
Glaube
Darsteller: Blanca Soroa, Patricia López Arnaiz, Miguel Garcés, Nagore Aranburu
Regie: Alauda Ruiz de Azúa
Dauer: 117 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.leoninedistribution.com/filme/69e61b8db4582aa5908f1593/glaube
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Kinostart: 29. Oktober 2026
Der typische Coming-of-Age-Film handelt vom Erwachsenwerden in all seinen Erscheinungsformen: Ausprobieren, Erfahrungen machen und meistens sogar Ausbrechen aus vorgegebenen Strukturen, die Gesellschaft und Familie allgemein vorsehen. Was aber, wenn das Erwachsenwerden mit dem kompletten Gegenteil einhergeht, und das Ausleben von Freiheiten überhaupt keine Rolle spielt? Dieser Frage spürt die Spanierin Alauda Ruiz de Azúa in ihrem deswegen äußerst untypischen Coming-of-Age-Drama „Glaube“ nach, das religiöse Erweckung und den familiären Umgang damit anregend diskutiert.
Im Fokus steht hier die 17-jährige Ainara (Blanca Soroa), die demnächst ihren Schulabschluss in der Tasche haben wird. Wie bei eigentlich allen Altersgenoss:innen stellt sich auch ihr die Frage: Was kommt danach? Beziehungsweise stellt sich die Frage vornehmlich ihrem Umfeld, denn für sie steht spätestens seit der Probewoche im Kloster fest, dass sie ihre Zukunft als Nonne dort sieht. Außergewöhnlich ist ihr Plan allemal, dass für ihre genauso fürsorgliche wie lebenslustige Tante Maite (Patrizia López Arnaiz) damit jedoch gleich eine Welt zusammenbricht, ist dann doch ein wenig übertrieben.
Aber so wirft uns Regisseurin Ruiz de Azúa unvermittelt mitten hinein in eine Debatte, die bei der Sorge um das Lebensglück des lieben Nachwuchses selten ausbleibt. Und während Ainaras verwitweter Papa Iñaki (Miguel Garcés) einigermaßen gelassen reagiert – ohnehin steht für ihn seit geraumer Zeit die Familie seiner neuen Partnerin im Mittelpunkt –, ist sich seine Schwester Maite sicher, dass es sich bei Ainaras Entscheidung nur um eine vorübergehende geistige Umnachtung handeln kann, vor deren Konsequenzen ihre Nichte mit allen Mitteln zu bewahren ist. Denn für sie wirft Ainara leichtfertig ihr Leben weg, kann deren Zukunft eigentlich nur in dessen vollem Auskosten gerne während eines Studiums liegen.
Dabei ist Ainara selten klar in ihren Gedanken, hat vor kurzem ihre Liebe zu Gott entdeckt und denkt nun eben ihre Erfüllung in der Nähe zu ihm im Kloster zu finden. Doch das ist für die weniger spirituell veranlagte Maite nur schwer zu akzeptieren, die eher in der Beeinflussung durch die katholische Schule oder den attraktiven, jungen Ordenspriester die Gründe für die angebliche Verwirrung ihrer Nichte sieht und ihrem Bruder gleich eine Mitschuld daran gibt. Damit freilich macht Ruiz de Azúa eine weitere Baustelle auf, wo wir doch gerade noch dabei sind uns zwischen den so gegensätzlichen Einstellungen zu positionieren.
Maites Vorwürfe nämlich reichen bis weit in die Vergangenheit zurück und so bekommen wir obendrein Einblick in eine Familie, die seit dem Tod von Ainaras Mutter deutlich dysfunktionale Züge angenommen hat. Bilden die vielleicht die Grundlage für Ainaras Entschluss, oder ist es gar die Flucht vor Überforderung mit belastenden gesellschaftlichen Einflüssen, der alle Jugendlichen ausgesetzt sind? Fragen, die die Regisseurin nicht nur in familiären Streitgesprächen sondern vor allem mit einer fast zärtlichen Annäherung an ihre Protagonistin zu klären versucht.

Ainara und die Mutter Oberin vorm Altar
(© 2025 David Herranz)
Die spielt die junge Blanca Soroa genauso sanft wie fest entschlossen und macht so die religiöse Erweckung ihrer Ainara absolut glaubwürdig, mit der die allen noch so hartnäckigen Umstimmungsversuchen trotzt. Denn auch wenn diese unsicher irdischen Verlockungen ausgesetzt ist, als sie ihrem Schwarm aus dem Schulchor auf dem heimischen Bett näher kommt oder wie alle nach Orientierung suchenden Heranwachsenden ständig am Handy hängt, kann das ihren Glauben und ihre geplante Hingabe an Gott nicht erschüttern und zeugt von enormer Charakterstärke.
In ruhigen Einstellungen diskutiert Ruiz de Azúa hier ungemein einfühlsam ihre Grundsatzfrage, zeigt dabei gleichermaßen nachvollziehbare Positionen auf und malt ganz nebenbei auch noch ein plastisches Bild der modernen, eigentlich traditionell erzkatholischen spanischen Gesellschaft. Das ist nicht nur schön anzuschauen und von Anfang an tiefgründig, sondern mit Ainaras unbeirrbarem Glauben insbesondere ein nachhaltiges Statement in Sachen Toleranz.
Trailer:
Bewertung: 7 von 10 Punkten

