Home Film„Rose“ – bewegendes Historiendrama mit einer begeisternden Sandra Hüller

„Rose“ – bewegendes Historiendrama mit einer begeisternden Sandra Hüller

Autor: Mick

"Rose" Filmplakat (© Piffl Medien)

Rose

Darsteller: Sandra Hüller, Caro Braun, Godehard Giese, Robert Gwisdek
Regie: Markus Schleinzer
Dauer: 93 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: pifflmedien.de/filme/rose
Facebook: facebook.com/PifflMedienFilmverleih
Instagram: instagram.com/piffl_medien
Kinostart: 30. April 2026


Für mächtig Aufsehen sorgte Sandra Hüller, als sie im Februar für ihre Darstellung der „Rose“ im gleichnamigen Historiendrama des Österreichers Markus Schleinzer den Silbernen Bären der Berlinale gewann. Denn die Tatsache einer Frauenrolle, für die in der Handlung die Verkörperung eines Mannes vorgesehen ist, ist per se mit reichlich Zweifeln behaftet, kommt man dabei doch unweigerlich um das Thema Glaubwürdigkeit nicht herum, mit der der gesamte Film steht oder fällt. Ihre Auszeichnung zeugt davon, dass Schleinzer und Hüller hier einiges richtig machen in einem Streifen, der sich mit wohl komponierten Schwarz-Weiß-Bildern das historisch verbriefte und gleich eingangs zitierte Vorgehen einer deutschen Frau zum Vorbild nimmt, sich durch das Verschleiern ihres Geschlechts in einer durch und durch patriarchalen Gesellschaft ihrer Nachteile zu entledigen.

Das aber ist hier noch dramatischer, als irgendwann im 17. Jahrhundert in den Wirren des 30-jährigen Kriegs ein junger Soldat mit einem Dokument in der kargen, winterlichen Einöde eines entlegenen protestantischen Dorfes steht und den Besitz eines seit Jahren verlassenen Hofs reklamiert. Argwöhnisch beäugt die konservative Gemeinde, angeführt von einem missgünstigen Großbauern (Godehard Giese), den durch eine Kugel böse entstellten Neuankömmling mit der merkwürdig androgynen Ausstrahlung. Und zugegeben, auch wir brauchen ein paar Momente, bis wir drin sind in der großartigen Performance von Sandra Hüller als Rose, die mit größtmöglicher Überzeugung den resoluten Soldaten ständig auf der unheilvollen Gewehrkugel herumkauend und mit breitkrempigem Hut gibt.

Sympathien gewinnt sie mit ihrem ruppigen, bestimmten Auftreten weder bei uns noch in der Dorfgemeinschaft, doch ihr Dokument hält der Überprüfung stand, und zumindest beginnt sie sofort, das verfallene Gut unter Schaffen von Arbeitsplätzen und Wohlstand auf Vordermann zu bringen. Schon bald blenden wir die Zweifel aus, die anfangs noch durch die hohe Stimme und zarte Gesichtszüge genährt werden, denn Hüllers Selbstverständnis im maskulinen Gestus ihrer Rose rückt diese bei langsam aufkommenden Animositäten rasch in den Hintergrund. Schleinzer fängt dies in atmosphärischem Schwarzweiß sensibel ein, wenn er Rose mit den unumstößlichen Gepflogenheiten einer in Glauben und Tradition tief verwurzelten Gesellschaft konfrontiert und vor existenzielle Entscheidungen stellt.

"Rose"Szenenbild (© Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film, Foto: Gerald Kerkletz)

Rose (Sandra Hüller)
(© Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film, Foto: Gerald Kerkletz)

Immerhin begleitet von einer fürstlichen Mitgift ist deswegen schnell die Hochzeit mit Suzanna (Caro Braun), der Tochter des Großbauern, arrangiert, die angesichts des stillen Geheimnisses so viel Entdeckungsgefahr birgt. Doch der scheinbare Feind im eigenen Haus, der noch in der Hochzeitsnacht mit einfühlsamen Worten vertröstet wird, und dem gegenüber Rose gegen die Gerüchte bald doch mit einem Horndildo ihren ehelichen Pflichten nachkommen muss, erweist sich hier als überraschend solidarische Partnerin. Denn simple Bienenstiche werden kurze Zeit später wegen einer allergischen Reaktion Roses zum Kulminationspunkt einer schon da mit subtiler Spannung aufwartenden Geschichte, als schließlich Roses Entkleidung durch die konsternierte Suzanna unumgänglich ist.

Dramatisch nimmt der Streifen richtig Fahrt auf, wird minütlich vielschichtiger und bietet dabei so viele mögliche Verläufe an, dass wir ihm gefesselt in seine klug konstruierte nächste Phase folgen. Ist es allein Existenzangst, die Suzanna von einer Denunziation abhält oder vielleicht sogar so etwas wie Zuneigung zu ihrer auch als Mann schon jederzeit verlässlichen Lebensgefährtin in einer überaus fortschrittlichen queeren Beziehung? Den Verrat durch die von Caro Braun kongenial gespielte Suzanna jedenfalls schließt Schleinzer fein beobachtend bald aus, wenn deren Schwangerschaft bei uns neue Fragen aufwirft, die Gemeinde jedoch fürs erste beruhigt. Die Gefahr aber kommt von außen überraschend von einer sich plötzlich meldenden, gehässigen Augenzeugin über die beiden Verbündeten, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Und schon sind wir mittendrin in einem spannenden Drama über eine Gesellschaft, der es gar nicht in erster Linie um den Erbbetrug geht, sondern hauptsächlich um das Verhindern eines alternativen, noch dazu erfolgreichen Lebensentwurfs, für den vor allem die aufgebrachten Männer noch nicht bereit sind. Wann Rose sich für den Geschlechtswandel entschied, bleibt bis zuletzt offen, Schleinzers intelligent aufgebautes, tiefgründiges Historiendrama jedoch beweist, dass sie damit selbstbewusst ihre vorgesehene Rolle als weitgehend rechtlose Frau zumindest für eine Weile hinter sich lassen kann. Das ist nicht nur visuell unheimlich inspirierend, sondern stellt gleichzeitig kluge Fragen, die nachhaltig beschäftigen. Und Sandra Hüller ist nach einer kurzen Aufwärmphase mit ihrem nuancierten Spiel im Gespann mit Caro Braun schlicht eine Offenbarung.

Trailer:

Bewertung: 8 von 10 Punkten

 

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