
Block 10
Darsteller: Christian Berkel, Axel Prahl, Moritz Führmann, Bibiana Beglau
Regie: Marcus O. Rosenmüller
Dauer: 103 Minuten
FSK: freigegeben ab 16 Jahren
Website: www.camino-film.com/filme/block10
Facebook: facebook.com/caminofilm
Instagram: instagram.com/caminofilmverleih
Kinostart: 5. November 2026
Das Konzentrationslager Auschwitz steht wohl wie kein anders Symbol für die unfassbaren Gräueltaten des NS-Regimes. Während aber die bestialischen Verbrechen des Lagerarztes von Auschwitz-Birkenau, Josef Mengele, weitgehend bekannt sind, sind die Vorgänge in Gebäudeblock 10 des Stammlagers wohl kaum jemand ein Begriff. Eine Tatsache, die Regisseur Marcus O. Rosenmüller („Münter & Kandinski“) und Produzentin/Drehbuchautorin Alice Brauner berechtigterweise als Aufklärungsauftrag und dringend änderungsbedürftig empfanden und uns jetzt in ihrem erschreckenden Drama „Block 10“ mit den barbarischen Menschenversuchen dort konfrontieren.
Statt einer naheliegenden Dokumentation wählen sie zur Präsentation der detaillierten Rechercheergebnisse gezielt das Mittel des Spielfilms und erzählen uns die wahre Geschichte des renommierten jüdischen Gynäkologen Max Samuel, der nach seiner Deportation von Köln nach Auschwitz von Mai bis November 1943 im berüchtigten Block 10 des Lagers als Häftling an widerwärtigen Menschenexperimenten beteiligt war. Die dienten den verantwortlichen Ärzten Wirths und Clauberg zu ihrer Profilierung durch die Erforschung von Gebärmutterhalskrebs respektive im Fall von Clauberg explizit durch die Entwicklung einer effektiven, fast industriellen Sterilisationsmethode, mit der massenweise hauptsächlich Jüdinnen unfruchtbar gemacht werden sollten.
Und anders als in einem sachlichen Dokumentarfilm haben wir tatsächlich einen ganz anderen emotionalen Zugang zur tragischen Figur des Max Samuel (Christian Berkel), dem hier das Schicksal so böse mitspielt. Schon kurz nach seiner Ankunft in Auschwitz nämlich – wir werden gleich eingangs Zeugen des menschenverachtenden Selektionsprozesses auf der Rampe – hat der eigentlich keine andere Wahl, als in die Kooperation mit den SS-Ärzten einzuwilligen. Zu mächtig ist das Druckmittel, seine mit ihm nach Auschwitz gebrachte Tochter unverzüglich umzubringen, als dass ihm eine Weigerung ernsthaft in den Sinn kommen würde.

Dr. Maximilian Samuel (Christian Berkel, rechts) kämpft mit SS-Lagerarzt Dr. Horst Schumann (Johannes Zirner, links) einen vergeblichen Kampf um die Frauen in Block 10.
(© Foto: Anne Wilk / CCC Film / Camino Filmverleih)
Trotzdem lässt uns die ganze Zeit über der Gedanke nicht los, wie man sich derart instrumentalisieren lassen kann, wie es Samuel hier tut. Und das ist neben dem Erkenntnisgewinn über Block 10 auch die ganz große Stärke von Rosenmüllers Film, der uns anschaulich das moralische Dilemma Samuels und gleichzeitig die brutale Perfidie aufzeigt, mit der die SS-Schergen die Mitarbeiter ihres mörderischen Apparats bei Bedarf auch aus den Reihen der Opfer rekrutieren. Denn anders als bei so manchem berüchtigten Kapo, der auch in Block 10 gegen Sonderbehandlung für Ordnung unter den Mitgefangenen sorgt, verleiht Christian Berkel seinem privilegierten Kollaborateur sofort eine schmerzhafte Zerrissenheit, die sein quälendes schlechtes Gewissen sehr gut spiegelt.
Das ist angesichts der Eingriffe, die Samuel an den bemitleidenswerten Frauen vornimmt, auch angebracht. Denn neben hochdosierten, qualvollen Bestrahlungen führt er bald schon experimentelle Gebärmutterinjektionen und sogar Eierstockentnahmen durch, die die weiblichen Häftlinge außer zu Studienzwecken meist ohne adäquate Nachsorge über sich ergehen lassen müssen. Nur schwer zu ertragen sind da beim Wissen um den absoluten Wahrheitsgehalt die realistischen Szenen, in denen uns Rosenmüller mitnimmt in den OP und uns wiederholt unter Schreien durchgeführte Operationen fast zu nah miterleben lässt, die an Menschenverachtung kaum zu überbieten sind.
Eine Eigenschaft die vor allem den verantwortlichen SS-Arzt Clauberg, von Axel Prahl mit hemdsärmeliger, gleichgültiger Monstrosität gespielt, auszeichnet, der sich mit seinen Studienergebnissen zur Sterilisation dem mit der Judenvernichtung betrauten Reichsführer SS, Heinrich Himmler, andient. Aber so schrecklich die Vorgänge auch sind, stellt sich nach einer Weile doch irgendwie ein Abstumpfungseffekt ein, der nicht nur ermüdet sondern offensichtlich auch von Max Samuel Besitz ergreift. Wie anders ist es zu erklären, dass sein routiniertes Engagement zeitweise über das geforderte Maß hinausgeht, selbst wenn er sich auch unter ständiger Bedrohung stets bemüht die Folgen für die Opfer so gering wie möglich zu halten.
Schockierend aber bleibt der wichtige, fein recherchierte Streifen allemal, der den vielen Schicksalen Gesichter gibt und in der klaustrophobischen Enge des nach Zeugenaussagen originalgetreu nachgebauten Blocks 10 sowohl dem Blick auf Opfer als auch auf Täter genügend Platz einräumt. Zwar hängt der Plot zwischenzeitlich etwas durch, schnürt uns dafür aber manchmal regelrecht die Kehle zu und macht mit seiner plastischen Erinnerung an die NS-Grausamkeiten wieder einmal fassungslos.
Trailer:
Bewertung: 7 von 10 Punkten

