Home Film “Kulissen der Macht” – erkenntnisreiche Doku über die Interventionspflicht der USA in internationalen Konflikten

“Kulissen der Macht” – erkenntnisreiche Doku über die Interventionspflicht der USA in internationalen Konflikten

Autor: Mick

"Kulissen der Macht" Filmplakat (© Films That Matter)

Kulissen der Macht

Dokumentation
Regie: Dror Moreh
Dauer: 135 Minuten
FSK: freigegeben ab 16 Jahren
Website: filmsthatmatter.net/kulissen-der-macht
Facebook: facebook.com/ftmFilmsThatMatter
Kinostart: 30. Mai 2024


Aktueller könnte das Thema einer Dokumentation kaum gewählt werden, als es der Israeli Dror Moreh in seinem neuen Film „Kulissen der Macht“ tut, obwohl auch seine Oscar®-nominierte Beschäftigung mit dem Nahostkonflikt „The Gatekeepers“ aus dem Jahr 2012 derzeit sicherlich alles andere als deplatziert erscheint. Doch bei allen militärischen Konflikten, denen wir gerade teilweise fassungslos zuschauen müssen, und uns anhand ihrer Grausamkeit des Öfteren die moralische Frage einer Interventionspflicht der internationalen Gemeinschaft stellen, rennt Moreh mit seinem Rückblick auf kriegerische Auseinandersetzungen zwischen 1995 und der Gegenwart geradezu offene Türen ein.

Er konzentriert sich hier ganz auf die US-amerikanische Sicht der Dinge, wenn er uns mit dem Kommentar direkt involvierter Personen ungeheuer informativen Einblick in die Überlegungen und Prozesse eben hinter den titelgebenden Kulissen der Macht gewährt. Als rhetorische Klammer wählt er dabei die derzeitige Leiterin der U. S. Agency for International Development Samantha Power, der er wegen ihrer profunden journalistischen Expertise nicht nur die Schilderung der Ereignisse, sondern wegen ihres unermüdlichen Einsatzes gegen Kriegsverbrechen oft auch gleich deren Wertung überlässt und sich damit gleichzeitig selbst jeden Kommentars enthält. Viel lieber lässt er einfach die drastischen Archivbilder für sich sprechen, die manchmal an Brutalität kaum zu überbieten sind und zarter besaitete Gemüter schnell an die Grenze des Erträglichen führen.

Worum es ihm in seinem aufwühlenden Diskurs aber übergeordnet geht, stellt er gleich eingangs klar, setzt die Frage nach der moralischen Verpflichtung zu einer militärischen Intervention ins Verhältnis zu deren Folgen und vor allem zu unterschiedlichste Interessen. Warum haben die Alliierten bei ihren Bombardements im Zweiten Weltkrieg nicht zuerst die Zufahrtswege zu den Konzentrationslagern als primäres Ziel auserkoren, wenn doch die verlässliche Informationslage einen andauernden Völkermord annehmen ließ? Warum schritten die USA erst bei der irakischen Invasion in Kuwait ein, wo doch schon weit vorher eindeutige Erkenntnisse über menschenrechtsverletzende Giftgaseinsätze gegen Zivilisten vorlagen? Die Antworten liefert er nicht, überlässt vielmehr uns die Beurteilung der Situation und unterstützt uns dabei mit wichtigen Fakten aus seinen erhellenden Interviewsequenzen.

"Kulissen der Macht" Szenenbild - Präsident Obama berät sich im Situation Room (© Films That Matter)

Präsident Obama berät sich im Situation Room (© Films That Matter)

Dabei lässt er einen außergewöhnlich erlauchten Kreis handelnder US-Verantwortlicher zu Wort kommen, der neben der zeitweiligen Obama-Beraterin und UN-Botschafterin Power auch Ex-Außenminister, hohe Militärs und Sicherheitsberater des Präsidenten umfasst. Die waren nicht nur Teil des weltweit größten Machtapparats und hatten damit Zugriff auf schon da ungemein präzise Informationen aus dem „Situation Room“, sondern sprechen jetzt rückblickend erstaunlich unbefangen über die damalige Entscheidungsfindung, die auch auf diplomatisches Glatteis führen konnte. Dazwischen montiert Moreh immer wieder grauenvolle Bilder bestialischster Verbrechen in diversen militärischen Konflikten, die uns regelmäßig die Kehle zuschnüren und damit seine Doku so ungemein erschütternd machen.

Die arbeitet sich exemplarisch nahezu chronologisch von den ethnischen Säuberungen im Bosnienkrieg 1995 über den Völkermord an den Tutsi in Ruanda 1994 bis zu den grausamen Giftgaseinsätzen des Assad-Regimes in Syrien durch und liefert uns mit den aufschlussreichen Erläuterungen der Zeitzeugen manchmal überraschende Erkenntnisse über das Geschehen, die uns auch einen anderen Blickwinkel auf die Dinge ermöglichen. Das fördert so manche menschenverachtende Schweinerei erst jetzt zutage und erklärt auch das sonst kaum nachvollziehbare zögerliche Handeln der US-Regierung angesichts offensichtlich schwerer Kriegsverbrechen.

Leicht macht es uns Moreh mit seiner Rekapitulation von Kriegsverbrechen und der internationalen Reaktion darauf sicher nicht, beleuchtet dabei nicht nur wirtschaftliche Interessen sondern auch fast unabsehbare Folgen einer humanitären Intervention. Wohlwissend, dass es auf die Frage, wann ein militärischer Einsatz bei Völkerrechtsverbrechen geboten ist, keine allgemeingültige Antwort gibt, löst er in uns selbst eine intensive Suche nach der persönlichen Grenze aus, deren Überschreiten ein militärisches Einschreiten erfordert. Seine beeindruckende Doku ist damit gleichzeitig Zeugnis menschenverachtender Kriege und Auseinandersetzung mit der US-Reaktion darauf, die anhaltend für größte Nachdenklichkeit sorgt.

Trailer:

Bewertung: 8 von 10 Punkten

 

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