des Pärchens, in dem Signe ganz und gar nicht unterbewusst noch substantiell nachlegen kann.

"Sick of Myself" Szenenbild (© Oslo Pictures)

Signe (Kristine Kujath Thorp)
(© Oslo Pictures)

Im Netz nämlich entdeckt sie Meldungen über mysteriöse russische Medikamente, die als Nebenwirkung böseste Hautdegenerationen auslösen sollen. Die mitgelieferten Bilder sind genauso eklig wie eindrucksvoll, und so ist das Zeug schnell beschafft und immer überdosierter eingenommen, als sich die erwünschten Effekte zunächst einmal nicht einstellen wollen. Das rückt Borgli wunderbar sarkastisch ins Bild, machen wir belustigt große Augen, als wir Zeuge werden, wie Signe einem Spiel gleich Unmengen des fatalen Präparats schluckt. Und das soll dann auch nicht folgenlos bleiben, ist ihr Körper schon nach kurzer Zeit mit üblen Geschwüren übersät, und vor allem ihr Gesicht dadurch komplett entstellt. Damit allerdings hat sie endlich ihr Ziel erreicht, ist sofort in aller Munde und kennt die Anteilnahme im Netz keine Grenzen.

Ähnlich wie der Schwede Ruben Östlund, der uns vor kurzem in seinem bissigen „Triangle of Sadness“ so wunderbar auf soziale Missstände aufmerksam machte, legt Regisseur Kristoffer Borgli seinen Finger in die Wunden der Gesellschaft. In der zählen inzwischen in gewissen Kreisen Likes und Follower mehr als warme Worte oder eine Umarmung, und versucht man deshalb immer mehr, möglichst große Aufmerksamkeit zu erregen. Dass das wie in Signes Fall zu Lasten der Gesundheit geht, ist natürlich überzogen und mag in dem Ausmaß psychotisch sein, seiner Kritik am allgemeinen Geltungswahn über Soziale Medien aber verleiht Borgli in seinem amüsanten Psychostück mit einer wohldosierten Prise Bodyhorror überaus unterhaltsam Ausdruck.

Trailer:

Bewertung: 6 von 10 Punkten

 

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