
Staatsschutz
Darsteller: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Arnd Klawitter, Alev Irmak
Regie: Faraz Shariat
Dauer: 113 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.staatsschutz-film.de
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Instagram: instagram.com/plaionpictures
Kinostart: 27. August 2026
Nach seinem autofiktionalen, queeren Migrantendrama „Futur Drei“ (2020) hat sich Regisseur Faraz Shariat in seinem zweiten Spielfilm „Staatsschutz“ jetzt das deutsche Justizsystem vorgenommen, das er unter dem Eindruck des gesellschaftlichen Rechtsrucks und wiederholter Affären in der Strafverfolgung mit einer guten Portion Wut unter die Lupe nimmt. Zwar ist das Drehbuch der Autorinnen Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim rein fiktiv, die Liste der Skandale in den deutschen Behörden – Fälle wie der des im Polizeigewahrsam gestorbenen Oury Jalloh oder die NSU-Morde sind uns allen wohl noch sehr präsent – jedoch ist lang, und so sind auch die Verfahren im Film weitgehend von realen inspiriert.
Im Mittelpunkt steht die junge Juristin Seyo (Chen Emilie Yan), die kurz nach dem Abschluss voller Idealismus in ihre Karriere bei der Staatsanwaltschaft in der ostdeutschen Provinz startet. Schon wegen ihres eigenen, kaum zu übersehenden Migrationshintergrunds ist ihr jegliche Form von Rechtsradikalismus zuwider, und doch sieht man die korrekte Staatsanwältin eingangs ein Verfahren gegen einen Neonazi wegen Mangels an Beweisen einstellen. Schließlich gilt es auch für die ambitioniert-angepasste Seyo, die vielgepriesene Objektivität der deutschen Gerichtsbarkeit aufrechtzuerhalten.
Schon bald aber fällt ihr auf, dass es mit der auch im eigenen Haus nicht weit her ist, und die Verfolgung rassistisch motivierter Straftaten allzu oft merkwürdig nachlässig gehandhabt wird. Sie reagiert mit rigorosem Vorgehen im Gerichtssaal und zieht sich damit schnell den Unmut des örtlich etablierten braunen Sumpfs zu. Dass der zu allem fähig ist, spiegelt Regisseur Shariat schon mit den Inhalten diverser Gerichtsverfahren, und so überrascht es kaum, dass schließlich Seyo selbst auf ihrem Fahrrad Opfer eines heimtückischen Brandanschlags wird.
Eine frühe Zäsur im Film, der mit der Transformation von allgemeiner Empörung zu persönlicher Betroffenheit augenblicklich eine Nähe zu der Thematik herstellt, die uns unmittelbar in die Ermittlungen der queeren, koreanischstämmigen Seyo innerhalb des rechtsradikalen Netzwerks involviert. Die inszeniert Shariat fesselnd, fängt die Beunruhigung hinter den Mauern des grauen Brutalismusbaus der Staatsanwaltschaft wunderbar ein, wenn die jetzt aufgebrachte Seyo zusammen mit ihrer engagierten Opferanwältin Alexandra (Julia Jentsch) in ihren Kreuzzug für die Gerechtigkeit startet.

Rechtsanwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch) und Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan)
(© Lotta Kilian, Jünglinge Film)
Und bei dem stoßen die beiden bald auf ungeahnte interne Widerstände, die vom wenig kooperativen Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) hartnäckig geleugnet werden. Dessen Warnungen sind ein Grund mehr für die nachvollziehbar zunehmend wütende Seyo, von Chen Emilie Yan mittlerweile mit sehenswerter Ambivalenz zwischen Prinzipientreue und aufkommender Besessenheit gespielt, für die Recherchen legale Wege zu verlassen und sich Zugang zum Archiv der Ermittlungsbehörde zu verschaffen. Spätestens als die Akten alter Verfahren allerlei Widersprüche zutage fördern und Seyo bei ihren verbotenen Ermittlungen ertappt wird, hat der Streifen wahren Thrillercharakter, den Shariat anschließend weiter befördert.
Denn er lässt seine gegen das System aufbegehrende Protagonistin nur kurze Zeit später auch noch Opfer gezielt eingesetzter, widerlicher Polizeigewalt werden, mit der er unsere Erschütterung in Erinnerung der realen Fälle auf die Spitze treibt. Statt eingeschüchtert aber geht die abgeklärte Seyo hier fast als Superheldin aus dem Übergriff hervor und versucht jetzt erst recht nach motiviertem Schießtraining und mit martialischem, gepanzertem Dodge den rechtsradikalen Kräften das Handwerk zu legen. Das ist am Ende vielleicht ein wenig zu viel des Guten, auch wenn die politische Botschaft eines Aufrufs zum Kampf sicher ankommt.
Insgesamt aber ist Shariats genauso packende wie aufrüttelnde Mischung aus Politthriller und Gerichtsdrama, die im Panorama der diesjährigen Berlinale den Publikumspreis gewann und vom Verleih gezielt vor den anstehenden Wahlen ins Kino gebracht wird, eine wichtige Warnung vor rechten Netzwerken bis in höchste Staatspositionen hinein. Und mit der Tatsache, dass eine Staatsanwältin bei ihrem Kampf gegen rechte Gewalt aus dem System heraus am System selbst zu scheitern droht, stellt sich nach kurzweiligen knapp zwei Stunden trotz aller Fiktionalität die interessante Frage, wie effektiv der deutsche Staatsschutz besonders im Osten überhaupt noch ist.
Trailer:
Bewertung: 8 von 10 Punkten

