Home Film „Ein einfacher Unfall“ – packende Mischung aus Thriller und Gesellschaftsdrama

„Ein einfacher Unfall“ – packende Mischung aus Thriller und Gesellschaftsdrama

Autor: Mick

"Ein einfacher Unfall" Filmplakat (© MUBI)

Ein einfacher Unfall

Darsteller: Vahid Mobasseri, Ebrahim Azizi, Mariam Afshari, Hadis Pakbaten
Regie: Jafar Panahi
Dauer: 103 Minuten
FSK: freigegeben ab 16 Jahren
Website: mubi.com/de/de/films/it-was-just-an-accident
Facebook: facebook.com/mubi
Instagram: instagram.com/mubideutschland
Kinostart: 8. Januar 2026


Der Iraner Jafar Panahi gilt seit Beginn seines Schaffens als Kritiker der totalitären Islamischen Republik in seinem Heimatland und wurde deswegen schon zu Haftstrafen verurteilt sowie mit einem Berufsverbot als Regisseur belegt. Trotzdem brachte er es fertig mit „Der Kreis“ (2000 Goldener Löwe in Venedig), „Taxi Teheran“ (2015 Goldener Bär in Berlin) und jetzt mit „Ein einfacher Unfall“ (2025 Goldene Palme in Cannes) die höchsten Auszeichnungen der drei bedeutendsten europäischen Filmfestivals zu gewinnen. Irgendwie auch ein politisches Statement für den ungebrochenen Oppositionellen, der sich von seinen Gefängnisaufenthalten zu seinem neuen, wegen der Repressalien wieder ohne Drehgenehmigung heimlich mit Laiendarstellern realisierten Streifen „Ein einfacher Unfall“ inspirieren ließ.

Der sorgt schon anfangs für reichlich Gänsehaut, als der Familienvater Eghbal (Ebrahim Azizi) nach einem kleineren Autounfall zur Reparatur seines Blechschadens in der Werkstatt des Mechanikers Vahid (Vahid Mobasseri) aufkreuzt. Gerade weil der als Angestellter die Verhandlung mit Eghbal nur beiläufig mitanhört, glaubt er in dem Kunden mit der markant knarrenden Beinprothese seinen Peiniger aus dem Foltergefängnis wiederzuerkennen, dem er damals mit verbundenen Augen hilflos ausgeliefert war. Augenblicklich sind die schrecklichen Ereignisse wieder präsent, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt haben, und er spürt sofort böse Rachegelüste in sich aufsteigen.

Ein starker Einstieg in Panahis Geschichte, der uns Vahids Motivation nicht besser hätte nahebringen können, als in ihm das alte Trauma wiederaufleben zu lassen. Da ist es nur allzu verständlich, dass Vahid Eghbal am nächsten Tag in ungezügeltem Groll auf der Straße verfolgt, ihn schließlich überwältigt und im Auto entführt. Plötzlich sind die Machtverhältnisse umgekehrt und schnell ist in der Wüste ein Loch ausgehoben um den widerwärtigen Folterknecht lebendig zu begraben. Kompliziert wird es erst, als der schon von reichlich Sand bedeckt glaubwürdig behauptet, mit der Sache nichts zu tun zu haben und damit selbst den fest entschlossenen Vahid zum Zweifeln bringt.

"Ein einfacher Unfall" Szenenbild (© Les Films Pelleas)

Die Gruppe trifft auf die Polizei.
(© Les Films Pelleas)

Um sicherzugehen will der Rächer lieber noch eine Zweitmeinung einholen und kontaktiert damalige Mithäftlinge, die den jetzt wehrlos in einer Kiste in Vahids Van gefangengehaltenen Eghbal identifizieren sollen. Und da mutiert der anfängliche Thriller zur genau beobachteten Gesellschaftsstudie, mit der Panahi einen Blick auf den tief gespaltenen Iran wirft. Denn während sich die ehemaligen politischen Häftlinge längst unter Verdrängung der erlittenen Qualen mit einem regimekonformen Leben unter dem Radar abgefunden haben und Vahid eher ablehnend begegnen, scheint das System die Taten von Schergen wie „dem Holzbein“ noch immer zu legitimieren.

Doch der Regisseur hält mit dem inzwischen auf fünf Personen im Kleinbus angewachsenen Gremium zu Eghbals Verurteilung außer dem philosophischen Diskurs über die moralische Rechtmäßigkeit von Rache auch noch die eine oder andere skurrile, noch dazu unfreiwillig komische, Situation für uns bereit. Wenn sich etwa Sicherheitskräfte ihr Schmiergeld per Kartenleser zahlen lassen, ist das offene, bissige Kritik an einer bigotten, korrupten Gesellschaft, die sich mit ihren strengen Regeln nach außen hin doch gerne so tugendhaft gibt.

So jedoch gelingt es ihm geschickt, die eigentlich hammerharte Ausgangssituation aufzulockern, gibt er sich eben nicht mit einem simplen, regimekritischen Rachethriller zufrieden, sondern lotet feinfühlig die Befindlichkeiten seiner Figuren aus, die selbst in der kleinen Gruppe der Dissidenten nicht immer eindeutig zu definieren sind. Das transportieren einerseits seine Schauspieler wirklich glaubhaft, andererseits bleibt die Frage nach dem Umgang mit dem vermeintlichen, die Regierung repräsentierenden Folterer Eghbal bis zum Schluss spannend. Und damit gefällt uns Panahis tiefgründiger neuer Film einmal mehr sicherlich um einiges besser als der iranischen Obrigkeit.

Trailer:

Bewertung: 8 von 10 Punkten

 

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