
(© Scarlet Page)
Nachdem Placebo zu ihrem 30-jährigen Bandjubiläum bereits 2024 die tolle Doku „This Search For Meaning“ über ihre Karriere kurz ins Kino brachten und dann 2025 in einer 5-Disc-Deluxe-Version mit Blu-ray, DVD und Audio-CDs veröffentlichten (lies unsere Rezension hier), folgte Mitte 2026 eine Neuauflage des selbstbetitelten Debütalbums aus dem Jahr 1996, das mit Platz 5 der britischen Charts direkt ein großer Erfolg wurde. „Placebo RE:CREATED“ (hier unsere Review) gefiel mit seinen dynamischer anmutenden, überarbeiteten und erweiterten Fassungen aller zehn Songs des Originals sowie zwei Bonus-Songs aus der Zeit der damaligen Veröffentlichung. Zur Krönung der Feierlichkeiten wurde dann die „Placebo 30th Anniversary Tour“ angesetzt mit dem vielsagenden Untertitel „Playing songs from Placebo & Without You I’m Nothing“ – den Fans war also klar, dass endlich auch der geliebte, live lange vermisste Hit „Every You Every Me“ aus dem zweiten Longplayer „Without You I’m Nothing“ (1998) mal wieder in die Setlist rutschen könnte. Kein Wunder, dass die Kölner LANXESS Arena im Innenraum und Unterrang gut gefüllt war und es nur im Oberrang löchrig aussah, als Placebo am Abend des 2. November 2026 hier vorstellig wurden.
Eröffnet wurde dieser ab 20 Uhr von der belgischen Band Maria Iskariot. Die Combo aus Gent bot krachige und laute Punk-Songs in flämisch niederländischer Sprache, natürlich vor allem aus ihrem 2025 veröffentlichten Debütalbum „Wereldwaan“. Frontfrau Helena Cazaerck schrie oft mehr als sie sang, aber zusammen mit Gitarristin Loeke Vanhoutteghem, Bassistin Amanda Barbossa und Drummer Sybe Versluys gelang es ihr durchaus, einen zu packen, durch die druckvollen, brachialen Songs mit einigen guten Ideen, aber auch durch ihre Ausstrahlung und ihr Engagement. Da ging sie schon mal für „Dat Vind Ik Lekker“ zu den ersten Reihen und forderte zum Mitsingen der für alle leichtverständlichen Zeile auf, und bei ihrer Coverversion „Tijm“ des Pixies-Klassikers „Tame“ begab sie sich crowdsurfend in bzw. über die Menge. Sprachlich bedingt können Maria Iskariot vermutlich nicht allzu viel außerhalb ihrer Regionen reißen, und doch wussten sie als Vorband zu gefallen und hatten auch offensichtlich Spaß am Arena-Gig, den sie wie verkündet so eigentlich nicht gewohnt sind.
Ab 21 Uhr waren dann Placebo an der Reihe – nach einer aufgezeichneten Ansage auf Deutsch und auch von Brian Molko auf Englisch, dass das Publikum bitte die Smartphones in der Tasche lassen soll, so dass eine besondere Beziehung zwischen Band und Fans aufgebaut werden kann. Die vom Frontmann bald noch einmal auf der Bühne wiederholte und auch zur musikalischen Reise in die Vergangenheit bestens passende Aufforderung saß, man sah kaum mal hochgehaltene Geräte – wie angenehm!
Zum „Sirens Club Mix“ von „Bionic“ wurde auf dem Vorhang zunächst ein Video eingespielt, das Szenen der Bandgeschichte von 2026 bis 1996 zeigte, wobei besonderer Jubel bei den alten Aufnahmen mit David Bowie aufbrandete – dann fiel der Stoff. Mit „Pure Morning“, dem Opener ihres zweiten Albums, wurde das Konzert eröffnet, und dann ging es munter zwischen den beiden im Fokus stehenden Scheiben hin und her. Auf „Come Home“ als erste Nummer des Debüts folgte mit „You Don’t Care About Us“ wieder ein Stück aus 1998, dann „Teenage Angst“ und „Bionic“ aus 1996 sowie die tolle Power-Ballade „Without You I’m Nothing“ als Titelstück zwei Jahre später.
Der charismatische, stimmlich immer überzeugende Sänger/Gitarrist Molko und Bassist Stefan Olsdal zeigten sich vom Start weg spielfreudig und hatten offensichtlich Spaß an der eigenen Historie, die hier gefeiert wurde. Unterstützt wurden die beiden von drei weiteren Musikern und einer Keyboarderin, die bei einigen Nummern auch zur E-Geige griff. Eine stimmige Lichtshow mit sich bewegenden Elementen und Projektionen der Musiker oder ergänzender Einspieler auf die Hochkant-Leinwände rechts und links der Bühne sowie einige vertikale LED-Wände hinter der Band boten einen aufwändigen, passenden Rahmen für die Geburstagsfeier.
Die Single „36 Degrees“ fehlte nicht und über Songs wie die ruhigeren „Lady Of The Flowers“ und „My Sweet Prince“, das rauere „Allergic (To Thoughts Of Mother Earth)“ und das laut krachige „Brick Shithouse“ konnte man sich mal wieder freuen. Als absolutes Highlight aber entpuppte sich „I Know“, das Placebo in den frühen Jahren fast nie spielten und welches seit 2018 nicht mehr auf ihren Konzerten erklang. Erster nicht aus den beiden Alben stammender Song des Abends war dann die 2026er-Single „Helen Keller“, wobei sie schon gut hier rein passte, handelt es sich doch um eine vokale Neuaufbereitung des einstigen instrumentalen Hidden Tracks „H. K. Farewell“ vom Debüt.
Hiermit ging es dann in den stimmungsvollsten Teil des Konzerts, standen doch nicht nur die mitreißenden Singles „Bruise Pristine“ und „Nancy Boy“ auf der Setlist, sondern in der Zugabe – ja, endlich mal wieder – auch das zwischen 2015 und 2024 live komplett ausgesparte „Every You Every Me“, der größte Hit und Ohrwurm der Band, von den Fans natürlich entsprechend abgefeiert. Als letzte Nummer bescherten Placebo dann mit „Running Up That Hill“ von Kate Bush noch eine Coverversion, bevor diese besondere, umjubelte Jubiläumsparty dann nach etwas über eineinhalb Stunden beendet wurde.
Ein tolles, durch den Fokus auf die ersten beiden Alben mal wieder ganz anderes Konzerts von Placebo, die aus dem Debüt nur zwei Stücke ausließen, aus dem Nachfolger drei plus Hidden Track. Man darf gespannt sein, was die Band, die im März 2022 mit dem erneut gelungenen „Never Let Me Go“ (lies unsere Rezension hier) nach neun Jahren Pause wieder ein neues Album vorgelegt hatte, im Anschluss an die Tour plant – die einmal mehr beglückten Fans würden sich natürlich einen neuen Longplayer wünschen.
Hier sind Placebo in den kommenden Wochen im Rahmen der „Placebo 30th Anniversary Tour“ noch bei uns live zu erleben:
04.11. CH-Zürich – Hallenstadion
09.11. München – Olympiahalle
10.11. A-Wien – Stadthalle
16.11. Berlin – Uber Arena
21.11. Stuttgart – Hans-Martin-Schleyer-Halle
_____________________
Links:
Website von Placebo
Website von Maria Iskariot
Website der LANXESS Arena Köln
