
Die Toten Hosen
„Trink aus, wir müssen gehen!“
(Album, JKP, 2026)
Dass man selbst älter wird, das merkt man so richtig, wenn die eigenen Kinder einen nicht über „früher“ reden hören möchten, wo doch so vieles besser war, oder wenn geliebte Künstler abtreten, ob im Filmbusiness oder musikalisch. Bei manchen Regisseuren z.B. wünschte man sich, sie würden den Absprung rechtzeitig geschafft haben, anstatt im hohen Alter ihren guten Ruf noch mit miesen Filmen zu besudeln (a la Francis Ford Coppola oder Roman Polański), und auch bei diversen Bands oder SängerInnen wirkt das kaugummiartige In-die-Länge-ziehen einer einst glorreichen Karriere eher wie ein unnötiger Verzweiflungsakt.
Die Toten Hosen gehören absolut nicht zu diesen, haben sich aber entschlossen, trotzdem aufzuhören, zumindest in puncto neuer Alben. Musikalisch wussten die 1982 gegründeten Düsseldorfer Punkrocker stets zu gefallen, legten 2017 mit „Laune der Natur“ ihr zehntes Nummer-Eins-Album in Deutschland in Folge vor und sorgten mit schwer umjubelten, stets ausverkauften Livekonzerten (auch in Übersee wie Südamerika) auch seitdem immer wieder dafür, dass man nie über ein Abtreten der Band nachdachte. Dass man hierbei so herrlich viele Songs beim Abfeiern mitsingen konnte, untermauerte die Klasse und den Status der Formation, die nie versäumte, immer wieder auch gesellschaftspolitisch klare Kante zu zeigen.

(© Donata Wenders)
Und doch ist es nun soweit, neun Jahre nach „Laune der Natur“ erscheint mit „Trink aus! Wir müssen gehen“ das verkündet letzte Studioalbum der Toten Hosen, samt der mit Gästen eingespielten Cover-Bonusscheibe „Alles muss raus!“, und dann geht es noch einmal auf eine ausgedehnte große Tour, um 2027 nach 45 Jahren vielleicht wirklich abzutreten. Im Vorfeld schon gewährte einem die an einem Tag im Kino und dann in Das Erste gezeigte, nun in der ARD-Mediathek abrufbare 90-minütige Doku „Was bleibt: Die Toten Hosen – Das letzte Album“ Einblicke in den Entstehungsprozess der finalen Scheibe, nun also liegt sie vor.
16 neue Songs bietet das eigentliche Album auf 56 Minuten und wird mit einem kleinen Schmankerl eröffnet. Wer beim Blick auf die Gästeliste der mitveröffentlichten Coverscheibe Die Ärzte vermisst hat, die zunächst als fast feindliche Konkurrenten um den Thron im deutschen Punkrock galten, dann immer mehr zu befreundeten Musikern wurden, der bekommt sie teilweise hier doch verabreicht, singt doch gerade Farin Urlaub das ruhig mit Klavier und zartem Gesang eingeleitete, hinten raus dann rockende „Hier sind die Hosen“.
Dann regieren also ein letztes Mal Campino, Andi, Breiti, Kuddel und Vom und zeigen mit dem punkrockigen, den Elan einer langen Karriere verströmenden „Wir waren nie weg“ dann auch direkt, dass im Finale hier keinen Gang heruntergeschraubt wird. Wenn es am Ende „Wir gehen nie weg“ heißt, dann scheint dies angesichts eines letzten Albums irgendwie geflunktert, aber vielleicht steckt hierin ja eine Ankündigung, live auch in Zukunft immer wieder mal in Erscheinung zu treten.
Mit dem stimmungsvoll treibenden, hoffnungsvollen „Die Show muss weitergehen“ und dem pogofreudig flott abrockenden „Schlechte Nachbarn“ über rechtes Kleinbürgertum lassen die Jungs – oder gut, inzwischen längst Herren, was aber für sie irgendwie zu uncool klingt – dann die beiden Vorab-Singles zur Scheibe folgen.
Das Tempo wird natürlich nicht dauerhaft so hoch gehalten, was überraschend gewesen wäre. Mit den im Midtempo rockenden „Lass mal nicht machen“ über nicht so gute Ideen, dem nostalgischen „Was früher einmal war“ über das Schwelgen in Erinnerungen, „Düsseldorf“ über die Heimatstadt und „Kein Blatt zwischen uns“ als Loblied an couragierte Menschen auf der richtigen Seite gibt es gemäßigter angelegte, aber ebenfalls gut in Ohr und Bein gehende Tracks. „Nur nach vorn“ über vermiedenes Stagnieren ist wieder etwas treibender angelegt, „Schicksal“ noch mehr, und „Keine Macht den Proben“ über unzählige Übungssessions im Proberaum sowie „Ich will“ gehen richtig flott in die Knochen.
Mit „Was ist mit uns los?“ gibt es aber auch eine die aktuelle politische Situation im Land mit erstarkten Rechten hinterfragende Power-Ballade, gefolgt vom ebenfalls ruhiger angelegten, traurigen „Augen zu (Es regnet Blumen)“ über einen schwer fallenden Abschied von einem oder einer Sterbenden. Und auch das dem eigenen Kind gewidmete, mit Streicherflächen garnierte „Glück“ kommt getragen und stiller daher, birgt Melancholie ebenso wie Schönheit – auch Tiefgang war immer eine Paradedisziplin der Hosen und ist es bis zum Ende. Mit dem im Midtempo hymnisch noch einmal zurückblickenden „Trink aus!“ wird ein sehr ordentliches, absolut würdiges letztes Album der Toten Hosen abgeschlossen, das jedem Fan den Abschied erträglicher machen dürfte.
Als Bonus-Album „Alles muss raus!“ bescheren Die Toten Hosen dann 25 nicht von ihnen stammende Songs, die sie jeweils mit den Original-KünstlerInnen eingespielt haben, manchmal auch bei Bands den entsprechenden SängerInnen. Hierbei sind bekannte Songs aus dem Rock wie New Model Armys „51st State“ mit Justin Sullivan, „Komplett im Arsch“ mit Feine Sahne Fischfilet oder BAPs „Kristallnaach“ mit Wolfgang Niedecken ebenso zu hören wie Songs aus anderen Genres.
Die Ska-Nummer „A Message To You Rudy“ mit Neville Staple von The Specials macht gute Laune, „Immer nur geliebt“ kommt mit Sven Regener von Element Of Crime im melancholischen Midtempo daher, und mit dem befreundeten Marteria bringen sie seine über unsere Erde und unser Leben philosophierende HipHop-Nummer „Welt der Wunder“.
Hinzu kommen Stücke von Bands, die die Hosen immer mochten , wie „Something Better Change“ mit Jean-Jacques Burnel von The Stranglers, „Emotional Blackmail“ mit Charlie Harper von den U.K. Subs, „Man In The Box“ mit Eddie Mooney und Mark Standley von V2, „G.L.C.“ mit Noel Martin von Menace, „Meine Familie“ mit Sammy Amara von den Broilers, „Destroy“ mit Koljah von der Antilopen Gang oder „Was ist ist“ mit Blixa Bargeld von Einstürzende Neubauten.
Umso mehr um Aussage geht es in tiefgehenden Liedermacher-Nummern wie „Schon so lang“ mit Hannes Wader, „Kinder“ mit Bettina Wegner oder „Ermutigung“ mit Wolf Biermann, oder auch „Junkies und Scientologen“ mit Thees Uhlmann.
Alphavilles 80er-Pop-Ballade „Forever Young“ mit Marian Gold ist hierbei sicher eine zum Abschied ebenso bewusst gewählte Nummer, die nach der frei eingeschobenen Frage „Willst du wirklich ewig Hippie bleiben? Für immer Punk!“ zum energetischen Rocksong wird. Und sogar vor Schlager schreckten die Hosen nicht zurück, ist Vicky Leandros‘ „Ich liebe das Leben“ doch ein ungemein positives Lied, der hier ebenfalls etwas rockiger interpretiert wird und wie immer einfach nur gute Laune macht. Im Finale der Bonus-Scheibe des Finales covern sich die Hosen dann sozusagen noch selbst, wenn sie „Immer wieder besetzt“ von ihrer eigenen Vorläuferband ZK schmettern, mit Campino und Kuddel „als Gästen“. Ein gerne genommener, reizvoller Bonus, diese ehrerweisende Coverscheibe.
Um zum Eingangsgedanken zurück zu kehren: Der Album-Abschied der Hosen zeigt, dass man nicht jünger geworden ist, und sie sind es eben auch nicht und fahren einen kräftigen Gang zurück, aber rechtzeitig genug mit Klasse anstatt Verzweiflung, mit nochmaliger Lust anstatt Geldmangel – und wir hoffen einfach darauf, dass die Jungs immer wieder mal auch nach 2027 live für Freude sorgen.
Hier sind Die Toten Hosen 2026 und 2027 noch einmal live zu erleben, was sich immer lohnt – und mit schwer angesagten Acts wie u.a. Rise Against, Beatsteaks, Feine Sahne Fischfilet, Donots oder The Stranglers (je nach Termin) sind auch lohnenswerte Special Guests mit am Start, um für die Hosen zu eröffnen:
„Trink aus! Wir müssen gehen“-Tour 2026
07.06.26 LU-Esch/Alzette – Rockhal – AUSVERKAUFT
08.06.26 LU-Esch/Alzette – Rockhal – AUSVERKAUFT
13.06.26 DE-Stuttgart – Cannstatter Wasen – AUSVERKAUFT
20.06.26 CH-Zürich – Stadion Letzigrund – AUSVERKAUFT
27.06.26 DE-Frankfurt – Deutsche Bank Park – AUSVERKAUFT
03.07.26 DE-Düsseldorf – Merkur Spiel-Arena – AUSVERKAUFT
04.07.26 DE-Düsseldorf – Merkur Spiel-Arena – AUSVERKAUFT
08.07.26 DE-München – Hans-Jochen-Vogel-Platz – AUSVERKAUFT
09.07.26 DE-München – Hans-Jochen-Vogel-Platz – AUSVERKAUFT
11.07.26 DE-Berlin – Olympiastadion Berlin – AUSVERKAUFT
17.07.26 DE-Köln – RheinEnergieSTADION – AUSVERKAUFT
18.07.26 DE-Köln – RheinEnergieSTADION – AUSVERKAUFT
25.07.26 DE-Freiburg – Messeplatz – AUSVERKAUFT
14.08.26 DE-Bremen – Bürgerweide – AUSVERKAUFT
15.08.26 DE-Hannover – Messe – AUSVERKAUFT
21.08.26 DE-Nohfelden – Bostalsee – AUSVERKAUFT
22.08.26 DE-Nohfelden – Bostalsee – AUSVERKAUFT
27.08.26 DE-Hamburg – Trabrennbahn Bahrenfeld – AUSVERKAUFT
29.08.26 DE-Dresden – Rinne – AUSVERKAUFT
02.09.26 DE-Münster – Open Air Halle Münsterland – AUSVERKAUFT
05.09.26 DE-Minden – Weserufer / Kanzlers Weide – AUSVERKAUFT
09.09.26 DE-Bayreuth – Volksfestplatz – AUSVERKAUFT
12.09.26 AT-Wien – Ernst-Happel-Stadion – AUSVERKAUFT
Festival 2026
06.08. – 09.08.26 GB-Blackpool – Rebellion Festival – AUSVERKAUFT
„Fútbol, Asado y Vino“ – Die Toten Hosen zum letzten Mal live in Argentinien
05.10.26 Club Unión y Progreso – Tandil
07.10.26 Bioceres Arena – Rosario
10.10.26 Movistar Arena – Buenos Aires
„Trink aus! Wir müssen gehen“-Tour 2027
12.06.27 DE-Nürnberg – Max-Morlock-Stadion
17.06.27 DE-Mannheim – Maimarktgelände
19.06.27 CH-Bern – Stadion Wankdorf
23.06.27 AT-Graz – Messe Graz – Open Air
26.06.27 DE-Leipzig – Festwiese
03.07.27 DE-Braunschweig – Eintracht-Stadion
07.07.27 DE-Konstanz – Bodensee Stadion
10.07.27 DE-Düsseldorf – Merkur Spiel-Arena – AUSVERKAUFT
www.dth.de
facebook.com/dietotenhosen
instagram.com/dietotenhosen_official
Bewertung: 8 von 10 Punkten

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