Home MusikInterviews Sevendust zu ihrem Album “Home” (11/99)

Sevendust zu ihrem Album “Home” (11/99)

Autor: Tobi

“Home” heißt das neue Album von Sevendust, die man kürzlich als Support von Skunk Anansie bei einigen derer Gigs in Deutschland sehen konnte. Die Band aus Atlanta bietet auf der Scheibe knackigen, straighten Rock, teilweise der härteren Art, teilweise aber auch sehr melodisch. Beim Track “Licking Cream” (der auch im Januar die nächste Single sein wird) tritt niemand anderes als Skunk Anansie-Frontfrau mit ans Mikro, bei “Bender” tut dies Deftones-Frontmann Chino Moreno, und dies, obwohl Sevendust anfangs gar nicht so begeistert waren von der Idee, Gäste auf dem Album zu haben. Produziert wurde “Home” von Toby Wright, der auch schon für Korn, Alice In Chains, Fishbone, Primus und andere aktiv war. Gut Vorzeichen also, jedoch war nicht immer alles so einfach.

Ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben Sänger Lajon Whitespoon, Drummer und Backvocalist Morgan Rose, Gitarrist und Backvocalist Clint Lowery, Gitarrist John Connolly und Bassist Vinnie Hornsby 1996 beim Indie-Label TVT. Anfang 1997 wurde das Debüt “Sevendust” veröffentlicht, leider allerdings verkaufte es sich kaum. Also nahmen die Jungs die Instrumente in die Hand und gingen auf Tour. Nichts Besonderes, mag der eine oder andere denken. Sevendust aber tourten 21 Monate lang durch die Welt, mit dem festen Glauben an sich und ihre Zukunft. Die Fangemeinde wuchs dann auch immer weiter, und TVT entschloss sich, ein halbstündiges TV-Special unter dem Namen “Live & Loud” aufzuzeichnen, welches letztendlich in ganz Amerika zu sehen war, außerdem noch von unzähligen Radiostationen ausgestrahlt wurde. Sevendust hatten es geschafft, und nach einigen Radioeinsätzen wurde das Debüt-Album schließlich im Mai 1999 mit Gold ausgezeichnet.

Über den Werdegang, die Gastmusiker und das neue Album sprach ich mit Frontmann Lajon im Vorfeld ihres Berlin-Konzerts.

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“Irgendwie hast du auch dein halbes Leben Zeit, das erste Album zu schreiben, dann aber nur drei Monate, um das zweite zu machen.”

MUM: Ihr habt Euren ersten Deal 1996 unterschrieben. Wann habt Ihr Euch denn gegründet?

L: Ich glaube, so vor fünfeinhalb Jahren haben wir erstmals etwas zusammen gemacht. Wir haben alle in anderen Bands gespielt und sind damit aufgewachsen, uns gegenseitig in Atlanta spielen zu sehen. Unser Drummer Morgan hatte dann die Idee, etwas gemeinsam zu machen, wir hatten aber nie das Ziel, einen Deal zu bekommen. Wir wollten nur zusammen etwas Spaß haben. Irgendwie haben TVT uns gehört und kamen dann zu uns, sagten: “Hey, wir finden Euch klasse!”. Sie haben uns dann einen Vertrag angeboten, wir wollten aber nicht und haben neun Monate lang abgelehnt, bevor wir schließlich doch zugesagt haben.

MUM: Euer Erfolg kommt ja mehr vom Livespielen, wie ich gelesen habe.

L: Ja. Ich meine, MTV und diese Geschichten sind gut und helfen uns, aber du kommst deinen Fans – oh, ich sage immer lieber Freunden, weil das intimer ist – näher, wenn du live spielst und sie dich sehen können. Wir haben eine große Anhängerschaft aufgrund unserer vielen Konzerte, und wenn du das sechste Mal in eine Stadt kommst, dann kennen dich die Leute eben auch und wissen, was du tust. Das ist dann eben was anderes als: “Hey, wir gehen uns eine Band angucken!”, das ist eher: “Hey, wir nehmen an einer Sevendust-Show teil!”

MUM: Klang Euer Debütalbum eigentlich anders?

L: Nun, wir sind 21 Monate damit getourt, da lernt man auch viel, und man verändert sich auch etwas. Das Publikum tut dies in dieser Zeit aber auch. Die Musik und auch die Produktion des Albums ist schon viel aufregender als damals. Irgendwie hast du auch dein halbes Leben Zeit, das erste Album zu schreiben, dann aber nur drei Monate, um das zweite zu machen.

MUM: War Toby Wright Euer Wunschproduzent?

L: Ja, Toby ist cool. Viele haben gedacht, dass wir Toby nehmen, weil er Korn produziert hat, aber das ist bei weitem nicht alles. Er hat mit einem meiner Lieblingskünstler gearbeitet, Jeff Buckley, außerdem mit Chris Cornell, The Wallflowers, Alice In Chains oder Metallica. Seine Einstellung ist gut, er hat in unserer Band neue Elemente entdeckt, und er hat eine hart arbeitende Seite aus uns herausgeholt. Wir haben das Album in der Nähe von Boston aufgenommen, in einer umgebauten Scheune, und keiner war um uns herum, außer Pferden und anderen Tieren. Das war so schön. Wir konnten uns hervorragend konzentrieren auf das Album, ich kann es kaum erwarten, das nächste zu machen.

MUM: Wie lange habt Ihr zusammen gearbeitet?

L: Etwa viereinhalb Monate.

MUM: Welche Bands haben dich denn beeinflusst?

L: Oh, ich höre alle möglichen Musikarten. Stevie Wonder war mit Sicherheit einer meiner Einflüsse. Dann mag ich die Band Big Wreck, die sind großartig. Ich habe wohl von jeder Band, die ich höre, etwas dazugelernt. Von Brian McKnight über Alana Davis bis zu Sheryl Crow.

MUM: Wie kam es denn, dass Skin einen Song bei Euch singt?

L: Wir haben Skunk Anansie erstmals auf dem Summerset-Festival in Wisconsin kennengelernt. Da waren 20000 Leute, wir haben im Backstage-Bereich gesessen, und dann haben wir diese Band gehört, und sie klangen so gut. Diese Stimme! Wir fragten uns: “Ist das eine Frau? Wer ist das?”, und sind alle zur Bühne gerannt. Was wir sahen, das hat uns umgehauen. Das ist jetzt Jahre her, aber es steckt immernoch tief in mir. Ich habe nie wieder etwas Vergleichbares gesehen oder gehört, das war das Beste in der Welt. Wir haben dann mit Skunk Anansie noch etwas rumgehangen, wir waren im gleichen Hotel. Dann waren sie vor einiger Zeit Support von Lenny Kravitz, und der schaute bei unseren Aufnahmen vorbei. Da fragte er dann auch, mit wem ich gerne mal gemeinsam einen Song machen würde, und ich sagte ihm, das sei in jedem Fall Skin. Er rief sie an, und sie sagte zu. Als sie dann zwei Tage frei hatten, da kam sie aus London zu uns geflogen. Sie hörte die Musik des Tracks und er gefiel ihr. Wir haben dann gemeinsam den Text geschrieben und den Song gemacht, das war toll. Ich nenne sie immer meine magische, schwarze Frau, sie hat so viel Energie, ist so stark.

MUM: Und deswegen seid Ihr jetzt auch Support für Skunk Anansie?

L: Wir haben sie in den Staaten mit auf Tour genommen und im Gegenzug nehmen sie uns jetzt einige Tage mit.

MUM: Kommt Skin denn für “Licking Cream” zu Euch auf die Bühne?

L: Ja, was eine totale Ehre für uns ist. Wir hätten das nie erwartet, dass sie schon vor ihrer eigentlichen Show zu uns auf die Bühne kommt. Sie kam aber zu uns und fragte: “Machen wir Licked Cream zusammen?”, ich fragte verwundert: “Wirklich?”, und sie sagte: “Klar, sagt mir nur, wann ich da sein soll!” – so kommt sie also jeden Abend zu uns auf die Bühne und wir machen das zusammen, als letzten Song. Das Publikum spielt dann immer total verrückt, das ist wirklich ein große Ehre für uns.

MUM: Ihr habt ja auch “Bender” mit Chino Moreno aufgenommen, dabei wart Ihr doch zuerst nicht so überzeugt davon, überhaupt Gäste auf dem Album zu haben.

L: Wir wollten nur nicht Gäste haben, um dadurch bekannter zu werden. Mit Skin und Chino haben wir aber die Songs zusammen geschrieben, das ist gut so, eher eine Zusammenarbeit. Wir können diese Songs auch gar nicht ohne die Beiden spielen.

MUM: Gibt es denn andere Künstler, mit denen du auch gerne mal einen Song zusammen machen würdest?

L: Ja, mit Xavier Naidoo, der hat eine unglaubliche Stimme. Wir haben vor einigen Tagen ein Video von ihm gesehen und ich dachte: “Wow, das ist toll, ich muss mir seinen Namen merken.” Dann sind wir zu unserem Label Epic gefahren, und als ich dort durch die Gänge ging, da hing Xavier an der Wand, und ich dachte: “Oh Mann, der ist auf unserem Label!”, und ich habe mir seine CDs geben lassen und auch die anderen Jungs damit verrückt gemacht. Wir verstehen zwar nicht, was er singt, aber die Musik ist stark und die Stimme ist großartig. Ich weiß nicht, ob es eine Chance dafür gibt, aber ich würde gerne etwas mit ihm machen. Oder mit Björk, das wäre auch toll.

MUM: Welches sind deine Favoriten auf Eurem Album?

L: “Licking Cream” mag ich sehr, “Waffle” und “Grasp” auch. Eigentlich aber finde ich wirklich die ganze Scheibe toll. Wir waren so lange mit unserem Debüt auf Tour, da ist es prima, neue Musik zu haben, und diese erzählt ja auch von allem, was wir so erlebt haben in der Zeit.

MUM: Die Texte sind also sehr persönlich.

L: Auf jeden Fall. “Home” beschäftigt sich damit, von Zuhause weg zu gehen und dann irgendwann wieder zu kommen, und was alles unterwegs passiert ist, dass unsere Träume wahr geworden sind. Weißt du, man verlässt sein Zuhause für ein Wochenende, und wenn man zurück kommt, dann funktioniert irgendetwas nicht mehr. Wenn du aber dein Zuhause für 21 Monate verlässt, oh Mann – davon handelt das Album.

MUM: Wie sind denn die Reaktionen in den Staaten auf die Scheibe?

L: Großartig! Wir spielen richtig große Konzerte. Wenn wir zurück kommen, dann touren wir mit Metallica. Zu Silvester spielen wir mit Metallica, Kid Rock und Ted Nugent im Silverdome in Detroit vor 90000 Leuten, was mehr kann man sich erträumen?!

MUM: Was macht Ihr in der nächsten Zeit, schreibt Ihr bereits an neuen Songs?

L: Wir haben gerade, als wir zehn Tage frei hatten, zwei neue Songs aufgenommen, einen für den Film “Scream 3” und einen für Oliver Stones neuen Film “Any Given Sunday”. Oliver Stone hat uns angerufen, das war auch toll. Ansonsten touren wir erstmal mit dem neuen Album, es ist ja gerade erst erschienen. Wir spielen mit Metallica, mit Kid Rock und mit Creed.

MUM: Aber keine 21 Monate mehr.

L: Oh nein, das ist Sklaverei. Weißt du, Morgan und ich haben auch beide eine kleine Tochter zuhause, da will man das nicht, und alles läuft inzwischen ja total anders für uns. Wir haben eine sehr gute Zeit und ich bin so glücklich, ein Teil von all dem, was gerade passiert, zu sein.

MUM: Kannst du dich noch erinnern, welches deine erste Platte war, die du gekauft hast?

L: Die erste Scheibe, oh Mann, vielleicht Jackson Five oder so.

MUM: Und die letzte?

L: Ich habe so lange keine mehr gekauft, weil ich die immer alle umsonst bekomme. Aber ich glaube, das war ein Miles Davis-Album. Ich mag Jazz auch sehr.

MUM: Wart Ihr eigentlich mit Eurem Debüt auch auf Tour in Deutschland?

L: Nein, wir waren nur in Holland beim Dynamo-Festival und in London. Wir sind zum ersten Mal hier.

MUM: Wie gefällt es Euch?

L: Wir lieben es. Die Leute scheinen uns gut anzunehmen, das ist cool. Köln war ein bisschen hart, aber wir haben Spaß. Hamburg gestern war gut, das war zwar nur ein Promogig, aber es war voll und die Leute sind gut abgegangen.

MUM: Könntest du dir auch vorstellen, mal Musik für einen Werbespot zu machen?

L: Ja, auf jeden Fall.

MUM: Was für ein Produkt wär dir da am liebsten?

L: Am besten Kleidung – irgendwas, was ich mir nicht leisten kann, man bekommt die Scheiße dann bestimmt umsonst (lacht!).

MUM: Dann könntet Ihr doch auch für Autos werben!

L: Ja, Autos, super Idee – (setzt ein Werbegesicht auf und reckt seinen Daumen nach oben) ich fahre Mercedes, und BMW, und Aston Martin, und ich mag das!

MUM: Gibt es irgendjemanden, den du gerne mal treffen würdest?

L: Ja, Stevie Wonder. Ich fand es schon immer toll, wie er so konzentriert und focussiert sein kann, wenn alles dunkel ist. Das ist bewundernswert und schön.

MUM: Welches war Euer bestes Erlebnis bisher?

L: Woodstock. Als wir dort dieses Jahr gespielt haben. das war toll. Da waren so viele Leute, und so viel Liebe, das war verrückt. Dann regnete es zwei Minuten und ein Regenbogen entstand. Ich sagte: “Hey, schaut Euch diesen Regenbogen dort an!”, und alle drehten sich um und applaudierten, das war eine super Stimmung, das beste bisher, natürlich neben der Geburt meiner Tochter. Wir waren damals in den Staaten gerade dabei, die Tour mit Skunk Anansie vorzubereiten, als meine Lady anrief und mir sagte, dass es soweit sei. Dabei war es zwei Wochen zu früh! Ich bin dann sofort von Portland nach Atlanta geflogen und war rechtzeitig dort, habe mein Baby mit zur Welt gebracht, bin dann noch vier Tage geblieben und habe danach die Tour gestartet. Das war wundervoll.

MUM: Wie alt seid Ihr Jungs eigentlich?

L: Ich bin 27, die anderen sind alt, nein, nein! Aber weißt du was, die lügen so viel, ich weiß echt nicht mehr genau, wie alt sie wirklich sind!

MUM: Aber du bist 27?

L: Ja, wirklich! Manchmal komme ich mir vor wie 56, aber ich bin 27.

MUM: Danke für das Interview, Lajon!

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MUM: Mucke und mehr
L: Lajon von Sevendust

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