
Ein Sommer in Italien – WM 1990
Dokumentarfilm
Regie: Vanessa Goll, Nadja Kölling
Dauer: 93 Minuten
FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung
Website: tobis.de/titel/ein-sommer-in-italien-wm-1990
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Kinostart: 19. März 2026
Wohl alle, die sich um ein Alter von 50 Jahren herum bewegen oder dieses hinter sich gelassen haben, erinnern sich an die Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien, als sich die deutsche Männermannschaft unter Teamchef Franz Beckenbauer ihren dritten Weltmeistertitel erspielte. Der Dokumentarfilm „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ blickt nun auf diese ebenso bewegten wie erfreulichen Wochen zurück, und für diesen greifen die Regisseurinnen Vanessa Goll und Nadja Kölling nicht nur auf bekannte Fernsehbilder aus den Archiven zurück, sondern vor allem auch auf bislang ungesehenes Material, welches von Bodo Illgner und Sepp Maier einst mit Videokameras – einfache Smartphone-Aufnahmen gab es ja schließlich noch lange nicht – aufgenommen wurde, und hinzu kommen neue Interviews mit den einstigen Protagonisten.
An die vier Wochen verbrachte das Team damals zusammen in einem Hotel am Comer See, aber von Lagerkoller ist rein gar nichts heraus zu hören in den Erinnerungen der Spieler und Verwantwortlichen. Im Gegenteil, ihnen gelang es in vielleicht nie wieder replizierter Art und Weise, als wirkliches Team zu funktionieren und die Stimmung stets positiv zu halten. Selbst ein Andreas Möller, der als potientieller Shooting-Star zur WM gefahren war und dann mit wenigen Einsätzen nur eine Nebenrolle spielte, wurde trotz Frust, den er hier auch bestätigt, nicht zum Quertreiber. Verantwortlich hierfür war vor allem Franz Beckenbauer, der genau wusste, wie er die Mannschaft zu führen hat, wobei er bei Regelverstößen auch mal wegschaute, ob nun jemand zu lange wegblieb, eine zu viel geraucht oder ein Vino zu viel getrunken wurde.
Jürgen Klinsmann erklärt, dass man in Italien, wo damals die Creme de la Creme des Weltfußballs in der Liga spielte, allen zeigen wollte, wie gut die deutsche Mannschaft sei, Lothar Matthäus und Klaus Augenthaler berichten über die besondere Stimmung nach dem Mauerfall mit vor dem Hotel campierenden Fans aus Ost und West, was das Team motivierte. Natürlich nimmt uns die Doku aber auch chronologisch mit durch das Turnier, wo Deutschland zunächst Jugoslawien und die Vereinigten Arabischen Emirate deutlich besiegte, wonach ein 1:1 gegen Kolumbien für den Achtelfinaleinzug reichte.
Thomas Häßler erinnert sich an eine tolle Mannschaft, wie er sie in keinem anderen Turnier erlebt habe, und das nicht nur spielerisch, vor allem zwischenmenschlich, wo der Zusammenhalt massiv war. So schweißte das Skandalspiel im Achtelfinale gegen die Niederlande das Team noch mehr zusammen, als Rudi Völler von Frank Rijkaard angespuckt wurde und sich beschwerend dann wie der Kontrahent auch die rote Karte sah. Eine Einspruchsverhandlung in Rom führte damals nicht zur Rücknahme des Platzverweises, dafür aber mit dem mitgereisten Lothar Matthäus immerhin zu einem leckeren Abendessen bei Freunden mit einigem Wein, als man einfach erzählte, man habe den Flug verpasst, wie Völler berichtet.
Man sieht bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus dem Mannschaftshotel, wo auch die freien Tage mit den Familien genossen wurden, und witzige Momente wie den, als Pierre Littbarski bei einer Presserunde zum Mikro greift und rollentauschend Journalisten oder Beckenbauer interviewt, mit Bodo Illgner an der Kamera. Der damalige Geist wird bestens transportiert.

Lothar Matthäus im Olympiastadion in Rom
(© B|14 FILM)
Zusätzlich werden besondere Momente eingestreut, die kürzlich aufgenommen wurden. Lothar Matthäus läuft ins leere Olympiastadion in Rom ein, Andreas Möller und Karl-Heinz Riedle treffen sich im Teamhotel wieder, Pierre Littbarski und Thomas Häßler befahren den Comer See auf einem kleinen Boot, und Guido Buchwald besucht das Mailänder San Siro Stadion, wo Deutschland fünf der sieben Spiele bestritt. Neben ihnen und den anderen bereits erwähnten Spielern kommen auch Raimond Aumann, Uwe Bein, Andreas Köpke, Hans Pflügler, Stefan Reuter und Paul Steiner mit aktuellen Erinnerungen zu Wort, sowie der damalige Torwarttrainer Sepp Maier und Co-Trainer Holger Osieck.
Interessant sind auch die Schilderungen zu Beckenbauers Reaktion auf das spielerisch dürftige 1:0 gegen die tschechische Mannschaft im Viertelfinale, nach dem er in der Kabine ausgerastet war wie sonst nie – ansonsten wird aber vor allem seine Gutmütigkeit gelobt, sein Händchen für die optimale Mannschaftführung mit langer Leine, und seine akribische Vorbereitung auf die Gegner mit jeder Menge VHS-Kassetten in seinem Turmzimmer, was in einer fast immer perfekten Einstellung seines Teams gipfelte. Eine weitere nette Anekdote gibt es zu frisierten, von Fans ausgeliehenen Mofas für einen unerlaubten Trip einiger Spieler nach Como. Als Konsequenz gab es von Kaiser Franz keine Strafen, sondern fahrtüchtigere Mopeds.
Über den Halbfinalsieg nach Elfmeterschießen gegen England gipfelt die Doku dann natürlich im grandiosen Finale gegen Argentinien in Rom, als Guido Buchwald den großen Diego Maradona mit einer famosen Leistung komplett aus dem Spiel nahm, als Augenthaler elfmeterreif aber ungeahndet gefoult wurde und als Andreas Brehme schließlich nervenstark den später erhaltenen Strafstoß zum WM-Sieg eiskalt verwandelte – auch weil der eigentlich angestammte Schütze Matthäus zu große Schuhe anhatte und daher nicht schießen wollte.
Einen wehmütigen Moment gibt es hier, als sich sowohl „Icke“ Häßler als auch Matthäus mit Tränen in den Augen an den verstorbenen Brehme als überragenden Fußballer und tollen Menschen erinnern, von Völler auch noch einmal für seine Beidfüßigkeit selbst bei Elfern heraus gehoben. Dann aber regieren Erinnerungen voller Freude und Stolz über den gewonnenen Titel, denn „der Begriff Weltmeister bleibt“.
Über Feierbilder, auch mit dem kaum wahrgenommenen Helmut Kohl in der Kabine, geht eine gute, eher traditionell als dynamisch geschnittene Doku zu Ende, die vor allem reizvoll sein dürfte für alle, die die WM 1990 damals schon – zumeist vor dem Fernseher – miterlebten und denen alle Protagonisten vertraut sind.
Trailer:
Bewertung: 7 von 10 Punkten

