Home Film„Un Poeta“ – kritisches Psychogramm eines gescheiterten Dichters

„Un Poeta“ – kritisches Psychogramm eines gescheiterten Dichters

Autor: Mick

"Un Poeta" Filmplakat (© jip film & verleih)

Un Poeta

Darsteller: Ubeimar Rios, Rebeca Andrade, Guillermo Cardona, Alisson Correa
Regie: Simón Mesa Soto
Dauer: 123 Minuten
FSK: freigegeben ab 16 Jahren
Website: jip-film.de/un-poeta
Facebook: facebook.com/jipfilm
Instagram: instagram.com/jipfilm_verleih
Kinostart: 12. März 2026


Schön ist es, wenn man sich wie der titelgebende Protagonist in Simón Mesa Sotos Drama „Un Poeta“ zu Höherem berufen fühlt. Tragisch wird es erst, weil die Gesellschaft ihn irgendwann ausgespuckt und statt eines ambitionierten Dichters lediglich ein in Selbstmitleid ertrinkendes Häufchen Elend hinterlassen hat. Und Tragödie kann der kolumbianische Regisseur, der mit seinem Kurzfilm „Leidi“ (2014) beziehungsweise seinem Spielfilmdebüt „Amparo“ (2021) besonders beim Filmfestival in Cannes schon äußerst gesellschaftskritisch für Furore gesorgt hat, nachweislich gut.

Sein Dichter ist der abgehalfterte Oscar (Ubeimar Rios), dessen Blütezeit mit zwei leidlich erfolgreichen Gedichtbänden nun leider schon über 20 Jahre zurückliegt. Der hat jetzt seine besten Momente noch, wenn er mal wieder alkoholisiert vor seinen mit ihm auf den Straßen Medellíns abhängenden Kumpels große anklagende Reden schwingt. Ansonsten hängt der mittellose Möchtegern-Künstler, der von Frau und Tochter getrennt aus finanziellen Gründen inzwischen wieder mit seiner kranken Mutter zusammenlebt, hauptsächlich der Vergangenheit nach und versucht seine depressive Stimmung in Alkohol zu ertränken.

Das aber wird irgendwann vor allem seiner Schwester zu viel, und so zwingt ihn die Familie schließlich, ein Jobangebot als Lehrer an einer Schule anzunehmen, was ihm selbstverständlich zutiefst widerstrebt. Die Thermosflasche mit Fusel ist dementsprechend immer dabei, wenn er sich letztendlich herablässt, den prekär aufwachsenden Jugendlichen etwas über Literatur und Poesie zu erzählen. Es ist ein fein gemaltes Bild des gescheiterten Schöngeistes, das Mesa Soto mit Unterstützung seines etwas zur Theatralik neigenden Laiendarstellers Rios – lustigerweise im Primärleben tatsächlich Philosophielehrer – hier entwirft, der seine Sache als tragischer Held Oscar immer mit einer Prise Situationskomik wirklich gut macht.

Durch eine seiner Schülerinnen hat der plötzlich ein wahres Erweckungserlebnis, als ihm zufällig ihr Zeichen- und Gedichtheft in die Hände fällt, das ungeahntes Talent offenbart. Die 15-jährige Yurlady (Rebeca Andrade) ist sich dessen natürlich nicht bewusst, bringt eigentlich nur ihre Alltagsgedanken zu Papier und weckt damit in Oscar doch wilden Fördereifer. Den legt er nicht ganz uneigennützig an den Tag, genoss er doch einst im elitären Dichterclub des Viertels größtes Ansehen, in den er jetzt die talentierte Yurlady einführen will, als sein Comeback im Kreise der Poeten sozusagen.

"Un Poeta" Szenenbild (© jip film & verleih)

(© jip film & verleih)

Dazu aber bedarf es noch einiger Überzeugungsarbeit, denn die mit ihrer Großfamilie in einer kleinen Wohnung im Slum lebende Yurlady hat ganz andere Sorgen, als die Gemeinde mit ihrer Dichtkunst zu beglücken. Da wirken Oscars kostenlose Einkäufe Wunder, die die Not der Familie zumindest kurzzeitig etwas lindern und die Nachwuchspoetin umstimmen. Fast unbemerkt hat der Regisseur in seinen Film damit eine weitere Ebene eingezogen, übt mit den sozialen Gegensätzen dezente Gesellschaftskritik, die noch bissiger wird, als Yurlady vom scheinheiligen Dichterzirkel in eine bestimmte Richtung gedrückt wird, die eine Vermarktung ihrer Prosa befördern soll.

Mesa Sotos Film ist da längst vom Psychogramm Oscars, der mit seiner selbstgerechten Hilflosigkeit irgendwie nicht zum Sympathieträger taugt, sich mit der Zeit jedoch zumindest unser Mitgefühl verdient, unverkennbar zum Sozialdrama geworden. Und das eskaliert der Regisseur im Nachgang von Yurladys Lesung beim Poesiefestival fast schon absurd zum abermaligen Existenzkampf Oscars, der sich vor seinem neuerlichen Fehlverhalten mit seiner neuen Lebensaufgabe gerade wieder ein wenig freigeschwommen hat.

Das hat mit rudimentärer Inszenierung trotz aller Tragik seine amüsanten Momente, wirkt dabei mitunter aber zu ungelenk laienspielartig, als dass es uns komplett überzeugen könnte. Und doch kommt Mesa Sotos Message an, dass nicht nur in Kolumbien für weite Teile der Gesellschaft der Weg zu sozialer Teilhabe noch ein ganz langer ist.

Trailer:

Bewertung: 5 von 10 Punkten

 

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