
Die andere Seite
Darsteller: Nina Hoss, Mariam Sanusi, Barbara Petritsch, Çidem Teke
Regie: Mariko Minoguchi
Dauer: 106 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.x-verleih.de/filme/die-andere-seite
Facebook: facebook.com/xverleih
Instagram: instagram.com/xverleih
Kinostart: 22. Oktober 2026
So lange ist die Zeit der Restriktionen während der Corona-Pandemie gar nicht her und scheint doch inzwischen trotz teilweise gravierender Folgen weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Bei allem Verständnis für die bestmögliche Verdrängung der so dunklen Periode jedoch stellt sich noch immer die Frage nach einer adäquaten Aufarbeitung, die bisher weder in der Kultur noch in der Politik ausreichend erfolgt ist. Auch im Kino, das eher auf eine Strategie des kompletten Ausblendens der unangenehmen Thematik setzte, fand sie bisher so gut wie gar nicht statt. Umso besser, dass sich Mariko Minoguchi („Mein Ende. Dein Anfang.“) mit ihrem zweiten Spielfilm „Die andere Seite“ jetzt an den unliebsamen Stoff heranwagt und uns so zumindest assoziativ wieder in düstere Pandemie-Zeiten zurückversetzt.
Dabei ist die Situation rein fiktiv, in der sich die Ärztin Hanna (Nina Hoss) hier eingangs mitten im Wald ganz auf sich allein gestellt wiederfindet. Wer macht mit Spürhunden Jagd auf sie, als sie sich gerade anschickt, ein erlegtes Kaninchen auszunehmen, und vor allem warum? Fragen, die Minoguchi nach ihrer atmosphärisch in Szene gesetzten, anfänglichen Verfolgungsjagd im nasskalten Unterholz schnell beantwortet. Wieder in ihrer einsamen Waldhütte angekommen nämlich hören wir gemeinsam mit Hanna aus dem krächzenden Radio schreckliche Nachrichten über die sich rasch ausbreitende Pandemie.
Das aggressive Virus ist in vielen Fällen tödlich, und zum Schutz der Bevölkerung werden Infizierte wie Hanna schnellstmöglich in Internierungslager verbracht. Was sie dort auf engstem Raum erwartet, ist leicht zu prognostizieren, und so ist es kaum verwunderlich, dass sich viele wie Hanna durch Flucht den angeordneten Zwangsmaßnahmen widersetzen. Unsere Protagonistin hat es in den Wald verschlagen, ihre Lebensmittel klaut sie sich aus inzwischen verlassenen Häusern zusammen und uns lässt der Verdacht nicht los, dass sie zu dem Haus, in das wir sie begleiten, eine ganz besondere Beziehung hat.

(© Trimafilm, Felix Pflieger, X Verleih)
Nina Hoss spielt Hanna stark als toughe Kämpferin im Survivalmodus, die spätestens beim Selbstversorgen ihrer Wunden an Stallones ebenfalls gejagten Außenseiter Rambo erinnert. Nach und nach aber lässt uns Minoguchi mehr über ihre Geschichte erfahren und erzeugt damit eine Menge Mitgefühl mit der Verstoßenen, die noch vor kurzem anerkanntes Mitglied der Gesellschaft war. Die jedoch ist nun komplett gespalten, und Solidarität gibt es lediglich noch innerhalb der beiden Lager. Aus reiner Furcht machen Gesunde Jagd auf flüchtige Virusträger, und selbst Hanna meidet rücksichtsvoll den Kontakt zur Bevölkerung. So ist auch das wilde Camp Infizierter mitten im Wald nicht lange unentdeckter Rückzugsort für Hanna, die bald mit ihrer schwangeren Leidensgenossin Lila (Mariam Sanusi) den Weg über die Alpen in südliche, angenehmere Gefilde antritt.
Ungemein realistisch zeichnet Regisseurin und Drehbuchautorin Minoguchi hier das Pandemie-Szenario, das unweigerlich böse Erinnerungen an Corona weckt und damit gewollt oder ungewollt einen wichtigen Beitrag zur erneuten Auseinandersetzung mit dem Thema leistet. Fern jeglicher Sensationslust anderer Pandemie-Thriller schildert sie dabei weitgehend in ruhigen, eindringlichen Bildern die bitteren Folgen von Ausgrenzung, die plötzlich auch bestens Integrierte wie Ärztin Hanna als Flüchtlinge erfahren müssen. Zugegeben, der Erreger hier ist deutlich verhängnisvoller als Covid, und doch sind Parallelen zu damaligen Präventionsmaßnahmen deutlich zu erkennen.
Einfühlsam werden wir bewegt Teil von Hannas Welt, sehen die Einsamkeit der ehemaligen Mutter – der letzte Mensch, den sie im Arm hielt, war ihr toter Sohn – genauso wie ihre Angst andere zu infizieren. Was aber alles überstrahlt, ist die fein inszenierte latente Feindseligkeit gegenüber Andersartigen, die die Befindlichkeiten Geflüchteter nur allzu nachvollziehbar macht. Gut, dass es da noch die alte Bäuerin (Barbara Petritsch) gibt, die sich nicht um die Infektionsgefahr schert und Hanna wie uns in einem intimen Moment der Warmherzigkeit zeigt, dass bei aller Bedrohung die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleiben darf.
Trailer:
Bewertung: 7 von 10 Punkten

