Home MusikCD-RezensionenArchive bieten ihrem neuen Album düstere, wieder interessante und erneut gefangen nehmende Songs

Archive bieten ihrem neuen Album düstere, wieder interessante und erneut gefangen nehmende Songs

Autor: Tobi

Archive "Glass Minds"

Archive

„Glass Minds“

(Album, Dangervisit, 2026)

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Nachdem das 1994 gegründete englische Kollektiv Archive sein 25-jähriges Bandjubiläum über Jahre mit der wundervollen Werkschau „25“ mit bis zu 43 Songs inkl. acht neuer Tracks (lies unsere Rezension hier), einer ausverkauften, umjubelten Tour (lies unseren Bericht zum Konzert in Essen hier), einem kostenlos gebotenen Livemitschnitt sowie dem Neuinterpretationen-Album „Versions“ plus dessen Remix-Scheibe gefeiert hatte, ließ es 2022 das Doppelalbum „Call To Arms & Angels“ (hier unsere Rezension) folgen.

Dann wurde die Formation in ihrem immerwährenden Elan unsanft eingebremst, als eine Krebserkrankung bei Darius Keeler diagnostiziert wurde, der die Band einst zusammen mit Danny Griffiths gründete und seitdem mit ihm das musikalische Mastermind-Duo bildet. 2023 konnte er zum Glück vermelden, wieder gesund zu sein, und so wurde die Tour zur Scheibe nachgeholt, auf der sie sich gewohnt beeindruckend präsentierten (hier unser Konzertbericht). Besondere Feierlichkeiten zum 30-Jährigen fielen dann aber eher limitiert aus, ein bisschen kürzer fahren war vermutlich das sinnvolle Motto. Einige feine „Classic Albums Live“-Events folgten in 2025, bei denen sie an jedem Abend zwei alte Alben fast komplett spielten (lies unseren Konzertbericht aus Köln), die Konzentration lag aber wohl eher auf der Entstehung des nun vorliegenden Albums „Glass Minds“.

Archive (© Yagub Allahverdiyev)

Archive (© Yagub Allahverdiyev)

Archive bieten auf diesem 78 Minuten neuer Musik, in zwölf Tracks. Schon der mit tiefem Bläsergedröhne eröffnende, dann in elektronische Zwirbeleien und Anspannung hörbar machende, verschrobene Klangmomente übergehende Siebenminüter „Broken Bits“ lässt als Instrumentalnummer erahnen, dass es eher düster zugehen wird auf der Scheibe. Keeler erklärte, dass er während des Beginns der Arbeit an den Tracks den berühmten neunten Satz „Nimrod“ aus den Enigma-Variationen des britischen Komponisten Edward Elgar oft hörte und ihm so auch die Idee kam, Bläser mit einzusetzen – wird Blasorchester doch gerne hierfür genutzt. Da „Nimrod“ häufig bei staatlichen Gedenkfeiern genutzt wird, zahlt dies auf die dunkle, melancholische Grundstimmung des Albums ein.

Eine belanglose Gute-Laune-Combo waren Archive aber ja noch nie, und kaum eine Formation versteht sich so gut darauf, einen mit ihren Klangwelten gefangen zu nehmen. So ist es auch diesmal wieder. Mit Piano und stampfendem, langsamem Beat schließt sich das Titelstück an, gesungen von Lisa Mottram, die zu „Versions“ zum Kollektiv gestoßen war und diesmal die einzige weibliche Stimme darstellt, weder die geliebte Maria Q noch Holly Martin sind also mit im Studio gewesen. „Glass minds break easy“ singt Lisa, und auch hier kommen die Bläser wieder zur Geltung, so dass man sich eine orchestrale Umsetzung des Albums nur zu gut vorstellen kann, die ja am 6. Februar 2026 dann auch bereits stattfand, zusammen mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien. Hier besagter Song aus diesem besonderen Event:

Schon beim treibenden „Look At Us“ als starken ersten Vorboten war Lisa zu hören, dem geradlinigsten und rockigsten Stück des neuen Albums, dessen Textzeilen laut Keeler als Spiegelbild unserer zutiefst verzerrten Welt interpretiert werden können. Auch beim düster fließenden und hinten raus mal zuspitzend bedrohlich und krachig akzentuierten „The Love The Light“ übernahm Mottram die Arbeit am Mikrofon.

Die anderen Stücke teilen sich gesanglich – bis auf eines – wie üblich Pollard Berrier und Dave Pen. Pollard singt beim achteinhalb Minuten lang mit seiner zugleich ruhigen und aufgewühlten Atmosphäre gefangen nehmenden „Patterns“ und – hier auch nochmal mit kurzen Passagen von Lisa – beim nur wenig kürzeren „So Far From Losing You“. Diese Nummer ist sehr abwechslungsreich angerichtet, reflektiert Keelers persönliches Leben und vereint vieles von dem, wofür die Fans Archive so lieben, wie Stilvielfalt, wechselnde Intensitäten und Genre-Offenheit, wird doch hier sogar etwas Sprechgesang verabreicht.

Dave stand beim elektronisch zwirbelnden und gegen Ende rockig gewürzten „When You’re This Down“ und der mit gestochen scharfen Beats und tiefen Elektroklängen sogar etwas tanzbar pulsierenden Single „Wake Up Strange“ am Mikro.

Generell geht es auf „Glass Minds“ oft etwas minimalistischer zu, wobei Archive ja kaum etwas benötigen, um einen als Hörer einzufangen und zu fesseln. Die dritte Vorab-Single „City Walls“ ist das beste Beispiel, die melancholisch sphärisch zu begeistern weiß, hierbei auf Rhythmen komplett verzichtet, wenn Pollard über das Gefangensein in den städtischen Mauern singt, die aber auch Schutz bieten können.

„This is not the end you want“ und „It’s got too heavy to shine out power“ singt Dave dann im mal ruhig melodischen, mal mit fetten Bläsern und Elektro-Zwirbeleien aufbrausenden „Shine Out Power“, bevor es als vorletzte Nummer mit „Heads Are Gonna Roll“ eine Überraschung gibt. Mit dem aus Essex stammenden Jimmy Collins am Mikro bieten Archive seit langem mal wieder einen Rap-Song, wobei er sich auf sphärischem Untergrund zu verhalten gesetzten Beats mit Gesang von Pollard abwechselt, und mit Textzeilen wie „Heads are gonna roll, describing a future that we already know“ über Gleichschaltung zum Norm-Gehorchen, Künstliche Intelligenz und erzwungene geistige Beeinflussung in unserer Zeit geht es auch hier nicht sonderlich optimistisch zu.

Mit dem fast neun Minuten dahin fließenden und somit diesmal längsten Song „Where I Am“, der sogar in Nuancen leicht jazzig anmutet, und Gefühlswelten a la „I’m sick to death of where I am. I’m gone – where I am I’m done.“ wird ein weiteres äußerst interessantes und abwechslungsreiches Archive-Album abgeschlossen, das einen wieder gefangen zu nehmen weiß.

Hier sind Archive live bei uns zu erleben – hoffentlich kommen später im Jahr noch ein paar Termine hinzu:

04.04.2026 CH-Lausanne, Salle Metropole
06.04.2026 München – Muffathalle
07.04.2026 A-Wien – Arena Wien
09.04.2026 Hamburg – Docks

facebook.com/ArchiveOfficial
instagram.com/ArchiveOfficial

Bewertung: 8 von 10 Punkten


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