Home MusikKonzertberichte Archive präsentierten sich gewohnt beeindruckend (Köln, 17. Oktober 2023)

Archive präsentierten sich gewohnt beeindruckend (Köln, 17. Oktober 2023)

Autor: Tobi

Archive (© Dangervisit)

(© Dangervisit)

2019 und 2020 hatte das englische Kollektiv Archive eigentlich nur Grund zum Feiern, und das aus gutem Anlass. Zum 25-jährigen Bandjubiläums erschien 2019 erschien die wundervolle Werkschau “25” mit bis zu 43 Songs inkl. acht neuer Tracks (lies unsere Rezension hier), gefolgt von einer ausverkauften, begeisternden und zu Recht umjubelten Tour (lies unseren Bericht zum Konzert in Essen hier) und einem kostenlos zum Download angebotenen Live-Album. Der Longplayer “Versions” mit sehr reduziert und entspannt arrangierten Neu-Interpretationen von einigen ihrer beliebtesten Songs aus den bisherigen zwölf Studioalben (lies unsere Rezension hier) sollte im August 2020 inmitten der ausgebrochenen Pandemie eigentlich den Abschluss bilden, mit “Versions: Remixed” (lies unsere Rezension hier) als Scheibe mit Remixen zu diesen alternativen Versionen wurde dann im November aber noch ein Schlusspunkt nachgeschoben.

Wer Archive kennt, der ahnte, dass die Formation auch nach all den Jubiläums-Feierlichkeiten und Veröffentlichungen keine lange Pause einlegen würden, viel zu kreativ und produktiv präsentiert sie sich. Und so war es auch. Während viele andere Acts zuletzt dazu übergingen, ihr Alben vielleicht noch mit zehn Stücken, aber oft nicht mal mehr 40 Minuten abzuliefern, berscherten Archive ihre zwölfte Studioscheibe “Call To Arms & Angels” (lies unsere Rezension hier) im April 2022 als Doppelalbum mit satten 17 Titeln auf 104 Minuten – und eine biografische Doku namens “Super8: A Call To Arms & Angels” über die Entstehung gab es zudem noch zu sehen.

Da mit dem Ende der pandemisch bedingten Liveauftritt-Unmöglichkeit auch Konzerte wieder möglich waren und die Menschen sich zu diesen auch mehr und mehr wieder hintrauten, wurde für 2022 natürlich auch eine “Call To Arms & Angels Tour” angesetzt. Nachdem bei Darius Keeler, der die Formation einst zusammen mit Danny Griffiths gründete und seitdem mit ihm das musikalische Mastermind-Duo bildet, Krebs diagnostiziert wurde, stand dann aber natürlich erst einmal seine Behandlung und Genesung im Fokus, die zum Glück auch positiv verlief. Mit der freudigen Mitteilung über Darius’ Heilung wurden neue Konzerttermine für den Herbst 2023 angekündigt. Parallel zur Veröffentlichung einer Digital Deluxe Edition von “Call To Arms & Angels”, die zusätzlich die Demo-Versionen aller 17 Tracks der Original-Scheibe enthält sowie vier bisher unveröffentlichte Tracks, die während der ursprünglichen Album-Sessions aufgenommen wurden, startete die Tour Anfang Oktober in Frankreich und brachte Archive kurz darauf auch nach Deutschland.

Kein Wunder also, dass die Vorfreude auf das verschobene Konzert auch in Köln groß war, und so war das Carlswerk Victoria auch gut gefüllt, als Archive nach einem Solo-Programm von Russel Marsden (Band Of Skulls) als Anheizer um 20.30 Uhr die Bühne betraten. Nach einer Passage des älteren “Junkie Shuffle” als Intro wurde erst einmal rockig treibend losgelegt mit “Mr. Daisy” und “Numbers” vom neuen Album sowie dem 2009er-Kracher “Bullets”, wobei sich die Formation mit sieben Musikern noch weit mehr im festen Bandgerüst präsentierte als früher, wo abgesehen von den rechts und links an ihren Keyboards, Samplern und Synthies agierenden Darius Keeler und Danny Griffiths noch mehr durchgewechselt wurde. Diesmal waren die beiden Sänger und Gitarristen Dave Pen und Pollard Berrier, die zusammen mit den beiden schon länger den festen Kern bilden, fast das ganze Konzert über als Frontmänner präsent, dazu agierten Drummer Steve Barnard, Bassist Jonathan Noyce und als weiterer Gitarrist Mick Hurcombe im Hintergrund.

“Numbers” wurde von Berrier gesungen, nicht wie auf dem Longplayer von Holly Martin, weil diese leider nicht mit auf Tour ist, ebenso wie Maria Q. Laut einiger Interviews war es für die 2022er-Tour noch geplant, mit allen drei Sängerinnen unterwegs zu sein, nun aber ist es lediglich die zum Album “Versions” zum Kollektiv gestoßene Lisa Mottram, die mit von der Partie ist, aber bei “Mr. Daisy” im Gegensatz zur Studioaufnahme auch noch nicht mitwirkte. Dies sollte noch dauern, gab es doch zunächst noch das auf der neuen Digital Deluxe Edition gebotene, ruhiger basierte “Vice” mit Gesang von Pen, das sphärisch fließende “Stick Me In My Heart” mit Berrier am Mikro und das progressiv wieder anziehende “Conflict” vom 2012er-Album “With Us Until You’re Dead” sowie mit dem 15-Minüter “Daytime Coma” vom aktuellen Album ein erstes episches Stück.

Für diese kennt und liebt man Archive, und nicht erst hier in dieser ruhig mit Piano und Flächen startenden, dann mit fetten Elektroklängen sowie Riffs energetisch ausbrechenden Nummer entfaltete die Lightshow ihren vollen Zauber, die wieder ganz hervorragend konzipiert für eine perfekte Inszenierung des gesamten Abends sorgte, mit berauschenden Lichtkompositionen, einfallsreich und perfekt zur so besonderen Musik der Band passend. Nicht umsonst hat diese auf ihrer Facebook-Page einen Wettbewerb gestartet und um die besten Tourfotos der Fans gebeten – die Optik ist einfach toll, wie hier mannigfaltig in den Kommentaren zu sehen.

Dann betrat Lisa die Bühne, die einen ganzen Block an Songs mit guter Stimme als Abwechslung zu Pollard und Dave veredelte. Neben “Surrounded By Ghosts” und “The Crown” sang sie hierbei auch das vor allem live immer mitreißende “Take My Head” als Titeltrack des 1999er-Albums und machte ihre Sache auch hierbei gut. Zum groovigen “Fear There & Everywhere” verließ Mottram dann die Bühne wieder, um nach dem wie dieses ebenfalls vom aktuellen Album stammenden, sphärisch düsteren und dann noch druckvollen “Enemy” und dem gradlinigeren “The Empty Bottle” von der 2009er-Scheibe “Controlling Crowds – Part IV” noch einmal zurückzukehren, für den ebenfalls von “Call To Arms & Angels” stammenden, starken Zehnminüter “Gold”. Nach diesem verließ die Band kurz die Bretter, um schließlich für den geliebten Klassiker “Again” noch einmal zurück zu kommen, und dieses nach wie vor großartige, epische Stück bedeutete mit seinen 16 Minuten dann auch die einzige Zugabe.

Keine Frage, Archive bieten auch 2023 wieder ein tolles, völlig zu Recht umjubeltes Konzerterlebnis mit einem hervorragenden Zusammenspiel von tollen Musikern (bei denen es wunderbar war, Darius Keeler wieder gesund und voller Energie an seinen Geräten mitfeiernd, auch die Stimmung anpeitschend zu erleben), außergewöhnlichen Songs und umwerfender Lichtinszenierung. Schade nur, dass Holly und Maria nicht mit von der Partie sind, und dass die Band das tolle, von Fans ebenfalls heißgeliebte, lange “Lights” nicht in jeder Stadt spielt, stand es in einigen doch schon inmitten der Setlist. Trotzdem, wer Archive noch nicht live gesehen hat, der sollte sie sich nicht entgehen lassen – und wer schon einmal oder mehrfach vor Ort war, kommt immer gerne wieder.

Die Tour von Archive geht weiter, hier die Daten bei uns. Tickets gibt es z.B. hier bei Eventim (Partnerlink).

25.10. Stuttgart – LKA Longhorn
26.10. Wiesbaden – Schlachthof
29.10. Erlangen – E-Werk
30.10. München – Backstage
02.11. A-Wien – Ottakringer Brauerei

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Links:
Facebook-Page von Archive
Website des Carlswerk Victoria Köln

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