
Agnes Obel
„The Meaning Of Flowers“
(Album, Deutsche Grammophon, 2026)
Sechs Jahre ist es her, dass Singer/Songwriterin und Tastenkünstlerin Agnes Obel mit ihrem vierten Album „Myopia“ erstmals die Top Ten der deutschen Charts erklimmen konnte. Es hatte sich herumgesprochen, dass die seit 2006 in Berlin lebende Dänin wundervolle, ruhige Musik abseits jedes Mainstreams bietet, mit der sie in der dänischen Heimat ja bereits zwei Nummer-Eins-Scheiben zu verbuchen hatte, das Debüt „Philharmonics“ aus 2010 ebenso wie dessen Nachfolger „Aventine“ aus 2013. Für diesen erhielt sie Silber in Großbritannien, war nun also auch hier in den Ohren angekommen, und der David-Lynch-Remix von „Fuel To Fire“ half hierbei sicher ebenso wie die mehrfache Verwendung des Klavierstücks „September Song“ in der TV-Serie „Big Little Lies“.
Dass Agnes mit ihren atmosphärischen Stücken immer wieder auch in Filmen, Serien oder Werbespots zu hören war, kann man gut nachvollziehen, sind ihre Lieder doch etwas Besonderes. Dies untermauert die 45-Jährige nun auf ihrem neuen Werk, das durch die Geburt ihrer Tochter während des COVID-19-Lockdowns inspiriert wurde, und generell von der Welt um uns herum und der Metamorphose in ihr. Obel widmet die Scheibe ihrer Tochter, „die mich verändert hat und wachsen ließ und mir so viel beigebracht hat“.

(© Alex Brüel Flagstad)
Auf den 52 Minuten von „The Meaning Of Flowers“ beschert Agnes zwölf neue Stücke, die sie in ihrem Berliner Studio selbst geschrieben, aufgenommen, arrangiert und produziert hat, wobei sie Klavier, Keyboard und Synthesizer gespielt hat, Samples eingebaut hat, und natürlich hören wir auch wieder ihren Gesang in unterschiedlicher Ausprägung bis hin zum seltenen Pitchen. Für Geige, Viola, Violoncello, Bass, Lap-Steel-Gitarre, Harmonium, Flöte, Saxofon und Perkussion sowie Hintergrundgesang waren zusätzliche MusikerInnen involviert.
Eröffnet wird das Album vom sphärisch dahinfließenden, mit fragilem Gesang versehenen Titeltrack, der Agnes nach dem Lesen von Emanuele Coccias „Die Wurzeln der Welt: Eine Philosophie der Pflanzen“ einfiel, einer tiefgründigen Neueinordnung der Beziehung von Mensch, Natur und Pflanzenwelt. Das gezupft entspannte, fast sieben Minuten lange „Laymelli“, das Obel bereits vorausgeschickt hatte, bringt mit seinem später einsetzenden Rhythmus dann direkt etwas Schwung, ohne aber die ruhige Grundstimmung der Scheibe abzulegen.
Inspiriert ist diese Nummer von der Dichtung der sumerischen Hohepriesterin Enheduanna, die als erste namentlich bekannte Autorin der Welt gilt, so wie auch das ambientlastige „Gemini“, wobei auch Obels Bewusstsein für ein komplexes Universum eine Rolle spielt, „das von der Schönheit und Kraft des Lebens und der Metamorphose zusammengehalten wird“, womit wir wieder bei Coccia wären.
Mit „Never Been“, „Don’t Look Down“ und „No Such Thing As Silence“ gibt es etwas songlastigere, von Pop- oder Filmmusik beeinflusste Songs, und das minimalistische „Deem Me Now“ ist mit tiefen elektronischen Sounds unterlegt, während beim ruhigen „Beyond The Sun“ das Piano in unterschiedlicher Dynamik als Begleitung dient.
Im gefangen nehmenden „Jenn’s On The Way“ spielen die Streicher neben Blubbertönen eine größere Rolle, während das von Enheduannas Hymnen an Inanna (die Göttin von Geburt, Liebe, Sex, Gesang und Krieg) beeinflusste „Blood So Red“ über die archaische Erfahrung des Gebärens mal etwas mehr Anstrengung hörbar macht.
Im einzigen Instrumentalstück „Tangerine“ sind gegen Ende der Scheibe dann Saxofon-Arpeggien, Celesta und Klavier in einem reizvollen Zusammenspiel zu hören, und „Faustian Deal“ schließt mit abwechslungsreichem Arrangement und Zupf-Momenten bis hin vom Hintergrundgesang ein weiteres gutes Album von Agnes Obel ab, die wieder mit schöner, atmosphärischer Musik und besonderen Klangwelten zu verzaubern weiß.
Hier ist Agnes Obel live bei uns zu erleben:
21.09.2027 Düsseldorf – Tonhalle
09.11.2027 Stuttgart – Liederhalle Beethovensaal
10.11.2027 Nürnberg – Meistersingerhalle
12.11.2027 Hamburg – Laeiszhalle
13.11.2027 Berlin – Uber Eats Music Hall
www.agnesobel.com
facebook.com/agnesobelofficial
instagram.com/agnesobel
Bewertung: 8 von 10 Punkten

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