
Verflucht normal
Darsteller: Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan, Shirley Henderson
Regie: Kirk Jones
Dauer: 120 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.wildbunch-germany.de/movie/verflucht-normal
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Instagram: instagram.com/wildbunchfilmlounge
Kinostart: 28. Mai 2026
Schon die erste Szene setzt den Ton für den Film „Verflucht normal“, der zwar in der Folge sehr wohl das Thema Tourette-Syndrom mit aller Tragik der Ereignisse, dafür aber sich selbst erfrischend nicht immer allzu ernst nimmt: Bei der gediegener nicht vorstellbaren Verleihung des höchsten britischen Ordens durch die Königin bricht es lautstark aus dem zukünftigen Ordensträger heraus: „Fuck the Queen, you cunt!!!“. Aufmerksam machen und belustigen zugleich will Regisseur Kirk Jones („Lang lebe Ned Devine!“, „Everybody’s Fine“), der seine Tragikomödie auf verschiedene BBC-Dokumentationen und nicht zuletzt die Autobiografie des schottischen Tourette-Betroffenen John Davidson stützt. Der ist für seine jahrelange Aufklärungsarbeit über die komplexe Nervenkrankheit nicht nur mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet worden, sondern wegen seiner Bekanntheit inzwischen sogar so etwas wie der offiziell anerkannte, britische Tourette-Botschafter.
Bevor er jedoch im jetzigen Zustand seelischen Gleichgewichts ankommen konnte, musste auch John wie so viele seiner Leidensgenossen einen langen, steinigen Weg der Ignoranz und harten Erfahrungen gehen. Wir lernen ihn als 12-Jährigen (Scott Ellis Watson) im beschaulichen schottischen Galashiels kennen, wo er als Fußball-Torwart ganz zum Stolz des Vaters auf dem Sprung in die Jugend eines Profiklubs steht. Doch beim wichtigen Probespiel sind sie auf einmal nicht mehr zu übersehen, die unkontrollierten Zuckungen, die prompt seinen Auftritt zum Fiasko machen und sein Leben komplett auf den Kopf stellen werden.
Denn Anfang der Achtziger ist es nicht weit her mit der Aufklärung über das Tourette-Syndrom, das im sozialen Umfeld der Patienten so gravierende Folgen hat. Dementsprechend reagiert auch Johns Mutter (Shirley Henderson) mit Hilflosigkeit auf sein unberechenbares Verhalten und verbannt ihren Sohn zum Essen sogar auf den Boden vor dem Kamin, wo er die Runde am Tisch mit seinen Tics nicht stören kann. Eine grausame Maßnahme, die nicht die einzige bleiben soll, die der ratlose und zunehmend ausgegrenzte John über sich ergehen lassen muss, bis die Familie endlich weiß, was mit ihm los ist. Da aber ist sein überforderter Vater längst weg und die Liste der Demütigungen und Reglementierungen des Jungen unendlich lang.

ohn Davidson (Robert Aramayo) erklärt Tourette
(© Wild Bunch Germany)
Mit Mitte 20 lebt John (Robert Aramayo) noch immer unselbstständig bei seiner Mutter, noch dazu völlig depressiv von den Nebenwirkungen seiner starken Neuroleptika, als er zufällig seinem alten Schulfreund Murray über den Weg läuft. Diese schicksalhafte Begegnung soll sein Leben endlich zum Guten wenden, denn Murray und vor allem dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) kennen ihn schon ewig und nehmen ihn mit all seinen Tics voller Toleranz bei sich auf, die John ansonsten noch nicht einmal in der eigenen Familie zuteil wird. Schon da sind wir positiv überrascht von Jones’ ausgewogener Mischung aus Drama und Komödie, die niemals billig Mitleid erzeugen will und gleichzeitig in fast skurrilen Alltagssituationen urkomisch ist, ohne sich jemals über den herzensguten John, von Robert Aramayo sensationell gespielt, lustig zu machen.
Da setzt die Psychiatrie-Schwester Dottie schnell Johns Medikamente ab, nur um von ihm hin und wieder aus heiterem Himmel unkontrollierte Schwinger zu kassieren. Das aber ist nur Teil der in der neuen Umgebung gelebten Akzeptanz aller Symptome, die den eigentlich so tragischen Streifen zeitweilig zu einem wahren Wohlfühlfilm macht. Dafür aber sind die Rückschläge dann doch zu gewaltig, die John immer wieder hinnehmen muss, und mit denen der Regisseur gekonnt auf die Schwierigkeiten von Tourette-Betroffenen in der unwissenden Gesellschaft hinweist.
Sicher hat John das Glück, in Hausmeister Tommy (Peter Mullan) einen ungemein nachsichtigen Arbeitgeber und besonders ein neues, tolerantes Umfeld zu finden, wie es nur wenigen Tourette-Patienten gelingt. Die Problematik des ständigen Aneckens nicht nur mit wüsten Flüchen aber verliert auch Jones in seiner mit leichter Hand inszenierten, teilweise zu Tränen rührenden Tragikomödie nie aus den Augen und leistet damit genau wie John Davidson selbst, der als wundervoller Mensch einfach nur Hochachtung verdient, wichtige Aufklärungsarbeit.
Trailer:
Bewertung: 9 von 10 Punkten

