Home Film„Nachbeben“ – ein bewegendes, stark gespieltes Krankenhaus-Drama

„Nachbeben“ – ein bewegendes, stark gespieltes Krankenhaus-Drama

Autor: Tobi

"Nachbeben" Filmplakat (© 2026 Lighthouse)

Nachbeben

Darsteller: Özlem Saglanmak, Trine Dyrholm, Mathilde Arcel, Olaf Johannessen
Regie: Zinnini Elkington
Dauer: 92 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Instagram: facebook.com/LighthouseEntertainment
Instagram: instagram.com/lighthouse_homeentertainment
Kinostart: 7. Mai 2026


Nachdem das desillusionierende Drama „Heldin“ mit der stark spielenden Leonie Benesch uns letztes Jahr erst daran teilhaben ließ, wie eine engagierte Pflegerin an den desaströsen Arbeitsbedingungen in einer unterbesetzten Klinik scheitert, nimmt uns der dänische Film „Nachbeben“ von Regisseurin und Drehbuchautorin Zinnini Elkington wieder mit in den Alltag eines Krankenhauses.

Nicht ganz so großer Personalmangel scheint hier zu herrschen, ist die morgendliche, kurze Besprechungsrunde auf der Schlaganfallstation doch einigermaßen gut besetzt – und doch fehlt derjenige, der eigentlich am Schreibtisch koordinieren und die eingehenden Anrufe anliefernder Notarztwagen beantworten soll. Da sich niemand anderes bereit erklärt, nimmt die als Ärztin der Neurologie anscheinend routinierte Alexandra (Özlem Saglanmak) erst einmal das Telefon mit an sich, die sich eigentlich heute auch etwas um die frisch gestartete Emilie (Mathilde Arcel) kümmern wollte.

Hierfür aber bleibt keine Zeit, und so ist es zunächst die junge Ärztin alleine, die den 18-jährigen Oliver (Jacob Spang Olsen) untersucht, der von seiner Mutter Camilla (Trine Dyrholm) auf Grund starker Kopfschmerzen auf die Station gebracht wurde. Alexandra wird dann von ihr aber doch hinzugerufen. Eine vorhergehende Feier mit Katerfolge wird zwar geleugnet, scheint aber nicht ausgeschlossen, und nach zwei, drei schnellen Tests ordnet die schon anderweitig wieder benötigte und auch durch die Anrufe gestresste Alexandra die Entlassung des Teenagers an. Hierbei ignoriert sie Emilies Zweifel, die eine Nackensteifigkeit angenommen hatte und daher einen MRT als sinnvoll erachtet hätte – aber nachdem der hierfür verantwortliche Ragnar (Anders Hove) gerade erst geklagt hat, dass seiner Ansicht nach zu viele unnötige und teure MRTs angeordnet werden, und Oliver einen recht fitten Eindruck macht, widmet sich Alexandra den anderen PatientInnen.

Nur etwa 15 Minuten später liegt Oliver dann aber zu ihrem Schock mit Schaum vor dem Mund auf dem Gang der Station und Hektik bricht aus. Das nun in Windeseile nachgeholte MRT offenbart Hirnblutungen, und bald stellt sich heraus, dass der nun auf der Intensivstation verlegte junge Mann nur noch geringe Chancen auf Genesung hat, wobei Chirurg Esben (Olaf Johannessen) eine OP auf Grund der eher hoffnungslosen Ausgangslage bei massiven Gefahren ablehnt. Und selbst ein eingeschränktes Überleben ist nicht sicher, was Camilla und den herbeigeeilten Vater Karl (Anders Matthesen) zwischen traurigem Entsetzen und Wut schwanken lässt. Die Schuld sehen sie hierbei klar bei Alexandra und drohen schnell mit Konsequenzen.

"Nachbeben" Szenenbild (© 2026 Lighthouse)

v.l.n.r.: Trine Dyrholm und Özlem Saglanmak
(© 2026 Lighthouse)

Wie bei „Heldin“ ist es auch in „Nachbeben“ nur ein einziger Arbeitstag, der gezeigt wird und ausreicht, um einem das Popcorn im Halse stecken zu lassen, das man sich hier besser gar nicht erst holen sollte. Auch mittels Handkamerabildern nimmt uns Zinnini Elkington direkt mit in den hektischen, von zu wenig Zeit und Überlastung geprägten Krankenhausalltag, in dem wir den ganzen Film lang nahe an Alexandra verbleiben und mit ihr leiden.

Dass sie der mit Schlaganfall eingelieferten, älteren Winnie (Pernille Højmark) so wunderbar helfen kann und hierfür auch den Dank der Angehörigen erntet, das kann nicht trösten, wenn ein junger Mensch plötzlich mit dem Tod ringt und Alexandra hierfür mitverantwortlich ist. Aber ist sie dies wirklich? Natürlich hätte sie mit einem angeordneten MRT alle aufkommenden Schuldgefühle und Vorwürfe gegen sich vermieden, aber ist es nicht auch ihre Aufgabe, auf Grund von Tatsachen, Erfahrungen und statistischen Wahrscheinlichkeiten Entscheidungen zu fällen, die ein gewisses Restrisiko bergen?

In der nervlichen Überlastung des Geschehenen lässt sie ihren Frust an Emilie aus, während Aida (Iman Meskini) von der Intensivstation eine gut zuredende Stütze ist und auch andere ihr Rückendeckung vermitteln. Diese hilft aber wenig, wenn vor allem die zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin und hergerissene Camilla vor ihr steht, eine Mutter wie auch sie, die nun völlig aus dem Nichts ihren Sohn zu verlieren droht. Natürlich suchen die Eltern Antworten und sind geschockt, als sie sich plötzlich auch noch damit auseinandersetzen sollen, dass ihr Sohn als Organspender registriert war.

„Nachbeben“ schnürt einem den Atem ab, auch weil man sich hier direkt mit mehreren Protagonistinnen identifizieren kann, mit der eigentlich so gefestigt und routiniert wirkenden Alexandra und der noch unerfahrenen Emilie genauso wie mit der armen Camilla, die von der bestens bekannten Trine Dyrholm ebenso überzeugend und glaubwürdig verkörpert wird wie die Neurologin von Özlem Saglanmak.

Der auch als Schauspielerin tätigen Filmemacherin Zinnini Elkington ist ein intensives Regie-Spielfilmdebüt gelungen, das beim Filmfest Hamburg unter seinem internationalen Titel „Second Victims“ mit dem „Preis der Filmkritik“ als „Bester Film“ ausgezeichnet wurde, ebenso wie bei den Nordischen Filmtagen mit dem NDR Filmpreis als „Bester Film“. In der Heimat gab es weitere Ehrungen, u.a. sechs Dänische Filmpreise „Robert Prisen“ in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bestes Original-Drehbuch“, „Beste Hauptdarstellerin“ (Özlem Saglanmak), „Bester Schnitt“ und „Bestes Sounddesign“.

Trailer:

Bewertung: 8 von 10 Punkten

 

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